Retroreise durch Norwegen Mit Bulli, ohne Smartphone

Zehn Tage, 1500 Kilometer, und auf den Tisch kommt nur, was Natur und Tauschgeschäfte hergeben. Drei Freunde reisen in einem alten VW Bulli zum Preikestolen in Norwegen. Der Versuch eines Campingtrips wie vor 35 Jahren - ohne Google Maps und Navi.

Von Malte Brenneisen

Malte Brenneisen

Gefühlt ist der Abenteuerurlaub schon am Terminal im dänischen Hirtshals vorbei. In der Wartelinie 45 direkt vor mir: ein zehn Meter langes Luxuswohnmobil mit Garage im Heck, Bootsanhänger und Ufo-Satellitenschüssel auf dem Dach. Hinter mir: ein Mannschaftsbus, aus dem vier Niederländer in Fußballtrikots springen. Sie schütteln grölend ihr Dosenbier, damit es noch druckvoller in ihre Rachen schießt.

Ich hatte mir das anders vorgestellt. Hier an der Spitze Dänemarks wünschte ich mir einen verträumten kleinen Küstenanleger mit urigem Fährmann. Irgendwas jedenfalls, das zu unserem Vorhaben passt: Wir wollen mit dem Bulli durch Norwegen, zum Felsen Preikestolen am Lysefjord. Eine Retroreise, wie vor 35 Jahren. Ohne Google Maps, ohne Whatsapp und ganz wichtig: ohne Dosenravioli. Dafür mit meinen Freunden Molli und Jens in den Fjorden angeln, Pilze und Beeren sammeln oder ein Floß bauen.

Die ausgeschalteten Smartphones verschwinden im Handschuhfach, das bisschen Bargeld muss für Notfälle reichen, die Kreditkarte wollen wir nur zum Tanken nutzen. Im Innenraum von meinem Bulli namens "Kotten", Baujahr '75, verlassen wir uns auf Gasherd und Kühlfach. Auf dem Dach haben wir drei Angeln und unter dem Klappbett die Notnudeln für Jens, der ausgerechnet gegen Fisch allergisch ist. Außerdem mit dabei: meine Herrenhandtasche samt Ohmmeter, WD40-Kriechöl und reichlich Gaffa-Tape sowie zwei Gitarren.

Sabotage durch Schotterstein

Kurz vor Mitternacht rollen wir in Kristiansand vom Schiff. Die erste Hürde ist der Zoll, denn wir haben viel zu viel Wein dabei. Aber hier kostet Alkohol bekanntlich ein Vermögen - und wie sollen wir uns sonst bei den Einheimischen bedanken, bei denen wir das Jedermannsrecht auf die Probe stellen wollen? Das Recht, auch auf Privatgrundstücken überall in Norwegen wild zu campen und ein Feuer zu machen, ist viel zu verlockend. Es grenzt an ein Wunder, dass wir mit unseren müden Augen und den Gitarren auf dem Dach nicht vom Hafenwachmann rausgewunken werden.

"Da ist ein schöner Zipfel auf der Karte, könnte eine Insel sein", sagt Jens, Norwegens erster Kotten-Co-Pilot. Er dreht die Faltkarte ein paar Mal hin und her. Smartphone- und Navi-Verbot. Es ist stockduster. Auch auf dem etwa 20 Kilometer entfernten Zipfel sieht man im Lichtkegel nichts als Felsen. Wir halten auf einem Schotterplatz, werfen Mollis Wurfzelt so lange durch die Luft, bis es steht, dann verschwinden Jens und ich hinter Kottens Gardinen. God Natt Norge!

Viel zu früh am Morgen klopft Molli an die Tür. Ein kleiner Schotterstein hat sich durch seine Luftmatratze gebohrt. "War gemütlich", sagt er ironisch und presst sein noch matschiges Gesicht an die Scheibe. Nach Kaffee aus der Espressokanne und einer Kanisterdusche machen wir uns auf den Weg in das Zipfeldorf, das eigentlich Flekkerøy heißt.

Schon nach wenigen Metern entfaltet sich vor uns eine Landschaft, wie ich sie höchstens aus den Streifzügen von Michel aus Lönneberga kannte. Kleine rote, gelbe und grüne Holzhütten mit weißen Fensterläden, am Straßenrand Horden von Briefkästen auf Holzpfählen mit eigens gezimmerten Vordächern. Ein Minikutter legt am heimischen Bootssteg an, und der Kapitän - weißbärtig, dickbäuchig und Pfeife rauchend - zieht Reusen über die Reling, in denen die Königskrabben krabbeln. Endlich Abenteuer, denke ich.

Ein Gummiköder als Geschenk

"Nicht in die Gallenblase stechen!", warnt mich Molli zwei Tage später im Jøssingfjord, als ich die fangfrische Makrele ausnehme. "Das verdirbt den Geschmack." Das mit der Galle weiß er von Leander, unserem Fjordnachbarn. Mit seiner Frau Helena macht der Bergener Urlaub im Luxuswohnmobil - während wir uns jetzt nachts zu dritt auf Kottens Klappbett pressen.

Leander braucht den Fjord nur anzuschauen, dann fliegen ihm die Edelfische entgegen. Unser laienhaftes Gehedder mit den Angeln kann er keine fünf Minuten ertragen, dann schenkt er uns seine übrigen Makrelen. Mit nur einem Schnitt filetiert er den Fisch in seinem Mini-Workshop für uns "Naturburschen". Für die Weiterreise schenkt er jedem von uns einen bunten Gummiköder.

Am Fuß des Preikestolen droht die erste Niederlage auf diesem Trip: Wir biegen ab auf den Campingplatz mit dem verlockenden Duschschild. Endlich heißes Kranwasser statt eiskalter Bergseen. Zum Abendbrot gibt es Reis mit Gemüse, das wir auf dem Parkplatz eines Hofladens gegen zwei Flaschen Merlot getauscht haben. Gestriegelt und gestärkt machen wir uns am nächsten Morgen an den Aufstieg. Schon nach wenigen Höhenmetern fragen wir uns: Sind wir auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela gelandet? Völkerwanderung!

Menschenmassen hangeln sich den steinigen und steilen Pfad hoch. Es geht durch Wälder und Bachläufe, an tiefen Schluchten vorbei und über Holzstege bis hoch zur Baumgrenze. Menschentrauben bilden sich, wo das nächste Handyfoto geknipst werden muss. Wir ziehen vorbei.

Nach anderthalb Stunden erhebt sich vor uns das Felsplateau, der Höhepunkt unserer Reise. Schweigeminute. Die Bilder aus dem Reiseführer halten ihr Versprechen. Bis zum Horizont kann man in den Lysefjord blicken; die Kreuzfahrtschiffe klein wie Legosteine. Auf die Klippe setzen sich nur die Mutigsten und irgendwann auch Molli.

Jetzt fehlt uns nur noch eins: eine Zwille, mit der wir die ferngesteuerte Drohne über unseren Köpfen abschießen können, die ungefragt versucht, unsere stolzen, verschwitzten Gesichter zu fotografieren. Vor 35 Jahren hätte das Ding jeder für ein Ufo gehalten. Kurz überlege ich, es mit den Proviantmöhren abzuwerfen.

Schöner scheitern mit Kreditkarte

Kurz vor Oslo wollen wir am Abend noch mal das Jedermannsrecht testen. Im Gegensatz zu unseren bisherigen Nachtlagern sieht der Bootsanleger unten am Tyrifjord wirklich privat aus. Und tatsächlich: Kaum stehen Grill und Klappstühle, da startet am Landhaus oben am Hügel ein alter Pick-up und fährt im Schleichtempo auf uns zu.

Ein großer, alter Mann mit weißen Haaren und blauer Latzhose steigt aus, zückt Notizblock und Stift und notiert Kottens Kennzeichen. "Wie lange bleiben Sie? Fischen Sie? Bleiben Sie! Bleiben Sie!" Wir wissen gar nicht, wie uns geschieht, und schenken ihm sofort unseren letzten Weinvorrat.

Schon von weitem blinkt uns auf dem Weg zur Fähre gen Heimat die Reklame eines Fastfood-Restaurants entgegen. Ich sehe die Mission Retroreise hier eindeutig scheitern: "Burger, Maxi-Pommes und 'ne Cola - zum hier Essen und per Kreditkarte, bitte", lautet Jens' vernichtende Bestellung. Nach neun Tagen Notnudeln mit Tauschgemüse, mickrigen Makrelen und am Wegesrand gesammelten Himbeeren und Pilzen endet so unsere autopannenfreie Tour durch Norwegen.

Noch während wir in der Fußgängerzone am Hafen die Burger essen, wische ich über mein Smartphone. 116 neue Nachrichten leuchten auf dem Display, darunter auch der Hinweis für ein mögliches Navi-Update. Rebellisch verbanne ich die App von meinem Telefon. Denn so viel ist sicher: Ohne Navi verirrt man sich viel schöner.

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jejo 15.10.2013
1. Retro?
Es sind bestimmte eigene Beschränkungen, aber "retro" (oder der Versuch) ist das sicher nicht gewesen. Denn vor 35 Jahren wäre Espresso sicher kein typisches Merkmal einer solchen Tour gewesen, Dosenravioli hingegen schon. Und den Wein hätte man auch nicht so einfach schmuggeln können. Nein, das war irgendwas eigenes, aber sicher nichr "retro". (Außerdem: "Hirtshals" statt "Hirsthals".)
UbuRoy 15.10.2013
2. .
Wie kann man auf andere Art als die geschilderte überhaupt in den Urlaub fahren? Wir machen das u.a. mit unserem 60 Jahre Alten Peugeot 403 Kombi und dann auch eher nicht ins enge & unfreundliche RentnerWoMoParadies Norwegen, sondern eher nach Weißrussland, Libyen, Georgien oder Iran. Da gibt außer nicht vorhandenen Smartphones meist auch nicht vorhandene Straßen. Eher Anspruchsvoll zum Reisen im Gegensatz zu Norwegen... gähn.
jejo 15.10.2013
3. Absurde Bildunterschrift
Und die Bildunterschrift zu Bild #7 "Idyllisches Norwegen: Eine Landschaft, wie der Autor sie höchstens aus Michel Lönnebergas Streifzügen kannte" ist einfach nur absurd. Die Landschaft Smålands (in Schweden) sieht nun dramatisch anders aus als die dieser Ecke Norwegens. Das ist in etwa so, als ob man die Schweizer Alpen besucht und feststellt, dass die Landschaft einen doch stark an Mecklenburg-Vorpommern erinnert. Ja, es ist Landschaft, es stehen Häuser mit Dächern drin, in denen Menschen leben, und die gesprochenen Sprachen erinnern auch etwas aneinander.
stammbus 15.10.2013
4. Das Jedermannsrecht ...
... gilt aber nur für Zelter, nicht für Wohnmobile.
doppelkeksmeier 15.10.2013
5. Michel wer von wo?
Sicher möchte der Autor hier einen Vergleich mit der bekannten Romanfigur von Astrid Lindgren machen, welcher leider nicht geglückt ist. Warum, das darf der Autor selbst herausfinden. Lesen bildet ja bekanntlich.
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