Rundreise in Umbrien Jazz, Giotto und Risotto

Gourmets genießen Trüffel und Wein, Kulturtouristen pilgern zu Jazz- und Theaterfestivals und die Gläubigen zur Basilika von Assisi: Umbrien hat Kultur und Gastronomie schon immer hochgehalten. An seiner Hauptstadt Perugia finden auch junge Ausländer aus aller Welt Geschmack.

TMN

Perugia - Weit mehr noch als Touristen scheint Umbrien ein spezielles Licht anzuziehen - milde Sonnenstrahlen, die sich über die sanft gewellten Hügel dieser kleinen Schwester der Toskana legen. Die Region Umbrien gilt als das grüne Herz Italiens, ihre Kultur und Gastronomie faszinierte Heilige, Maler und Päpste.

Schon die Etrusker und die Römer schätzten den bergigen Landstrich fernab des Meeres. Und heute? Weltweit bekannte Jazzfestivals, Theatertreffen und internationale Schokoladenmessen locken ihre Fans an. Und viele pilgern von den luftigen Höhen Perugias aus bei jedem Wind und Wetter in das nahe Assisi, wo der Heilige Franziskus gewirkt hat und begraben liegt.

Die Region der mittelalterlichen Städte und Bergdörfer, umrahmt von Olivenhainen und Weinbergen, nimmt den Ansturm gelassen - zumal er sich auf wenige Zentren beschränkt. Hier könnte die Langsamkeit erfunden worden sein.

Man sollte sich die Zeit und Muße nehmen, die zwischen Toskana, den Marken und Latium eingeklemmte Gegend zu befahren, den geschichtsträchtigen Trasimenischen See zu umrunden oder die beeindruckende Kathedrale von Orvieto zu bewundern. Auf der Route liegen stets auch einige umbrische Trattorien. Auf den Teller kommen schmackhafte Trüffel, ins Glas guter Wein.

Umbriens Metropole, das mittelalterliche Perugia, ist international und jugendlich, trotz ihres hohen Alters. Das liegt daran, dass die 150.000-Einwohner-Stadt seit bald einem Jahrhundert eine bekannte internationale Universität beherbergt. Sie lockt Tausende junge und lebenshungrige "Stranieri", Ausländer aus aller Welt, nach Umbrien.

Jazz und Schokolade

In den alten Gassen Perugias ist immer etwas los, oft hört man mehr Englisch als Italienisch. Ausgelassenes junges Volk nimmt Kurs auf die bevorzugte Pizzeria oder eine gemütliche Weinschenke. Im Sommer bringt das renommierte Umbria Jazz Festival Größen wie Chick Corea, Herbie Hancock, Pat Metheny oder auch Manhattan Transfer in die heiligen Hallen des Teatro Morlacchi. Oder lässt sie ihre Musik im Oratorio di Santa Cecilia präsentieren.

Halb Mittelitalien scheint dagegen die Straßen rund um die Fontana Maggiore und den Palazzo dei Priori zu füllen, wenn im Oktober das internationale Schokoladenfestival steigt. Hunderte von Ständen quellen über mit süßer Ware in fantasievoller Form. Es gibt Reißverschlüsse aus Schokolade, CDs zum Anknabbern, vom Drehspieß abgeschabten, zuckersüßen "Kebab", Schokomasse fest und flüssig, von weiß bis pechschwarz.

Bevor einem von all dem schlecht zu werden droht, liegt es nahe, eine der versteckten Osterien in einer der zahllosen Nebengassen aufzusuchen, für handfestere umbrische Kost. Auch wenn draußen keine Speisekarte hängen sollte, drinnen warten meist landestypische Köstlichkeiten wie das "Risotto alla norcina" - natürlich mit viel schwarzer Trüffel aus Norcia - oder die "Strangozzi"-Spaghetti.

Giottos Freskenkunst

Nicht nur Schlemmergenüsse, Umbrien bietet auch Geschichte und Kultur. Und von Perugia aus erreicht der Reisende nach kurzer Fahrt Assisi. Hier kann er etwas von der religiös-revolutionären Luft des heiligen Predigers der Armut schnuppern.

Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass Ruhe und Beschaulichkeit in der Ober- und Unterkirche der Basilica di San Francesco Fremdwörter sind, ebenso in der Krypta des von Millionen verehrten Franziskus. Aber man sollte sie doch auf jeden Fall gesehen haben, diese meisterhaften und frisch restaurierten Fresken von Giotto und seinen begabten Schülern. Also lässt sich der Kunstinteressierte von einem unablässigen Strom der Besucher treiben.

Dem andächtigen Staunen über die Freskenkunst des Giotto folgt auf dem Weg nach Spoleto im Süden Umbriens ein Leckerbissen aus der Sparte Essen & Trinken. Der Ort Torgiano hat sich unter Weinfreunden für seine edlen Tropfen einen Ruf erarbeitet, vor allem dank der Kunst der adeligen Familiendynastie der Lungarotti, das Beste aus den Trauben herauszuholen.

Die Lungarottis beließen es nicht dabei, die Weinberge rund um Torgiano bestens zu pflegen. Auf sie geht auch das Weinmuseum dieses "Slowfood"-Ortes zurück. In Torgiano achtet man genau darauf, was auf den Teller kommt und was ins Glas, vorzugsweise aus der Gegend und traditionell zubereitet. Ein Gedicht ist das Weinmuseum selbst, das auf mehreren Etagen attraktiv alles rund um den Wein und seine Geschichte zeigt.

Die Entdeckungsreise durch das grüne Umbrien bleibt in ihrem abwechslungsreichen Rhythmus, wie den anmutig geschwungenen Linien der Berge und Hügel angepasst: Zehn Monate im Jahr gibt sich das Städtchen Spoleto kontemplativ, im Juni und Juli aber brummt es vor Kultur. Spoleto scheint dann eine einzige Bühne für Musik und Theater, Oper und Tanz zu sein. Das Festival zieht die großen Namen dieses Planeten ebenso an wie junge Performancekünstler.

Peter Brook, Robert Wilson, Hans Werner Henze, sie alle kommen mit ihren Produktionen nach Spoleto. Zu Festivalzeiten ist kein Zimmer frei. Das Renommee ist da, der internationale Anstrich, und so glänzt das traditionsreiche Festival mit seinen Kulturbühnen in den Bergen.

Höhlen in Orvietos Untergrund

Wenn dann der Kopf noch schwirrt nach dem grandiosen Auftritt eines John Malkovich oder einer Fanny Ardant auf einer der Bühnen Spoletos, ist vielleicht etwas frische Luft angesagt. Auf einer Rundfahrt mit dem Trasimenischen See als Schlussakkord sollte aber zunächst noch Orvieto besucht werden.

Schon den großen Maler William Turner inspirierte die erhabene kleine Schwester Perugias: "View of Orvieto" heißt sein gekonnt verschwommener Blick auf den trutzigen Ort hoch auf einer Tuffsteinklippe. Und dieser wartet mit einer erstrangigen Kulturattraktion auf, die allein schon den Abstecher lohnt: dem Dom. Das mächtige, schwarz-weiß gestreifte Bauwerk im gotischen Stil überstrahlt alles, seine farbigen Mosaiken und Skulpturen sind ein Fest für die Augen.

In dem gewaltigen Tuffsteinuntergrund der Stadt gibt es Hunderte von Höhlen, Brunnen und Taubenhäusern. Zur Mittagszeit hat der hungrige Besucher wieder die Qual der Wahl. Tritt er in die kleine Trattoria "Al Orso", wo gelbe Rosen auf dem Tisch stehen und das ungesalzene Brot, und wo den Gast Kaninchen oder Fasan getrüffelt erwarten und dann eine süße Kastaniencreme? Oder lieber doch bei "Da Carlo" einkehren, ebenfalls abgelegen in einem Gässchen, wo der Besucher praktisch in der Küche sitzt, wo es keine Karte gibt, aber leckeren Baccalà, Stockfisch. Oder Wildschwein. Davon gibt es in den Bergen nun wahrlich genug.

Auch die Wälder rund um den Trasimenischen See machen die massigen Wildschweine unsicher. Aber das stört die Fahrt am Ufer des beliebten Lago di Trasimeno nicht. Hier hatte der gewiefte karthagische Feldherr Hannibal einst den Römern eine der schlimmsten und blutigsten Niederlagen zugefügt. Heute liegt der See friedlich da - solange es die vielen Camper in der Umgebung mit dem Lärm am Ufer nicht übertreiben.

Als letzte Station auf der Rundreise bietet sich Castiglione del Lago an, um über den See mit seinen Inseln gen Osten auf Umbrien zu blicken. Und die Fahrt durch das "grüne Herz Italiens" noch einmal Revue passieren zu lassen.

Hanns-Jochen Kaffsack, dpa



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