Russische Siedlung auf Spitzbergen Hotel am Ende der Welt

Das Essen ist schlecht, die Landschaft karg: Wer als Tourist nach Barentsburg auf Spitzbergen kommt, muss leidensfähig sein. Doch die russische Niederlassung in der hohen Arktis bietet einmalige Erlebnisse.

Schwarzer Schnee in Barentsburg (2007): Gestörte Idylle
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Schwarzer Schnee in Barentsburg (2007): Gestörte Idylle

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Die Landschaft ist karg und traumhaft schön, tief unten funkelt das eiskalte Wasser des Greenfjords, auf den umstehenden Bergen liegen Schneereste. Doch gleich zwei Geräusche stören die arktische Idylle: Da ist zunächst einmal das Geschrei der Möwen, die sich auf den Fenstersimsen eines grünen Holzhauses eingerichtet haben. Ständig müssen sie lautstark Revierkämpfe ausfechten. Und dann das beständige Surren des nahen Kohlekraftwerks. Sein Rauch zieht als grau-schwarze Fahne über den Fjord und verpestet die eigentlich so frische Luft.

Barentsburg, der russische Außenposten auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen, ist ein wundersamer Ort. Nur noch 300 Menschen leben hier; 250 Männer und 50 Frauen. Zu besseren Zeiten standen fast zehnmal so viel auf der Gehaltsliste der Kohlegesellschaft Arktikugol. In jenen Zeiten saß in Moskau das Geld für die arktische Dependance noch etwas lockerer, und Kohle aus Barentsburg wurde auf dem Weltmarkt geschätzt. Doch all das ist längst vorbei, auch wenn die grimmig dreinblickende Lenin-Büste im Stadtzentrum die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten versucht.

Seit rund 90 Jahren fördern Russen auf Spitzbergen Kohle, ein internationaler Vertrag von 1920 gibt ihnen das Recht dazu. Doch mehrere Siedlungen wurden bereits vor einiger Zeit aufgegeben und stehen nun als Geisterstädte in der arktischen Kälte. Nur in Barentsburg halten sich die Kohlekumpel noch, ausgestattet mit Leidensfähigkeit und Hoffnung. Russland hat auf diese Weise einen strategisch ungemein wichtigen Außenposten in Nordpolnähe.

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Barentsburg: Sowjetcharme in Nordpolnähe

Gerade einmal 120.000 Tonnen Kohle pro Jahr kratzten die russischen und ukrainischen Bewohner von Barentsburg zuletzt aus dem Berg. Das waren nur vier Prozent dessen, was ihre norwegischen Kollegen in der hundert Kilometer südöstlich gelegenen Mine "Svea Nord" seit 2001 jährlich abbauen. Dort kann noch die nächsten 25 bis 30 Jahre eine energiereiche Kohle gefördert werden. Dagegen sind die russischen Vorräte fast erschöpft. Und nach einem Brand im April 2008 ist das Bergwerk von Barentsburg sowieso einstweilen dicht.

Für Touristen gibt es in Barentsburg wenig zu tun. Im Kulturpalast kann man einen Blick auf die Vorbereitungen für das neue Kulturprogramm werfen. Eine russische Fahne wird in der Bühnendekoration aufgehängt, unter den Anweisungen eines Regisseurs immer wieder hin und her bewegt - und schließlich abgehängt. Ein Hilfsarbeiter schleppt eine riesige Balalaika in einen Abstellraum.

Zeugen Jehovas werben auf der Hauptstraße

Der mit Abstand repräsentativste Bau in Barentsburg ist das russische Konsulat, das sich hinter einem monströsen grauen Metallzaun am Ortsrand erhebt. Doch die Türen sind verschlossen, der Konsul hat nur wenig Sprechzeiten. Ein paar Schritte weiter erinnert eine kleine selbstgebaute Holzkapelle an die 141 Bergarbeiter und Familienangehörige, die im August 1996 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Ihre Tu-154M war wegen Problemen beim Landeanflug gegen einen Berg nahe der Inselhauptstadt Longyearbyen gekracht.

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Die Hauptstraße mit ihren Betonplatten und den grünen Mülleimern in Pinguinform ist man schnell hinauf und herunter gelaufen. Neben ein paar verdreckten Kohlekumpeln, die von irgendwelchen Aufräum- und Reparaturarbeiten kommen stehen hier - Überraschung! - vier Zeugen Jehovas. Sie sind zu insgesamt vierzehnt hierher gekommen, sagen sie. Eine beachtliche Zahl, wenn man die gesamte Einwohnerzahl des Ortes bedenkt. Auf der Hauptstraße verteilen die Glaubenswerber ihre Schriften in Russisch - und die verdutzten Kohlekumpel weisen sie immerhin nicht zurück. Sie stecken brav die Papiere ein, die ihnen hingehalten werden, und gehen ihre Wege.

Die Zeugen Jehovas haben am Ortsrand Zelte aufgeschlagen - und ein Gewehr dabei, falls ein Eisbär angreifen sollte. Wer etwas komfortabler logieren möchte, kann im Hotel von Barentsburg unterkommen, kurz vor den einigermaßen ramponiert aussehenden Stationen der russischen Polarforscher. Touristenführer Oleg Kostenko wirbt in gebrochenem Englisch für die Gastfreundlichkeit im Backsteinbau - und preist einmal dort angekommen in seinem Souvenirshop Matrjoschkas und Pelzmützen aus russischer Produktion an.

Beim Einchecken in die Herberge am Ende der Welt gibt es dann russische Dienstleistungsmentalität. An den Schlüssel zu kommen, ist ein Marathonlauf. Von der Bar wird man an die Rezeption geschickt, von dort ins Chefbüro, von dort wieder zurück in die Bar. Auf dem Flur drückt einem dann eine mürrische Blondine den Schlüssel wortlos in die Hand. Dass das Zimmer mit der Nummer 18 im zweiten Stock auf der linken Seite liegt, muss man selbst herausfinden.

Bettwäsche ist sauber, möglicherweise sogar gewaschen

Das Haus hat die Anmutung eines FDGB-Ferienheims: quietschender brauner Linoleumfußboden, in den Zimmern und Gängen der Geruch der alten Zeit. Dass sich nur selten Gäste hierher verirren, zeigt der braune Schwall, der beim Aufdrehen aus dem Wasserhahn kommt. Aber immerhin: Das Licht geht, die Bettwäsche ist sauber, möglicherweise sogar frisch gewaschen. Der Fernseher empfängt mit einer Zimmerantenne vier verrauschte russische Kanäle. Sie werden von einer Fernsehstation abgestrahlt, die auf dem Berg oberhalb des Ortes steht.

Zum Abendessen sitzt eine russische Familie im holzvertäfelten Speiseraum, der mit Rentiergeweihen, Plastikblumen und Arktisbildern dekoriert ist. Im Fernsehen läuft eine Kriegsdokumentation. Die Bedienung bringt ein speisüßes braunes Getränk, dessen weitere Zusammensetzung beim besten Willen nicht zu entschlüsseln ist. Dann gibt es nacheinander einen Teller mit Salami, Käse und Brot, einen mayonnaisestrotzenden Krautsalat und schließlich Gulasch mit Reis. Wenige Stunden später dient der Gulasch dann auch als Frühstück, diesmal mit gequollenen Graupen und Pfannkuchen.

Die Lebensmittelversorgung in Barentsburg ist nicht unproblematisch: Nur 90 Schweine stehen noch in den Ställen. Die Kuhställe und Gewächshäuser, die es früher gab, sind jetzt mit Müll gefüllt. Versorgt wird der Ort per Schiff aus Murmansk. Der Radlader, der auf seiner großen Schaufel Fleisch in die Kantine der Kohlengesellschaft anliefert, dient nur kurze Zeit später auch zum Mülltransport.

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