Reisespeisen Mandelträume auf Gran Canaria

Auf Gran Canaria kurven an den Wochenenden viele Canarios ins verträumte Landesinnere. Ziel so mancher Begierde: Bienmesabe, eine sündhaft süße Mandelcreme. Hergestellt im Örtchen Tejeda, in der nostalgischen Konditorei von Rosa Maria und José Antonio.

Von Martin Cyris


Sonne, Sand und mildes Klima. Das ist Gran Canaria. Wer an die kanarische Insel denkt, denkt aber auch an verrunzelte Salzkartoffeln und Gofio, an jenes geröstete, gipsähnliche Gerstenmehl, das schon die Ureinwohner zu einem faden Brei verrührten und von den Touristen zumeist verschmäht wird. Nicht gerade eine kulinarische Köstlichkeit, wegen der man in den Flieger steigen muss.

Dafür gibt die "Dulceria Nublo", die Konditorei von Rosa Maria Medina Vega und José Antonio Quintana Navarro, genügend Grund zumindest für einen Ausflug ins idyllische Hinterland der Insel. Die Fahrt führt größtenteils durch geschützte Natur. Auch die kleine Backstube des Ehepaars ist eine Oase – für süße Leckereien und nostalgische Träumereien von vergangenen Zeiten. Die Dulceria Nublo verführt viele Einheimische, aber auch Touristen zu sündhaft süßen Leckereien.

Tejeda, ein verschlafenes, bezaubernd gelegenes Örtchen in den Bergen rund um den schroffen Felsen Roque Nublo, ist ein beliebtes Ausflugsziel. Es steht für das alte, ländliche Gran Canaria. Für ein kleines Fleckchen heile Welt. Ein echter Ruhepol abseits des Trubels der Touristenhochburgen Playa del Inglés oder Maspalomas.

Egal, aus welcher Richtung man anreist, auf kurvenreichen Straßen geht es nach Tejeda, fast der geografische Mittelpunkt der Insel. Ein Großteil des Hinterlands bildet Biosphärenreservate. Fast die Hälfte der Inselfläche steht unter Naturschutz. Unter Artenschutz sollten auch Rosa Maria und José Antonio gestellt werden. Sie und ihre Dulceria Nublo wecken Erinnerungen an vergangene Zeiten und Heißhunger auf süßes Gebäck und sündhafte Desserts.

Süßer Traum aus Mandeln, Zucker und Zimt

"14 große Gläser Bienmesabe, bitte!" ruft eine ältere Dame im Verkaufsraum. Sie stammt aus dem Süden der Vulkaninsel und deckt sich mit der Spezialität des Hauses ein: Bienmesabe, eine klebrige Creme aus Mandeln, Zucker und Zimt. Mit ihrem Einkauf versorgt die Frau ihre Verwandten und Nachbarn. Vor der Fahrt nach Tejeda hat sie die Bestellungen aufgenommen. Bienmesabe (auf Deutsch: es schmeckt mir gut) erhält man zwar auch in einigen Lebensmittelläden von Gran Canaria, doch Fabrikverkauf ist auch hier etwas Besonderes.

Die Dulceria Nublo mitsamt ihrem Intérieur ist es ohnehin. 1948 wurde sie von Dolores Navarro gegründet, der Mutter von José Antonio. Seit 22 Jahren werkeln Rosa Maria und José Antonio in der Backstube und versorgen die Insel mit Blätterteiggebäck, Mandelbrot, Pralinen und natürlich Bienmesabe. Die Rezepte und das Handwerkszeug haben sie sich von Dolores abgeschaut.

In den Räumen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auf einem Tisch ist ein angekokelter Behälter montiert. Er erinnert an einen Betonmischer. Darin werden Mandeln kandiert. Davor häuft sich ein beachtlicher Berg mit dem zuckrigen Erzeugnis. Nebenan stapeln sich Holzreste, offensichtlich Abfall aus einer Schreinerei. "Damit befeuern wir unseren Ofen", sagt Rosa Maria. Übrigens der einzige verbliebene, kommerziell genutzte Holzbackofen auf der gesamten Insel. Die Holzabschnitte stammen von einem Sargbauer aus einem Nachbardorf.

In einer anderen Ecke der Konditorei steht ein altertümlich anmutender, hüfthoher Apparat. Der weiße Lack hat schon bessere Tage gesehen. "Mein bestes Stück", sagt José Antonio und gibt der Maschine einen Klaps. Es ist eine Maschine zum Enthäuten von Mandeln. Baujahr 1950. Pro Jahr werden 70.000 Kilo Nüsse in der Dulceria Nublo verarbeitet.

Mandelbäume für die Bienmesabe

Bevor die Mandeln enthäutet werden, sortieren Rosa Maria und José Antonio die Reste der Schalen aus. Obwohl die beiden zehn Angestellte haben, erledigen sie diese Arbeit nicht selten höchstpersönlich. Nach dem Ausklauben der extrem harten Schalen werden die Mandeln schließlich ein paar Minuten in kochendes Wasser getunkt.

"Durch das heiße Wasser lässt sich die Haut ganz leicht lösen", erklärt José Antonio. Die feuchte, pappige Haut spritzt aus der Maschine gegen ein an der gekachelten Wand befestigtes Brett. "Das war mal ein Klapptisch", lächelt Rosa Maria. Er stammte aus einem sehr bekannten schwedischen Einrichtungshaus. Nicht nur beim Feiern zeigen die Canarios Improvisationstalent.

Gerade weil nach außen nicht alles perfekt und rationalisiert wirkt, steht die Bienmesabe aus der Dulceria Nublo für ehrliche Arbeit und alte, ländliche Werte: "Wir verwenden nur Naturprodukte", sagt José Antonio. Weil die Erträge auf Gran Canaria mittlerweile zu gering ausfallen – nur noch wenige Bewohner leben vom Mandelanbau – beziehen die beiden auch Nüsse von der Kanareninsel La Palma und vom spanischen Festland, aus Alicante. "Die sind unseren Mandeln am ähnlichsten", sagt Rosa Maria.

1700 Mandelbäume haben sie pflanzen lassen, um in Zukunft wieder mehr heimische Mandeln verarbeiten zu können. Außerdem sorgen die Bäume dafür, dass die Mandelblütenpracht auf Gran Canaria im Januar und Februar um unzählige Blüten bereichert wird.

Bitter oder süß?

"Mandeln sind das Gold unserer Region", sagt Rosa Maria. Deshalb veranstaltet Tejeda im Wechsel mit der Gemeinde Valsequillo de Gran Canaria jährlich am ersten Februarwochenende das Mandelfest. Dann haben sich auch die Nebel verzogen, die den Roque Nublo (Nublo = Nebel) im Winter oft wie einen Schleier umhüllen.

Ob ein Mandelbaum Süß- oder Bittermandeln trägt, weiß man übrigens erst, wenn der Baum zum ersten Mal getragen hat. Süß oder bitter bleibt er dann sein Leben lang. Wer Bienmesabe aus der Dulceria Nublo probiert, geht dieses Risiko nicht ein. Die Mandelcreme von Rosa Maria und José Antonio ist garantiert süß – sündhaft süß.



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