Reiseprinzip Zufall Wandern, wohin der Würfel will

Alea iacta est: Zwei untrainierte Stadtmenschen wandern von München in die bayerische Provinz und lassen neun Tage lang den Würfel über die Richtung entscheiden - eine Entdeckungstour zu Industriegebieten, Hauptverkehrsstraßen und unvergesslichen Landschaften.

Von Sebastian Poliwoda


Die Idee ist simpel: Wir laufen von unserer Wohnung mitten in München los und sehen, wo wir in neun Tagen rauskommen. Ziel, Kompass, Karte – so etwas brauchen nur Weicheier mit Angst vor Kontrollverlust und trendversessene Jakobspilger. Wir nicht. Stattdessen: An jeder Kreuzung wird abwechselnd entschieden, wo es langgeht. Der andere kann ein Veto dagegen einlegen - fünf Vetos pro Tag sind erlaubt, dann heißt es: würfeln. Bei einer Eins oder Zwei gehen wir nach rechts, bei einer Drei oder Vier nach links, bei einer Fünf oder Sechs geradeaus: Der Würfel ist der Weg. Hübsche Idee. Fatale Wirkung.

1. Tag: Nordic Walking für Arme - von München zu Kloster Schäftlarn

Wir wollen schnell raus aus München. Das misslingt. Direkt am Bahnhof muss ich das erste Veto vergeuden, weil Eva rechts Richtung Wiesn will. Meine Begleiterin, muss man wissen, hat einen Orientierungssinn wie ein Grottenolm. Wir marschieren ein erstes ausgedehntes Quadrat in Sendling. Bei Kilometer 19,84 erreichen wir Höllriegelskreuth. Ich spüre einen ziehenden Schmerz in beiden Leisten, die Schultern sind angescheuert vom Rucksack, in dem eigentlich nichts drin ist. Zwei T-Shirts, zwei Hosen, ein Pullover, Regenhaut, Waschzeug, Würfel. Wir laufen weiter die Isar entlang. Eva hat zwei Äste zu Wanderstöcken umfunktioniert, eine Art Nordic Walking für Arme. Passanten schauen irritiert.

In Hohenschäftlarn sitzen wir ermattet auf dem Bürgersteig und starren auf den Verkehr. Ein Schild sagt: "Kloster Schäftlarn drei Kilometer." Ich meine, Eva leise schluchzen zu hören. Vielleicht hätten wir ein bisschen trainieren sollen vor der Tour. Schmerzbilanz: die Schultern tiefrot, Fußballen fühlen sich an wie geschwollene Tennisbälle. Die Bedienung der Klosterschänke Schäftlarn meint besorgt: "Bis Venedig geht’s aber nimmer, oder? Da hat’s ja auch schon so viel gschneit am Weg." Wenn ich könnte, würde ich jetzt lächeln.



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