Rund um die Civetta Nahe an der vertikalen Maßlosigkeit

Die Civetta ist der gewaltigste Kletterberg der Dolomiten. Trainierte Bergsteiger schaffen seine Umrundung an einem Tag. Doch mehr Genuss erlebt, wer die vier Hütten und vielen Kilometer der schönsten Höhenwege und Klettersteige ohne Zeitdruck erwandert.

Von Ralf Gantzhorn


Rifugio Tissi: Die Hütte auf 2262 Meter Höhe sollte auf der Höhentour nicht links liegen gelassen werden
Ralf Gantzhorn

Rifugio Tissi: Die Hütte auf 2262 Meter Höhe sollte auf der Höhentour nicht links liegen gelassen werden

Ein letzter Händedruck, ein letztes Lächeln - dann ist es weg. Mein Auto. Und mit ihm Freund und Kletterpartner Christoph. Zurück lassen sie ein schwer bepacktes Ich und den Berg. Ich brauche mich nur umzusehen, dann fällt er mir fast auf den Kopf. "Klotzinger" würde Christoph jetzt sagen, aber der ist ja schon auf dem Weg in die horizontale Betonwüste Berlin. Und Ersatzpartner Dietmar kommt erst heute Abend. Bis dahin bin ich alleine und habe alle Zeit der Welt, um in Ruhe ein wenig das Fürchten zu lernen. Vor dieser ganz anderen Art von Steinwüste, der dunkel dräuenden Südwand des Torre Trieste.

Die ganze Zeit, während ich meinen schweren Rucksack der Hütte entgegenschleppe, sehe ich diesem Monstrum von Wand ins Gesicht. Hoch. Steil. Mythenumrankt. Ich möchte es so machen wie die meisten Wanderer um mich herum. Die laufen ganz gemütlich zur Vazzoler-Hütte hoch, genießen in aller Ruhe das Panorama und steigen ohne die Sorge, jemals Hand anlegen zu müssen an dieses Panorama, wieder ab. Wie diese Hütte liegt, das hat der wortgewaltige Walter Pause so beschrieben: "Nichts Schöneres für den im Zivilisationsschutt der Großstadt versehrten Mann, als im Zaubergarten um die Vazzoler-Hütte anzukommen: in dieser wunderbar heilsamen Unordnung, welche die Urzeit und die Abwesenheit des Menschen erhalten haben.

Mit erschreckender Heftigkeit stoßen die riesigen Felstürme gegen den Himmel, mit sanfter, dichter Süße trösten die Latschengärten, das Dickicht der Bergwälder, die rauschenden Wasser, das üppige Grün. 'Der schönste Fleck auf der Erde', schrieb sich ein treuer Hüttengast auf, "hier möchte ich begraben sein...'" Für Letzteres fühle ich mich definitiv zu jung. Auf der Vazzoler-Hütte kann man auf jeden Fall lernen, dass das Dasein und Dableiben als Kletterer in einer Hütte auch jenseits des lustvollen Gequäles in der Senkrechten seine Vorteile hat.

Frühstück mit einer Extraportion Kuchen

Tagesgäste kommen und gehen, wir aber bleiben. Und das gleich für mehrere Tage. Violetta, eine der Hüttenangestellten, gesellt sich am Abend zu meinem mittlerweile eingetroffenen Kletterpartner und mir. Sie ist Studentin, spricht fließend Englisch und sorgt für einen angenehmen Abend. Ohne dröges Gerede über Griffabfolgen, Schwierigkeitsgrade und Möglichkeiten, das Gewicht der Rucksäcke weiter zu minimieren.

 Rifugio Tissi: Der Pelmo verhüllt sich in Wolken
Ralf Gantzhorn

Rifugio Tissi: Der Pelmo verhüllt sich in Wolken

Am nächsten Tag klettern wir eine Eingewöhnungstour am Torre Venezia, dem etwas kleineren Bruder des Torre Trieste am anderen Ende des Hüttenpanoramas. Und dann ist es so weit, dann klingelt der Wecker um 5 Uhr. Violetta versüßt uns das Frühstück mit einer Extraportion Kuchen, und das nette Lächeln dazu vertreibt den Schlaf endgültig. Und dann haben wir sie geklettert, die "Carlesso" am Torre Trieste. Auch wenn ich in der Schlüsselseillänge (VIII) hemmungslos in den Haken gegriffen habe.

Mit der "Solleder" durch die Civetta-Nordwestwand im Hinterkopf wechseln wir hinüber zur Tissi-Hütte, die wie auf einem Aussichtsbalkon direkt gegenüber der Riesenorgel der Civetta thront. Schöner kann eine Hütte nicht liegen. Und die himmlischen Beleuchter tun heute alles, um jeden einzelnen Pfeiler dieser Mauer mit einer farbigen Nuance zu versehen. Unfassbar ... 1200 Meter hoch ... und trotzdem nicht ganz so einschüchternd wie der Torre Trieste.

Auf der Hütte angekommen, gesellt sich Hüttenwirt Valter zu uns, unverkennbar ein Kletterer; so dicke Unterarme bekommt man nicht vom Spaghettikochen. Wir staunen am nächsten Tag über seine Kochkünste: Marco Anghileri, ein italienischer Bergsteigerheroe und Solo-Erstbegeher der "Solleder" im Winter, ist in der Hütte zu Gast. Ihm zu Ehren bereitet Valter ein phantastisches Mahl, und wir sind eingeladen. Während es draußen wie aus Kübeln regnet, während einige Wanderer trotzdem die Hütte verlassen, um ihr Tagespensum auf dem Weg von München nach Venedig zu schaffen - genießen wir drinnen italienische Gastfreundschaft mit Wein, Marco, seinem Weib und Gott sei Dank kaum Gesang. Nur der Blick aus dem Fenster bewahrt uns später davor, es Marco gleichzutun und in die "Solleder" einzusteigen - aus dem Regen ist mittlerweile dichtes Schneegestöber geworden.

Die Lichter von Venedig

Am Abend klart es auf, und der kalte Wind pustet den Berg von allen Wolken frei. Unser Tatendurst verflüchtigt sich jedoch mit der euphorisierenden Wirkung des Weins. Klettern bei winterlichen Verhältnissen, davon halten wir jetzt gar nichts mehr. Aber was dann? Hüttenwirt Valter schaltet sich in die Diskussion ein: "Was haltet Ihr vom Giro Civetta?" fragt er. Nein, das sei keine Radtour, sondern die komplette Überschreitung und Umrundung des Civetta-Massivs. Zu Fuß.

Auf halber Höhe an der Via Ferrata degli Alleghesi:  Trainierte können die Civetta-Tour an einem Tag durchführen
Ralf Gantzhorn

Auf halber Höhe an der Via Ferrata degli Alleghesi: Trainierte können die Civetta-Tour an einem Tag durchführen

Am nächsten Morgen starten wir. Noch vor Tagesanbruch hasten wir an der Vazzoler-Hütte vorbei, starren während des Aufstiegs noch mal in den vertikalen Wahnsinn des Torre Trieste und spüren die emotionalen Nachbeben der "Carlesso" in uns. Wir turnen die Via Ferrata Tissi hinauf und erreichen pünktlich zum zweiten Frühstück die Torrani-Hütte, die wie ein Schwalbennest an den breiten Schotterterrassen auf der Südseite des Berges klebt. "Heute Nacht haben wir die Lichter von Venedig gesehen", versichert ein Gast.

Das hält uns nicht, wir steigen weiter hinauf zum Civetta-Hauptgipfel, dessen Kreuz uns fast zu bescheiden, zu nüchtern vorkommt für den großartigsten Kletterberg der Dolomiten. Der Abstieg über die Ferrata degli Alleghesi gewährt manchen Tiefblick in die Nordwestwand, Ehrfurcht gebietend und doch heute nur Kulisse. Wir erreichen die Coldai-Hütte und im Geiste höre ich den Partner wieder: "Klotzinger!" Nein, nicht die Hütte ist gemeint, sie liegt wunderschön in einer grünen Mulde, sondern der dahinter aufragende Monte Pelmo. Eine riesige, isolierte Burg aus Fels - in ihrer urtümlichen Schichtung und Zerklüftung wirkt sie fast künstlich und wie gemalt.

Am Lago Coldai: Zwischenstation auf der Runde um die Civetta
Ralf Gantzhorn

Am Lago Coldai: Zwischenstation auf der Runde um die Civetta

Steigern lässt sich das Naturspektakel nur noch durch den zehnminütigen Spaziergang von der Hütte zum Lago Coldai. In ihm spiegelt sich die gesamte Nordwestwand der Civetta, 1200 Meter hoch, vier Kilometer breit - wenngleich die riesenhafte Größe dieser Mauer vom See aus nur perspektivisch verkürzt zu sehen ist. Aber das löst sich schnell auf, als wir wieder zurück zur Tissi-Hütte gehen. Die Übersichtlichkeit des Spiegelbilds im See weicht der Froschperspektive, die wir, jetzt mittendrin, zwangsläufig einnehmen. Mit dem Erreichen der Tissi-Hütte ist der Giro komplett. Wir schlagen ein letztes Mal Walter Pause auf: "Den großartigsten Klettergarten der Ostalpen" nannte er die Civetta. Allerdings nicht in seinem Buch "Im extremen Fels", der nunmehr 30 Jahre alten Kletterbibel, sondern in seinem Wanderführer "Von Hütte zu Hütte". Nach diesen großen Worten, machen wir - genau: Pause.



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