Reisen mit Insiderwissen Zehn Tipps für Russland

Moskau, Sankt Petersburg, Baikalsee: Populäre Touristenziele in Russland lassen sich an einer Hand abzählen. Wer das größte Land der Erde aber wirklich kennenlernen will, sollte diese Ratschläge beachten.

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Von Stephan Orth


Russland abseits von Roter Platz, Wolga-Flusskreuzfahrt und Sankt-Petersburg-Museumstour ist kein Reiseziel für jedermanns Geschmack. Die meisten Städte sind keine Schönheiten, die Menschen wirken zunächst schroff, die Distanzen sind enorm.

Immer wieder wurde ich auf meiner Reise von Russen für verrückt erklärt - weil sie nicht verstehen, warum ich ausgerechnet ihr riesiges Land besuchte statt Thailand oder Mallorca. Dabei kann man Russland durchaus verfallen, wenn man sich auf seine Eigenheiten einlässt. Diese zehn Tipps helfen dabei.

Ersten Eindrücken misstrauen

Wer einen russischen Shop oder ein Restaurant betritt, löst damit meist etwa die Freude aus, die man auch einer mittelgroßen Kakerlake auf der Türschwelle entgegenbringen würde. Zunächst wird man ignoriert, dann als Störfaktor empfunden, weil man die hochverdiente Arbeitspause unterbricht. Zuletzt wird der Preis in einem Ton verkündet, wie ihn Filmbösewichte für Sätze wie "Mach ihn kalt" verwenden.

Und doch habe ich es mehrfach erlebt, dass die Stimmung umschlägt. Ich fragte in brüchigem Russisch nach dem Weg zum Bahnhof, und plötzlich nahm sich mein Gegenüber alle Zeit der Welt, um es mir zu erklären, und fragte nach meiner Reise und Herkunft. Ich bestellte noch einen Nachschlag von den Blini, und die Wirtin gab mir den Kaffee aus. Oft zahlt sich ein bisschen Geduld und Lockerheit aus, um den Menschen die Chance zum Auftauen zu geben.

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Den Altai besuchen

Eine der spektakulärsten Straßen des Landes führt von Gorno-Altaisk nach Kosh-Agach im sibirischen Altai-Gebirge. Ein Roadtrip zwischen Viertausendern, mit wilden Kamelen und reißenden Flüssen am Wegesrand und schweißtreibenden Abenden im Banja-Dampfbad. Für die schönsten Wander- oder Jeeptouren in die Wildnis sollten Outdoor-Fanatiker allerdings etwas Vorlauf einplanen: Dafür brauchen sie - zum Beispiel in der Nähe des 4800 Meter hohen Belucha - ein Permit, das Monate im Voraus beantragt werden muss.

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Abergläubisch werden

Russen setzen sich vor Reisen auf ihren Koffer, streicheln die Nasen von Skulpturen, pfeifen nicht in geschlossenen Räumen, gucken nicht in zerbrochene Spiegel. Kaum ein Land hat mehr abergläubische Traditionen, und gerne erzählen die Einheimischen ausländischen Besuchern davon.

Ob was dran ist, kann jeder unterwegs selber testen, beispielsweise, wenn es darum geht, was ein Juckreiz je nach betroffener Körperregion über die eigene Zukunft aussagt:

  • Nase: Ein Besäufnis steht bevor.
  • Lippe: Es wird geküsst.
  • Linke Hand: Es gibt Geld.
  • Rechte Hand: Man wird einen Freund treffen.
  • Hals: Es wird gefeiert. Oder es gibt eine Schlägerei. Oder beides.
  • Wenn alles gleichzeitig juckt, sollten Sie trotz aller Vorfreude zum Arzt.
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Nedoperepil durch die Nacht cruisen

Natürlich ist keine Reise komplett ohne einen Workshop im landestypischen Konsum des "ehrlichsten Drinks der Welt" (weil Wodka nicht schmeckt, sondern nur der Rauscherzeugung dient). Wichtigste Regeln: Getränk niemals mischen und viel Fingerfood dazu, zum Beispiel eingelegte Steinpilze, kalt geräucherten Hecht oder Kartoffeln mit Dill.

Das Tischgespräch lockern Diskussionen über folgende Vokabeln auf, die es nur im Russischen gibt: Zapoi (Zustand mehrtägiger Trunkenheit), nedoperepil (betrunkener als gesund ist, aber nicht so betrunken, wie man sein könnte), suschnjak (das Gefühl im Hals nach einer durchzechten Nacht).

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Schwanensee angucken

Es gibt wohl keinen besseren Ort, um ins Ballett zu gehen, als das Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg. Dieses Jahr erlebt das Traditionshaus seine 235. Saison, geändert hat sich seit der Eröffnung wenig. Prachtvolle Bühnenbilder, knarzende Holzdielen, ein riesiger Kronleuchter an der Decke. Und jeden Abend erschaffen Tänzer und Musiker etwas, das man zur Zeit kaum mit Russland assoziiert: Leichtigkeit, Schönheit und Eleganz.

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Zug fahren

Natürlich verleiten die immensen Distanzen dazu, Flüge zu buchen. Doch ohne eine längere Zugreise mit Übernachtungspritsche, Instant-Nudel-Abendessen und ein paar Drinks hat man Russland nicht verstanden. Auf Reisen in Sibirien bekommt man einen echten Eindruck der tatsächlichen Größe des Landes, wenn man 18 Stunden am Stück durch einen immer gleich aussehenden Birkenwald fährt.

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Leningrad hören

Die Texte und YouTube-Videos der Rockband Leningrad präsentieren überzeichnete Bilder des exzessiven Lebens junger Russen.

Und doch steckt, wie in jeder gelungenen Karikatur, auch einige Wahrheit darin. Millionenfach werden die Songs angeklickt, und der für vulgäre Ausfälle bekannte Sänger Sergeij Schnurow lebt den Rock'n'Roll wie kein Zweiter. Zur Reisevorbereitung empfohlen, aber wegen der vielen Wörter aus der Vulgärsprache "Russischer Mat" besser nicht in Anwesenheit konservativer Muttersprachler anhören!

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Kyrillisch lernen

Während die russische Sprache eine ziemliche Herausforderung ist, sind die Schriftzeichen leichter zu meistern, als man denkt. Wer sich ein paar Tage lang intensiv damit beschäftigt, kann bald problemlos Ortsschilder, Speisekarten und Reklametafeln lesen. Und da viele Worte deutschen oder englischen Begriffen ähneln, hilft das enorm bei der Orientierung unterwegs.

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Multikulti erleben

Einige Minderheiten haben sich eine ganz eigene Kultur bewahrt, man kann sich wie auf einer Weltreise fühlen, ohne Russland zu verlassen.

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Stephan Orth:
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Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde

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Die buddhistisch geprägte Republik Kalmückien erinnert mit ihren Tempeln (Foto) eher an Tibet als an Moskau, bei einem Kehlkopfgesang-Konzert in der Republik Tuwa fühlt man sich wie in der Mongolei. Und in Yakutsk, der kältesten Großstadt der Welt, kann man probieren, wie vergorene Stutenmilch oder im Eisblock servierter Fisch schmecken, und alles über eine Mythologie dekorativer Elfenwesen lernen, die dem "Herr der Ringe" Konkurrenz machen könnten.

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Pelmeni essen

Die mit Hackfleisch gefüllten Teigtaschen mit Smetana (Schmand) machen süchtig. Das ändert selbst das Wissen, dass ihr Name wörtlich übersetzt "Ohrenbrot" bedeutet, nicht mehr. In der Stadt Ischwesk in Udmurtien wurde den Russen-Ravioli sogar ein mehrere Meter hohes Denkmal errichtet. Zu Recht.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 18.05.2017
1. Russland
Wunderschönes Land. Und wenn man ein Visum hat, dann kann man auch frei rumreisen wie man will. So wie in Thailand oder Mallorca. Ausgenommen natürlich in der Nähe des 4800 Meter hohen Belucha, nur als Beispiel.
alex300 18.05.2017
2. Da der Autor ganz offensichtlich das heutige Russland nicht kennt,
habe ich hier die richtigen Tipps zusammen gestellt. 1. Russland ist stark digitalisiert. Das erste, was man tun sollte, wenn man annimmt, sich eine lokale SIM Karte zu besorgen. Z.b. bei Tele2. Für 200 Rubel (ca 3 Euro) bekommt man 2gb Highspeed Volumen und 200 Minuten Gespräch. Damit ist man gut im Netz. 2. Man lade sich die entsprechenden Apps um die Sehenswürdigkeiten zu finden, sich orientieren und bewegen. Die westlichen Apps sind z.b. TripAdvisor. Die russische Seite wäre z.b. tonkosti.ru, tourprom.ru und vieeeele andere. Man wird sofort merken, der Rote Platz ist bei Weitem nicht die erste Touristenattraktion in Moskau. Man sollte die vielen Fußgängerzonen und Parks besuchen. 3. Für Transport ist Yandex zuständig: als Navi, als Metro-Guide, für Bus und Bahn, aber auch für Taxi. Das Taxi ist heute in Russland das beliebteste Transportmittel überhaupt. Man bestellt Taxi in der App, z.b. in Yandex Taxi, und in paar Minuten ist die Maschine vor ihnen. 3. Moskau u d Sankt Petersburg sind bei Weitem die beliebtesten Ziele, aber es gibt auch andere schöne Städte. Kazan, Nischni Nowgorod, Nowosibirsk u.a. 3. Wer Naturgebunden ist, sollte Ural und Altai-Gebirge nicht vermissen. 4. Die Esoteriker sollten solche Plätze wie Arkaim am Ural besuchen - die älteste bekannte Siedlung der Arien, der Vorfahren heutiger Europäer. 5. Übers Internet macht man heute in Russland so gut wie alles. Alles CH Plätze im Restaurant zu reservieren, dann wird man bestimmt nicht wie ein e "Kakerlake" behandelt. 6. Es gibt Unmenge der Erholungsplätze - viele sind ein Besuch wert! Entdeckt Russland!
vnoock 18.05.2017
3. Empfehlenswert
ist die Reise von Sudkasachstan über Altai Gebirge nach Novosibirsk (oder weiter gen Norden). Da kann man innerhalb von zwei-drei Wochen (je nach Zeit und Geld) alle Klimazonen (außer Tropischen) erleben. Das war unvergesslich!
u-bahner 18.05.2017
4. Traut Euch!
Als Russlandreise-Fan muss ich mich zwar um Objektivität bemühen, kann es aber nur empfehlen, dorthin zu reisen. Aus meiner Sicht hat das Land zwar die letzten Jahre im Zuge der allgemeinen Modernisierung, die für meinen Geschmack an vielen Stellen zu schnell und oft wenig ästhetisch abläuft, stark an Originalität und Identität eingebüßt. Dennoch haben sich, gerade abseits der großen Wirtschaftszentren, bislang viele sehenswerte und kuriose Orte erhalten. Die großen Städte werden immer mehr zu austauschbaren, oft seelenlosen Orten, und anders als Kommentator Nr. 2 würde ich russische Parks und Fußgängerzonen sicher nicht auf die Liste sehenswerter Dinge setzen. Städte wie Kazan waren aus meiner Sicht vor 15 Jahren erheblich sehenswerter, aber wer auf eine großenteils komplett neu gebaute Innenstadt steht, errichtet aus Baumarkt-Materialien im schrillbunten Disney-Stil, der ist dort genau richtig! Die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Meine persönlichen Reisetips führen neben Moskau und Petersburg (beides ein absolutes Muss) und dem jährlich im Juli stattfindenden Land-Art-Festival "Archstoyanie" in Nikola-Lenivets in sehr periphere Orte wie Murmansk oder Workuta - Orte, die sich kein Russe trauen würde, irgendjemandem zum Besuch zu empfehlen, geschweige denn selbst hinzufahren. Aber die Russen schämen sich zu Unrecht für das Alte und das Erbe des Sozialismus. Erst der Kontrast zwischen dem glitzernden Moskau und den abgehängten Provinzstädten erzeugt ein gesamtheitlicheres Bild dieses großartigen Landes.
janfred 18.05.2017
5. Russland hat was.
ich war 2010 für 2 Wochen beruflich in der Nähe von Jekaterienburg. Es ist wirklich schön dort. Die Leute sind freundlich. Sehr schön fand ich die vielen alten Gebäude im sibirischen Baustil aus Holz mit Verzierungen. Wie in Doktor Schiwago. Ich träume schon lange von einem Russlandurlaub, leider ist meine Frau eher der Strandtyp. Aber irgendwie werde ich es schaffen. Auch alleine. Sprachproblem werden kaum auftauchen, ich habe bei der Bundeswehr mal ziemlich intensiv in Wort und Schrift russisch gelernt. Das ist über 30 Jahre her, aber ich war überrascht, wie schnell mir die Sprache wieder bekannt vorkam.
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