Von Stephan Orth
Weit aufgerissen sind die knallroten Augen, grün die Wangen, seltsam gespalten die Nase. Auf den ersten Blick würde das aus Holz geschnitzte Monster mit den weißen Zahnreihen sich gut auf einem Totempfahl nordamerikanischer Indianer oder auf einer Maske in Papua-Neuguinea machen.
Nur die blonden Heidi-Zöpfe, die am Kopf der Maske aus Arvenholz befestigt sind, verraten eine andere Herkunft: Das Foto entstand nicht in der exotischen Ferne, sondern im Lötschental in der Schweiz. "Wenn man das quasi vor der Haustür entdeckt, ist das phantastisch", sagt Fotograf Carsten Peter, der in einem kleinen Ort in Oberbayern lebt. "Ich reise sehr viel, das schärft natürlich den Blick für solche Dinge."
In seinem Bildband "Alpendämonen" stellt er mit Texten und Fotos 20 verschiedene Traditionen aus dem Alpenraum vor, bei denen gruselige Masken, Umzüge in Verkleidungen und heidnische Bräuche eine Rolle spielen. Oft geht es dabei symbolisch darum, den Winter und seine Dämonen zu vertreiben und eine wärmere Jahreszeit einzuläuten. So wird beispielsweise bei der "Wudelejagd" im Südtiroler Ort Tramin die kalte Jahreszeit durch drachenartige "Schnappviecher" dargestellt, die im Verlauf des Umzugs von Männern in Metzgergestalt niedergemetzelt werden - sie stehen für den Frühling, der den Winter besiegt.
Über insgesamt vier Jahre erstreckten sich Peters Recherchen, einige Veranstaltungen besuchte er mehrmals, bis er mit seiner Ausbeute zufrieden war. "Fotografisch war das sehr schwierig: Man muss nah dran sein, Distanzen überwinden - und vieles spielt sich nachts ohne gute Beleuchtung ab", sagt Peter. Doch durch ihre Bewegungsunschärfen und düstere Stimmungen heben die Nachtaufnahmen die Fremdartigkeit der Motive hervor: Der Gruseleffekt wird verstärkt, wenn nicht jedes Detail eindeutig zu erkennen ist. "Möglichst exotisch" sollten die Motive rüberkommen, das war das Ziel des Fotografen. Keine Hochglanz-Aufnahmen sollten es werden, sondern "ein fremder Blick auf die eigene Kultur".
Trommel und Schrumpfkopf
Das gelingt auf vielen Bildern: zum Beispiel dann, wenn im Allgäu ein Klausen mit seiner spitzen Schaffell-Mütze stark an ein Mitglied des amerikanischen Ku-Klux-Klans erinnert. Oder wenn bei der "Wilden Gjoad" in Untersberg der Tod mit einer Trommel und sein Gehilfe mit Schrumpfkopf über das Land ziehen - das Bild würden wohl die meisten Betrachter eher in die Schublade "afrikanisches Voodoo-Ritual" einsortieren als unter "österreichischer Adventsbrauch".
So nah und doch so seltsam, so kamen dem Fotografen manchmal auch die Begegnungen mit den Teilnehmern solcher Umzüge und Rituale vor. "Das ist ein eigener Kosmos mit eigenen Begriffen, wo man als Außenstehender Schwierigkeiten hat reinzukommen."
Darüber hinaus musste Carsten Peter bei einer solchen Recherche immer damit rechnen, zum Opfer von Monstern und Dämonen zu werden. Die Buttnmandl in Berchtesgaden jedenfalls, wilde Kerle mit gehörnten Masken, verpassten ihm eine zünftige Abreibung. "Die sind über mich hergefallen, dabei sind Teile von meinem Objektiv zu Bruch gegangen", berichtet er.
Für den weit gereisten Fotograf, der sonst auf spektakuläre Bilder von Outdoor-Abenteuern und Naturaufnahmen spezialisiert ist, wurde das Projekt zu einer besonderen Prüfung: Maskierte Fassadenkletterer bewarfen ihn von einem Dach im Salzburger Land mit Schnee, ein Fiesling im "Habergoass"-Ziegenkostüm klaute seine Mütze, Hexen trieben ihren Schabernack mit ihm. "Je mehr man sich mit diesen Bräuchen beschäftigt, desto fremder kommt einem das alles vor", sagt Peter.
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