Sardiniens Unterwasserwelt Abtauchen ins Feuchtbiotop

Meerpfauen, Leuchtquallen, Goldstriemen: Schon die Namen der Meerestiere, die sich im Capo Caccio in Sardinien vor des Tauchers Brille versammeln, lassen die enorme Farbenpracht unter Wasser erahnen. Weniger bunt ist die Umgebung der Tauchbasis - hier baute Mussolini eine Retortenstadt.


Das Licht der Sonnenstrahlen bricht sich schillernd bunt über einer grünen Felslandschaft, der Horizont versinkt in sattem Dunkelblau. In zwölf Meter Tiefe deutet Bettina mit ihrer Unterwasserlampe auf eine rot leuchtende Koralle.

Ein Schwarm von Mönchsfischen zieht vorbei, ein brauner Drachenkopf ruht, perfekt getarnt, zwischen Poseidongras und Sand, ein Oktopus glotzt aus einem Felsloch, ein paar Meerpfauen verschwinden im Dämmerlicht - so viel Abwechslung bietet ein Mittagsausflug im Tauchgebiet am Capo Caccio in Sardinien. Der Blick auf meinem Tauchcomputer zeigt noch 50 Bar; die geballte Faust signalisiert den Beginn der Reservezeit, der Daumen nach oben den langsamen Aufstieg. Vorbei an einer bunten und harmlosen Spiegeleiqualle folgen wir den kleinen Luftblasen bis zur silbern glänzenden Wasseroberfläche.

Der Aufstieg über die Leiter auf das Tauchboot fühlt sich an wie nach der Landung eines Astronauten. Die Ausrüstung aus Neoprenanzug, Zwölf-Liter-Pressluftflasche, Tarierweste und Bleigürtel, die unter Wasser so perfektes Schweben erlaubt, scheint jetzt 100 Kilo zu wiegen. An Bord der "Orkinus" - sieben Meter lang, 240 PS Turbodiesel - werden die Utensilien verstaut. Es ist Zeit für die vorgeschriebene Pause und einen leichten Imbiss vor dem zweiten Abstieg zu Goldstriemen, Ringelbrassen und dem gelegentlich sichtbaren Meer-Barakuda.

Artenreichtum im geschützten Biotop

Sardinien ist ein Taucherparadies, das ist kein Geheimnis: Eine abwechslungsreiche Unterwasserwelt, spektakuläre Wracks und eindrucksvolle Höhlen machen die italienische Mittelmeerinsel zum beliebten Reiseziel für Wassersportler - von Anfängern bis zu ehrgeizigen Apnoe-Sportlern, die ohne Flaschen und Pressluftvorrat Tiefenrekorden nachjagen. Die Region am Capo Caccia, unweit vom internationalen Flughafen Fertilia, verfügt über einen weiteren Trumpf: Hier dürfen die Touristen mit Flossen und Flasche ein einzigartiges, weil geschütztes, Biotop erkunden.

"Der Artenreichtum von Fischen und Fauna, das kristallklare Wasser und auch im Oktober noch angenehme Temperaturen" sind für Tauchlehrer Stefan Graf, 34, die großen Pluspunkte der Region. Vor zwei Jahren zog er mit seiner Schule von der spanischen Mittelmeerinsel Menorca an die Nordwestküste Sardiniens um. "Als wir die Gelegenheit bekamen, hier im Naturschutzgebiet eine der raren Konzessionen zu übernehmen, fiel uns der Wechsel leicht", erzählt der Österreicher, der zusammen mit seiner Kollegin Bettina Spiegel die Tauchkurse und Unterwasserausflüge organisiert: "Solch eine Chance bietet sich nur ganz selten."

Denn insgesamt sind es nicht einmal ein Dutzend ortsansässiger Unternehmen, die Sportler mit in das Gebiet zu Füßen der steil aufragenden Küste mitnehmen dürfen; Küstenwache, Wasserschutz und Zoll, deren Schiffe vor den berühmten Höhlen zwischen "Grotta Verde" und "Grotta Nettuno" patrouillieren, achten penibel auf die Einhaltung der Naturschutz-Regeln. "Richtigen Tauchbetrieb machen hier am Capo Caccia aber gerade mal vier Schulen", sagt Stefan, "deshalb bietet dieser Standort einen entscheidenden Heimvorteil."

Basis im Container

Die Basis der kleinen Start-up-Firma liegt am Sporthafen von Fertilia, ein paar Kilometer gegenüber dem Hafen von Alghero. Noch ist es nicht mehr als ein Container im Hof des "Bellavista"-Hotels, im Inneren freilich ausgestattet mit modernster Technik, automatischer Füllanlage und der Möglichkeit, auch Mischgase abzufüllen - nötig für Tauchgänge in größerer Tiefe. Besonders schön ist die Umgebung nicht. "Willkommen in Mogadischu", sagt Stefan lachend und meint damit den morbiden Charme der Häuser: bröckelnder Putz, lehmfarbene Plattenbauten. Der maritime Fischerdorfcharme ist nur an der Uferpromenade spürbar.

Dabei war Fertilia, eine Retortenstadt gebaut unter Italiens Diktator Benito Mussolini, in den dreißiger Jahren eine Mustersiedlung zwischen Malaria-verseuchten Sümpfen. Geblieben sind eine Kirche, die Schule ("Rosa Mussolini" hieß sie früher) im Stil futuristischer Sachlichkeit und die wuchtigen Arkadengänge, unter denen Bäcker, Fleischer, eine Bankfiliale und das Cohiba-Café dem Wegzug standhalten. Die Besitzverhältnisse zwischen Rom, Region und Stadt waren lange ungeklärt, für den Erhalt der Mietskasernen wurde so gut wie nichts getan. Jetzt freilich soll das einst fortschrittliche urbane Ensemble sogar unter Denkmalschutz gestellt werden.

Stefan und Bettina wollen mit ihrer Tauchschule daher an den Hafen umziehen, wo für 2011 umfangreiche Erweiterungen vorgesehen sind. "Dann können wir direkt unser Boot beladen, dort werden wir Platz für Büro und Schulung haben." In der Saison 2010 hat Bettina rund drei Dutzend Anfängern die Grundlagen von Druckausgleich, Tarieren und Auftauchen (Dekompression) nach den Vorschriften des internationalen Tauchverbandes PADI beigebracht.

Helmut Buschauer, 54, der Dritte im Team und mit über 4400 Tauchgängern zwischen Europa und der Karibik ein Unterwasser-Oldie, kümmert sich indes um die anspruchsvollen Besucher. Der 54-Jährige, ausgestattet mit allen internationalen Lizenzen, kennt die Gegend seit fast 20 Jahren. "Ich habe damals von den Höhlen und Grotten gelesen und sofort gebucht", erinnert sich der Saarländer. Seine Begeisterung für die Unterwasserwelt am Capo Caccia hat er bis heute bewahrt. "Manche Verästelungen in den Höhlen erfordern Tauchgänge von fast einer Stunde", erzählt er, "das allerdings sind Ausflüge, bei denen wir nur nachgewiesen erfahrene Taucher mitnehmen."

Der Mann mit dem gut getrimmten Seemannsbart, ein zugleich begeisterter Unterwasserfotograf und -filmer, übernimmt auch das feuchte Debriefing nach den Tauchgängen. Am Ende der Bootsausflüge, wenn die "Orkinus" wieder am Kai liegt, Gerät und Anzüge mit Süßwasser gewaschen und ordentlich verstaut sind, lädt er zum zünftigen Umtrunk am Container. Zu den Geschichten aus seiner langen Taucherkarriere tischt Helmut eine Flasche gut gekühltes sardisches "Ichnusa" auf. Das obligate Schlückchen heißt natürlich "Dekompressions-Bier".



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