Sancerre und Pouilly Die Liebe zum Wein an der Loire

Ein Stück weit von dem Val de Loire entfernt, wo die Könige aus der Dynastie der Valois einst ihre Lustschlösser bauen ließen, pflegen die Winzer von Sancerre und Pouilly-sur-Loire auch heute noch eine abwechslungsreiche und liebliche Kulturlandschaft.


Sancerre/Pouilly - Unten im Tal zieht die Loire träge ihre kleinen Schleifen durch die anmutige Hügellandschaft. Der morgendliche Hochnebel gibt langsam den Blick auf die aufgehende Sonne frei. Doch Valérie Dagueneau interessiert sich nicht für das Schauspiel der Natur.

Rote Dächer, grüne Hügel - die Stadt Sancerre ist von Weinbergen umgeben
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Rote Dächer, grüne Hügel - die Stadt Sancerre ist von Weinbergen umgeben

Mit raschen Schnitten befreit die junge Winzerin einen Rebstock nach dem anderen von allem Überflüssigem und befestigt sorgfältig den Ast, der in diesem Jahr Trauben tragen soll. Dann legt sie ihre Rebschere zur Seite und lacht. "Unser Vater hilft noch ein wenig mit, aber das meiste machen eigentlich meine Schwester Florence und ich." Die beiden sind Winzerinnen in Pouilly-sur-Loire.

Ein paar Kilometer stromabwärts auf dem anderen Loire-Ufer liegt das Weingut von Denis Vacheron, Präsident der Winzervereinigung von Sancerre. Gleich vier Söhne nehmen ihm die Arbeit ab. "Jean-Louis, Jean Dominique, Jean Laurent und Denis Junior wollen alles noch besser machen", erzählt Vater Vacheron voller Stolz. "Es gibt viele, viele junge Winzer, die von ihren Eltern gelernt und dann eine Fachausbildung gemacht haben, um die Weingüter zu übernehmen."

"Die Loire trennt uns, der Wein vereint uns, das ist bei uns so eine Redensart", sagt die 31-jährige Valérie über das Verhältnis zwischen Sancerre und Pouilly. In diesem südlich von Paris und östlich von Bourges gelegenen Gebiet der oberen Loire beherrscht der Wein den Alltag. Hektik scheint hier von Übel zu sein und Geduld eine Tugend - die braucht der Winzer, der von der Natur und ihren Launen abhängt.

Neben dem Wein ist auch der Ziegenkäse eine Spezialität der oberen Loire
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Neben dem Wein ist auch der Ziegenkäse eine Spezialität der oberen Loire

Die Augustinermönche des Dorfes Saint-Satur waren es, die den heute weltweit bekannten Weinort Sancerre mit einem Kranz von Weinbergen flankiert haben. Schon am Ortseingang wird der Blick auf das Weinberg-Panorama und die Loire frei. Der Wechsel von Ton, Kalk, Kies und Feuerstein in dem durchlässigen Boden bringt die vielfältigen Weißweine hervor, für die Sancerre und Pouilly seit einigen Jahrzehnten in den Restaurants der Welt bekannt und beliebt sind. Seit zwei Jahrtausenden wird an dem längsten Fluss Frankreichs eine anerkannte Rebkultur gepflegt - bis zur Mündung bei Nantes.

Pouilly-sur-Loire mit seinem gotischen Kirchturm und steilen Dächern, die sich in den Fluten des Stromes spiegeln, gehört noch zum nordwestlichen Burgund. Der hoch gelegene Winzerflecken Sancerre samt Schloss und einem wuchtigen Ritter-Turm "Tour des Fiefs" aus dem 15. Jahrhundert liegt dagegen im Cher-Département in der Berry-Region. Für den Wein, der in Loire-Nähe milder in der Säure ist als weiter vom Strom entfernt, spielt die Département-Zugehörigkeit jedoch keine Rolle. Die pikanten Sauvignon-Blanc-Produkte sind ähnlich in ihrem Geschmack, in ihrer Güte - und auch im hohen Preis.

Wein von der Loire: Qualität sein Generationen
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Wein von der Loire: Qualität sein Generationen

"Il suffit de passer le pont", so zitiert der schnauzbärtige Schlossbesitzer mit dem eindrucksvollen Namen Henri d'Estutt d'Assay den französischen Barden Georges Brassens. "Man muss nur über die Brücke gehen." So mancher Winzer baut auf beiden Ufern der Loire seinen Chasselas oder Sauvignon Blanc an.

Der Schlossbesitzer mit dem edlen Namen ist schottischer Abstammung und pflegt das klassisch-markante Äußere eines ländlichen Grafen. Er empfängt seine Gäste im Château de Tracy. Sein Onkel, ein Marquis, hatte hier früher einen Bibliothekar angestellt, der nebenher an seinem ersten Buch schrieb - Georges Simenon, der einer der herausragenden Krimi-Autoren des 20. Jahrhunderts werden sollte.

Aber davon wollte Schloss- und Weingutbesitzer Henri d'Estutt d'Assay beim flackernden Kaminfeuer eigentlich gar nicht erzählen. Die Winzer von Sancerre und Pouilly-sur-Loire sind zwar gelassen, weil sie auch in Zeiten der "Wein-Krise" in Frankreich Erfolg haben und weiterhin unbeschwerte Weinfeste an der Loire feiern.

Doch ganz sorgenfrei ist das Leben auch hier nicht: "Seit 20 Jahren 'explodiert' in den Weinbergen ein Pilz, der gefährlich ist", berichtet der Herr über Château de Tracy. Auch der jungen Winzerin Valérie war beim Beschneiden der Rebstöcke am Morgen aufgefallen, dass wieder ein paar mehr befallen sind. Sie wird noch aufmerksamer beobachten müssen, was sich im Weinberg tut.

Hanns-Jochen Kaffsack, gms



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