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Sargan-Bahn in Serbien: Achterschleife am Steilhang

Von Bernadette Olderdissen

Museumsbahn in Serbien: 15 Kilometer in Kurven Fotos
Bernadette Olderdissen

Enge Kurven, viele Brücken und das wilde Tara-Gebirge: Eine Fahrt mit der serbischen Sargan 8 entzückt Eisenbahnnostalgiker. Auch der Regisseur Emir Kusturica hat sich in die Region verguckt - mit Folgen.

Über den Tälern hängt noch Nebel, als die Schmalspureisenbahn Šarganska osmica um 10.30 Uhr losrumpelt. Doch der Weitblick entzieht sich während der Zugfahrt ohnehin im Minuten- und manchmal sogar im Sekundentakt: Zwischen den Endstationen Mokra Gora und Šargan Vitasi liegen insgesamt 22 Tunnel, ihr Bau war in den Zwanzigerjahren eine Meisterleistung.

Die grüne Diesellok mit einem gelben Querstreifen und der Seriennummer L45H-096 rattert zweieinhalb Stunden lang durch die wilde Landschaft des Tara-Nationalparks. Ein Gebiet mit vielen Schluchten, von Mischwäldern überzogenen Bergen, Feldern und Weideland, an der Grenze zu Bosnien-Herzegowina. Langweilig wird es nie. Viele Besucher kommen in diesen seit jeher touristischen Teil Serbiens zum Wandern, wegen seiner Heilbäder oder im Winter zum Skifahren im benachbarten Zlatibor.

Lange ist es her, dass hier ausschließlich Dampfloks fuhren und den Reisenden auf ihren hölzernen Bänken Rauch ins Gesicht bliesen. 1925 fertig gestellt, tuckerte die Šargan-Bahn bis 1974 auf nur 760 Millimeter breiten Schienen von Belgrad nach Dubrovnik - als eines der bedeutendsten Verkehrsbauwerke des geeinten Jugoslawiens. "Damals dauerte die gesamte Fahrt zwei Tage und zwei Nächte", sagt der 40-jährige Miljan Miljevič vom Veranstalter Serbian Private Tours in Belgrad.

Erst 2003 wurde die Strecke über den Šargan-Pass als Museumsbahn wieder geöffnet, um der strukturschwachen Region in Westserbien Tourismus zu bescheren. Eine zwischenzeitlich in einem der Tunnel eröffnete Champignonzucht und der erweiterte Friedhof von Mokra Gora mussten dafür verlegt werden. "Die Dampfloks mussten den sehr viel schnelleren, aus Rumänien importierten Dieselloks weichen", sagt Miljevič, diese fahren nun zweimal täglich. "Eine Dampflok muss man im Voraus buchen und entsprechend bezahlen."

Holzbänke und Gasheizofen

Die Strecke beschreibt eine Acht - Šarganska osmica bedeutet daher übersetzt auch Šarganer Achter oder kurz Šargan 8. Über einen Höhenunterschied von insgesamt 300 Metern auf gut 15 Kilometern schraubt sich die Museumsbahn, die passenderweise "Nostalgia" heißt, durch viele Kurven und über fünf Brücken mühsam die Täler Kamišina und Šarganšica hoch. Von außen überwiegend dunkelgrün gestrichen, sind die Waggons innen holzgetäfelt und haben einfache Holzbänke.

Die Ausstattung ist die gleiche wie vor 90 Jahren, sagt Miljan Miljevič. Wie Reisende einige Tage lang auf den harten Bänken ausharren konnten, wird schon nach einer halben Stunde schwer vorstellbar. Die Eisenöfen in jedem Waggon, die man so noch in vielen serbischen Haushalten findet, sorgten einst im Winter für Wärme. "Heute wäre es zu viel Aufwand, sie im Zug einzuheizen. Falls es bitterkalt wird, benutzen wir einen Gasheizofen", erzählt der Schaffner.

Die besten Ausblicke auf das Bergpanorama haben die Passagiere während der zahlreichen Stopps. In den Bars und Cafés sollte man besonders am Morgen unbedingt eine Rakija trinken, einen Obstbrand, denn jeder Serbe weiß: "Auf nüchternen Magen essen ist gefährlich." Da Rakija gleich an mehreren Haltstellen der Šargan-8-Bahn ausgeschenkt wird, wird die Fahrt mit jedem Stopp fröhlicher. Der oft hausgemachte Schnaps ist bitter, brennt im Hals und wärmt zumindest kurzzeitig auf.

"Ich studiere Filmregie", erzählt eine junge Serbin im Abteil. "Mein Professor ist ein Fan historischer Züge und hat mir empfohlen, nach Mokra Gora zu fahren, um einen Film über den Šargan 8 zu drehen. Seiner Meinung nach ist dies die beste Zugfahrt Europas." Eine andere Passagierin schwärmt: "Hier hat man Zeit und Muße, die Landschaft wirklich aufzunehmen." Etliche Serben sind neugierig, wie es sich anfühlt, in einer der berühmten historischen Schmalspurbahnen zu fahren.

Museumsdorf von Emir Kusturica

Beim vorletzten Stopp schlängelt sich eine Treppe vom Bahnhofsgebäude auf einen Hügel. Von dort ist Drvengrad zu sehen, auch Küstendorf genannt. Das Bergdorf hat der bosnischstämmige Regisseur Emir Kusturica erbaut. Mittlerweile ist der 670 Meter hoch gelegene Ort eine von Serbiens größten Touristenattraktionen und am besten von der Endstation Mokra Gora aus zu erreichen.

Kusturica errichtete Küstendorf während der Dreharbeiten für sein 2004 erschienenes Liebesdrama "Das Leben ist ein Wunder", das zu Zeiten des Balkankrieges in den Neunzigern spielt und in dem die Šargan-8-Bahn eine tragende Rolle hat. Er ließ etwa 20 der dunklen Holzhäuser in anderen Gegenden Serbiens abbauen, zum Mécavnik-Hügel in der Nähe der Bahnstrecke transportieren und restaurieren. Auch die Station Golubici wurde extra erbaut. Nach den Dreharbeiten erweiterte Kusturica das Dorf, der heute 61-jährige Regisseur wohnt hier während seiner Serbien-Aufenthalte.

"Ich habe meine Stadt [Sarajevo] während des Krieges verloren", erklärte Kusturica laut einem Anschlag im Dorfmuseum. "Deswegen wollte ich mein eigenes Dorf bauen. […] Ich will dort Seminare organisieren für Menschen, die lernen möchten, wie man Kino macht, Konzerte, Keramik, Malerei. […] Ich träume von einem offenen Ort mit kultureller Diversität, der sich der Globalisierung widersetzt."

Trabant vor der Haustür

Besucher können in einigen der Häuschen übernachten ("Überteuert", sagt Miljevič), andere dienen als Souvenirläden, Museum, Bibliothek oder als Bar und Restaurant. Bratenduft vermischt sich mit Rauchgeruch, der aus Schornsteinen tritt. Eine winzige Kirche gibt es, vor einem Haus sitzt eine alte Frau und strickt Wollpullis zum Verkauf. Vor mehreren Gebäuden parken Trabant- oder Wartburg-Autos.

"Sieh dir mal die Straßennamen an", sagt Guide Miljevič und zeigt auf die in kyrillischer Schrift geschriebenen Schilder. "Alle sind nach Berühmtheiten benannt, die Kusturica bewundert." Darunter befinden sich Nikola Tesla, Bruce Lee, Diego Maradona, Ernesto Che Guevara. Seit 2008 findet alljährlich im Januar das Internationale Filmfestival Küstendorf statt, bei der Newcomer-Kurzfilme aus aller Welt prämiert werden.

"Im Gegensatz zu Hollywood ist es unspektakulär", sagt Miljevič bedauernd, "nicht mal einen roten Teppich gibt es." Die Stars kommen dennoch: 2010 besuchte sogar Johnny Depp das Festival.

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