Rethymnon: Kretas venezianische Seele

Katerina rollt Weinblätter, Nikos rührt Schafsmilch-Eis, und Giorgos backt Blätterteigkuchen. Soweit so griechisch. Doch im Hafenstädtchen Rethymnon spürt ein Mann namens Kostas den venezianischen Spuren auf Kreta nach.

Rethymnon: Klein-Venedig von Kreta Fotos
TMN

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Rethymnon - Laut schlägt die Kirchturmuhr des Doms die Stunde, als Kostas Giapitsoglou um die Ecke biegt. Der Chefarchäologe von Rethymnon ist stolz auf seine Heimat. Das spürt man. "Fast 90 Prozent unserer historischen Bausubstanz ist heute noch erhalten", berichtet er. Seit Jahren kümmert sich der Fachmann darum, dass wertvolle alte Häuser in der 30.000 Einwohner zählenden Stadt nicht einfach abgerissen werden. "Das Bewusstsein für das architektonische Erbe musste erst mühsam geschaffen werden."

Kostas spaziert durch die Gassen der Altstadt. Sie erinnern an das verschlungene Wegenetz von Venedig. "Unter den Venezianern erlebte Rethymnon eine Blütezeit", sagt Kostas. Sie errichteten viele Gebäude, wie etwa die große Loggia. Dort trafen sich die venezianischen Adligen zum Diskutieren.

Die Venezianer nutzen Kreta jahrhundertelang als strategisch günstigen Stützpunkt für ihr Handelsimperium. Die imposanten Eingangsportale der alten Palazzi zeugen davon, ebenso wie die großen Bögen aus Stein im Erdgeschoss vieler Häuser.

Trotz allem touristischen Trubel hat sich in der Altstadt eine gewisse Idylle erhalten. In der Konditorei Mona Lisa steht Nikos Skartsilakis in der Küche. Der junge Mann stellt gerade Eis her - auf traditionelle Weise, das heißt auf Kreta mit Schafsmilch. "Das schmeckt viel besser", erklärt er. "Unser Eis ist aber auch teurer und hat mehr Kalorien."

Kaffee im heißen Sand

Gleich nebenan im Café Meli Melo können Gäste einen Kafe sti chovoli bestellen. Kaum ein Lokal bietet diesen klassischen griechischen Kaffee noch an. Er ist nicht allzu stark, hat aber einen intensiven Geschmack. Das Besondere dabei ist die uralte Art der Zubereitung: Der Kaffee wird in einem Kupferkännchen langsam im heißen Sand gekocht.

Vermutlich auch bald museumsreif ist der Beruf von Giorgos Chatziparaschos, dem letzten Blätterteig-Bäcker Rethymnons. Giorgos hat nichts dagegen, wenn Besucher ihm bei der Arbeit in seiner Backstube zusehen. Seit 1942 produziert er alles von Hand. Der Blätterteig gilt als kulinarisches Relikt aus osmanischer Zeit. Denn 1646 besiegten die Türken die Venezianer und nahmen Rethymnon ein. Sie blieben über 200 Jahre Herrscher der Stadt - und das sieht man ihr heute noch an. "Die Osmanen gestalteten die Bauwerke einfach nach ihrem Geschmack um", erklärt der Archäologe Kostas und zeigt auf einige Häuser in der Altstadt.

"Sie ließen an die venezianischen Wohnpaläste in der ersten Etage Erker aus Holz anbauen." Die zum Teil gut renovierten Erker setzen sich deutlich von den Renaissance-Portalen ab, die charakteristisch für Rethymnon sind, verziert mit Blättern, Blumen und Gesichtern. So spiegelt sich in den Häuserfassaden die Geschichte der Stadt.

Aus Kirchen machten die Osmanen Moscheen. Sie versahen das ehemalige Augustiner-Kloster aus dem 16. Jahrhundert mit einem 40 Meter hohen Minarett. Von dort oben, wo einst der Muezzin zum Gebet rief, haben Besucher heute einen Panoramablick auf die Stadt und das Meer. Die Neratzes-Moschee ist die größte von den fünf verbliebenen Moscheen in Rethymnon, doch Moslems beten hier schon lange nicht mehr. Der Raum wird für Veranstaltungen genutzt. Im Inneren herrscht eine andächtige Stimmung. Musik erklingt. Ein Student übt für ein Konzert am Abend.

Kochkurse gegen die Krise

Viele der Moscheen wurden nach dem Abzug der Türken in orthodoxe Kirchen umgewandelt. Und so ist vom Hotelzimmer mitten in der Stadt der leise Gebetssingsang von einem Gottesdienst in der Nähe zu vernehmen. Die Mehrheit der Bevölkerung von Rethymnon ist inzwischen orthodoxen Glaubens. Doch schwingt eine orientalische Note in der Stadt mit: die Minarette, die Läden, die manchmal wie ein Basar anmuten, das Gewirr in den Gassen.

In einem begrünten Innenhof eines Palazzos aus dem 16. Jahrhundert speisen Gäste an Holztischen mit Tischdecken. Sie sitzen inmitten von Blumen, Kräutertöpfen und Kunstwerken. Auch Kostas macht hier Pause.

Katerina Xekalou hat ihr Restaurant "Avli" 1987 eröffnet, zu einer Zeit, als viele der historischen Gebäude noch auf Erweckung warteten. "Ich habe immer an eine Wiederbelebung der Stadt geglaubt", erzählt sie. In Kochkursen gibt die leidenschaftliche Köchin Rezepte ihrer Großmutter weiter. Detailliert erklärt sie, wie etwa gefüllte Weinblätter gut gelingen, und versucht, dabei die Begeisterung für frische Zutaten von der Insel zu wecken.

"Wir bereiten die Küche Kretas kreativ zu", sagt Katerina Xekalou. Das Geheimnis dabei sei, unverfälschte lokale Produkte zu verwenden, wie das hochwertige Olivenöl der Insel. "Die Küche ist ein Teil unserer Identität", meint die Kreterin, "und der Glaube daran ist in der derzeitigen Situation des Landes wichtiger denn je."

Daniela David/dpa/jus

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insgesamt 21 Beiträge
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1. lesen Sie mal in Holidaycheck...
fritzfrie 23.06.2013
..die Berichte über die Anmache und die Betrügereien speziell in Rethymnon am Hafen. Ich kann diese Berichte aus eigener Erfahrung voll bestätigen.
2. Kreta ist immer eine Reise wert!
arminp 23.06.2013
Speziell die Ecke um Rethymno und Chania ist sehr sehr schön. Tolle Städte, lang gestreckte Strände, schöne Ferienhäuser (etwas abseits von den klassischen Touristädten, in den angrenzenden Bergen, immer noch nah am Meer, auch sehr nah an den Einheimischen und idyllisch gelegen) und das Preisleistungsverhältnis stimmt immer noch! Wer sich in den typischen Touriflecken anbaggern und abzocken lässt, hat einfach auch selbst schuld, oder?! Ich tanke wenn vermeidbar in Deutschland auch nicht gerade auf der Autobahn! Warum gehen also immer wieder viele Touris ausgerechnet im Hafen von Rethymno in das nächst beste Restaurant, dass sie aggressiv anbaggert? Wer vorher in einen aktuellen Führer schaut, oder Einheimische fragt, kann so manche Enttäuschung vermeiden! Alles wie bei uns auch!
3. Schon
mariakäfer 23.06.2013
vor zwanzig Jahren fühlte ich mich in Rhetymnon nicht wohl, man wurde förmlich in Restaurants gerissen und unfreundlich beschimpft wenn man dankend ablehnte. Ich habe keine stolzen Bäcker oder Eisverkäufer gesehen, alles ist auf Massentourismus ausgelegt. Selbst in den hinteren Winkeln der Stadt suchte man vergebens nach Flair. Photos von Kreta sind immer toll. Die Realität ist eine andere.
4. Am Hafen
to5824bo 23.06.2013
Zitat von arminpSpeziell die Ecke um Rethymno und Chania ist sehr sehr schön. Tolle Städte, lang gestreckte Strände, schöne Ferienhäuser (etwas abseits von den klassischen Touristädten, in den angrenzenden Bergen, immer noch nah am Meer, auch sehr nah an den Einheimischen und idyllisch gelegen) und das Preisleistungsverhältnis stimmt immer noch! Wer sich in den typischen Touriflecken anbaggern und abzocken lässt, hat einfach auch selbst schuld, oder?! Ich tanke wenn vermeidbar in Deutschland auch nicht gerade auf der Autobahn! Warum gehen also immer wieder viele Touris ausgerechnet im Hafen von Rethymno in das nächst beste Restaurant, dass sie aggressiv anbaggert? Wer vorher in einen aktuellen Führer schaut, oder Einheimische fragt, kann so manche Enttäuschung vermeiden! Alles wie bei uns auch!
Naja, da haben Sie natürlich recht. Aber es stimmt schon, dass man am wunderschönen Hafen von Rethymno (und übrigens auch an dem m.E. noch ein bisschen schöneren von Chania) nicht in Ruhe flanieren kann, ohne permanent angekobert zu werden. Nach spätestens 10 Minuten hat man gewiss 20 x gehört: "Cool drrriiink?", "Grrreeeek Food?","Frrresh Fish?" "Icecream for the kids?", "Rent Rroom?", "Glassbottom-boat only xx Eurro" usw.usf. Manchmal drehe ich dort eine Runde nur aus dem Grund, um mir all das und noch viel mehr wieder einmal anzuhören und mich darüber - nicht zuletzt über den liebenswerten Akzent - zu amüsieren. Anschließend dann auf einen Frappé in mein Stammcafé am Venezianischen Brunnen zum Relaxen und Geniessen (und seien wir ehrlich: Leute-Gucken :-). PS: Danke für den schönen Artikel über eine herrliche Stadt und Insel. PS 2: Ich habe gerade noch den Beitrag gelesen, wo es heißt, man werde ggf. beschimpft , wenn man nicht einkehrt. Das mag es hier und da einmal geben, aber das ich bei mittlerweile 7 Urlaubsaufenthalten in der Gegend noch nie erlebt. Wenn man deutlich und freundlich(!) ablehnt, passiert nach meiner Erfahrung gar nix.
5. Holidaycheck
Periander 23.06.2013
Zitat von fritzfrie..die Berichte über die Anmache und die Betrügereien speziell in Rethymnon am Hafen. Ich kann diese Berichte aus eigener Erfahrung voll bestätigen.
Ihrer Empfehlung folgend habe ich das Reiseziel Hafen von Rethymnon auf Holiday Check geprüft. Ein klassischer Nörgler war dabei, der Rest empfiehlt dieses Reiseziel und zwar mit einer Weiterempfehlungsrate von 89%! Um es den Mitforisten leicht zu machen, hier der Link dazu: Hafen von Rethymnon - Hafen Rethymno - - - Europa (http://www.holidaycheck.de/reisetipp_bewertung-Hafen+Rethymno+Hafen+von+Rethymnon-ch_rt-id_61575.html) Eine Empfehlung hätte ich noch: wie wärs mt Mallorca...?
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Reise nach Rethymnon
Veranstaltungen
In Rethymnon wird regelmäßig im Spätsommer das Renaissance-Festival abgehalten und vom 5. bis 12. Juli 2013 das Festival der kretischen Küche. Dazu feiern die Kreter im Verlauf des ganzen Jahres 2013 mit Musik, Festen, Ausstellungen und Aktionen 100 Jahre Zugehörigkeit zu Griechenland.
Lage
Rethymnon liegt an der Nordküste der Insel Kreta, etwa in der Mitte zwischen den größeren Städten Heraklion und Chania. Beide verfügen über Flughäfen mit Direktflügen nach Deutschland.