Schießsport auf Mallorca Hals- und Steinbruch

Jeder Stil ist erlaubt, Hauptsache, das Geschoss fliegt nach vorne - mit bis zu 200 km/h. Steinschleuderer verhalfen den Balearen einst zu ihrem Namen. Jetzt will eine Gruppe Mallorquiner die steinalte Tradition reanimieren, am Wochenende findet der erste internationale Wettkampf statt.

Martin Cyris

Von Martin Cyris


Jaume trägt einen knallroten Behälter und grinst über das ganze Gesicht. Er ist Typ südländischer Chauvi: schwarze, halblange Haare, kräftig, braungebrannt von der Sonne Mallorcas. Das Mannsbild freut sich wie ein kleiner Junge. Denn in seinem Eimerchen liegen Schätze, die den Pulsschlag von Groß und Klein offensichtlich erhöhen: große Kieselsteine. Jeder für sich ein wahres Prachtexemplar. Ebenmäßig geformt, drall und prall.

Die Steine hat er mit seinen Freunden auf einem Feld im Südosten von Mallorca aufgelesen. Die Gruppe aus allen Altersklassen bildet einen Kreis und lässt den Inhalt der Eimer in den Staub fallen. Neugierig beäugen die Männer die Ausbeute. Dann fangen sie an, die Steine auszuklauben. Mit gezielten Griffen grabscht jeder zu, ihre Beute landet in Hosentaschen, Beuteln und Körben.

Bei den Männern handelt sich um Steinschleuderer. Und bei den eingesammelten Steinen um Fehlversuche, die an der Zielscheibe vorbeigesegelt sind. Die Geschosse sind markiert. So findet jeder seine persönliche Munition in dem Steinhaufen wieder. Es gibt keine Norm für sie, kein bestimmtes Kaliber.

Auch die Schleudern sind einzigartig: Viele der Aktivisten flechten sie selbst und geben die Einzelstücke ungern aus der Hand. "Ich merke es sofort, wenn ein anderer mit meiner Schleuder geworfen hat", sagt Jaume, der mehrmalige Balearen-Meister im Steinschleudern. Dann würde sich das Wurfgerät anders verhalten, der Stein nicht wie gewohnt fliegen. Seine Munition, etwa von der Größe einer Mandarine, sammelt Jaume auf Vorrat. An einem kleinen verborgenen Strand westlich von Palma. Jeder Steinschleuderer hat einen bevorzugten Ort.

Mit 200 km/h rund 100 Meter weit

Mit wasserfesten Stiften werden die Kieselsteine markiert. Wie viele andere hinterlässt Jaume darauf seine Initialen: "JD". Das steht für Jaume Darder. Wieder andere pinseln ihren Spitznamen darauf, einer sogar eine Bombe. Das ist nicht einmal so weit hergeholt, denn sobald der Stein ins Schwarze trifft - in diesem Fall auf eine 40 Zentimeter runde, gusseiserne Platte - zerbricht der Stein krachend in seine Einzelteile.

Bei einem geglückten Schwung verlässt der Stein die Schleuder mit über 200 km/h und fliegt dann weit über 100 Meter weit - je nach Gewicht und Form, Abfluggeschwindigkeit und -winkel. Da möchte man sich nicht ausmalen, was solch ein Flugobjekt anrichten kann.

In früheren Zeiten mussten sich die Menschen damit wohl oder übel auseinandersetzen. Das Schleudern war von der Antike bis ins Mittelalter eine weit verbreitete Jagdtechnik und Waffengattung. "Damit die Kinder früh das Schleudern lernten, legte man ihnen das Essen in die Bäume", erklärt Diego, der handgeflochtene Schleudern verkauft. "Nur wer getroffen hat, kam zu seinem Essen."

Die Schleuderer von Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera - die sogenannten Foners Balears - galten als Europas treffsicherste Schützen. In den Heeren Roms und Karthagos verdingten sich viele als Söldner. So verhalfen sie den Inseln zu dem Sammelbegriff "Balearen". Es leitet sich vom altgriechischen Wort bállein ab, was "werfen" bedeutet.

Diego tingelt mit seinen selbstgemachten Schleudern von Turnier zu Turnier. Zwischen 10 und 30 Euro kostet das Stück. Wie in alten Zeiten verwendet er Sisal, das aus den Fasern der Agave gewonnen wird. Für die Ernte braucht Diego den Mondkalender: Denn nur in Vollmondnächten lasse sich das Blattinnere anfassen, sagt er, zu anderen Zeiten lösten die Pflanzensäfte heftige allergische Reaktionen aus. "Aber bei Vollmond kann ich mir damit sogar das Gesicht einreiben", grinst Diego.

Gut für Konzentration und Koordination

Der Zusammenhang zwischen den Steinschleuderern und den Balearen ist auch im Mittelmeerraum weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei steckt offenbar besonders den mallorquinischen Kindern das Schleudern in den Genen. "Ich habe schon als Sechsjähriger angefangen, meine eigenen Schleudern zu basteln", sagt Jaume Darder. Er ist auf einer Finca in der Nähe von Llucmajor aufgewachsen. Auf dem ausgedehnten Feld nebenan konnte er üben, ohne dass seine Eltern um die Fensterscheiben fürchten mussten.

"Steinschleudern ist unsere typische Sportart", sagt Jaume Darder. Steinalt obendrein. "Es wäre schön, wenn es wieder mehr Beachtung finden würde." Um dem nachzuhelfen, besucht er Mallorcas Schulen und bringt den Schülern Steinschleudern als Sport nahe: Es sei gut für die Konzentration und die Koordination. Am 30. Oktober können sich auch Mallorca-Urlauber davon überzeugen. Dann steigt in Sóller, im Westen der Insel, der erste internationale Steinschleuder-Wettkampf der Balearen. Neben Teilnehmern des Archipels und vom spanischen Festland werden auch Sportler aus Deutschland und der Schweiz erwartet. Besucher dürfen Probewürfe mit Tennisbällen absolvieren.

Hin und wieder gelingt es Jaume, Mädchen und Jungen für das Schleudern zu begeistern. Doch allzu oft bekämen es selbst vielversprechende Nachwuchstalente mit dem fragwürdigen Ehrgeiz ihrer Eltern zu tun. Die kutschieren ihre Kleinen lieber auf Fußball- oder Tennisplätze. "Die wollen, dass ihre Kinder irgendwann mal so viel Geld verdienen wie Rafael Nadal", stöhnt Jaume. Der Tennisstar mit mallorquinischen Wurzeln dient einheimischen Mamis und Papis als Einkommensvorbild. Steinreiche Steinschleuderer gibt es dagegen nicht.

Es wird eine eigene Mallorca-Liga ausgetragen, sowie von April bis Ende Oktober einige Pokalwettbewerbe. Die Lokalpresse verirrt sich nur gelegentlich zu den Wettkämpfen. Dabei hätten die Zusammenkünfte viel Wiederentdeckungspotential, auch gerade für Touristen auf der Suche nach dem authentischen Mallorca. Denn bei den Wettkämpfen geht es äußerst urig zu. Das Gemeinschaftserlebnis ist vielen Teilnehmern - fast - so wichtig wie ein Titel.

Freistil ist erlaubt

Die Organisation ist oftmals entsprechend unglamourös und bescheiden. Auch auf dem Acker im Südosten von Mallorca wirkt vieles improvisiert: Lediglich ein paar Plastikstapelstühle werden für das Publikum ins Gelände gestellt, das sich hauptsächlich aus Freunden und Bekannten der Schleuderer zusammensetzt. Einzig das Megafon des Kampfrichters und ein Funktionär mit je einer weißen und einer roten Flagge vermitteln den Eindruck, dass es um einen sportlichen Wettkampf mit Sieg und Niederlage geht.

Zum Aufwärmen stellen sich die Schleuderer hintereinander auf. Jeder hat drei Würfe frei. Die Projektile donnern gegen die Zielscheibe - oder ins Feld nebenan. Beim Einwerfen achtet jeder darauf, nicht zu viel Wumms in den Wurf zu legen. Denn bei einem harten Volltreffer zersplittern die Steine, und der Vorrat schmilzt zusammen, was nicht um jeden Preis gewollt ist. Nicht jeder Schleuderer hat schließlich einen Kiesstrand vor der Haustür.

Danach heißt es für die Sportler gewissermaßen Hals- und Steinbruch: In den Vorrunden werden Punkte gesammelt. Einer für einen Treffer aufs Holz, zwei für einen Treffer ins Schwarze, also auf die Metallplatte. Im Finale treten die beiden Besten gegeneinander an. Für die Schwungtechnik gibt es keine Vorschriften. Freistil ist angesagt, fast alle Drehungen sind erlaubt. Manch einer kurbelt sogar hinter dem Rücken. Hauptsache, der Stein fliegt beim Loslassen des einen Schnurendes nach vorne weg.

Jaume Darder und Alfredo Calderón sind häufig im Finale. Sie gelten als die derzeit besten Steinschleuderer Mallorcas. Kein Wunder, kennen sie sich doch mit dem Bewegen von Steinen aus: Jaume ist im Hauptberuf Baggerfahrer, Alfredo ist Maurer.



insgesamt 4 Beiträge
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Cymothoa 25.10.2011
1. Netter Artikel, aber...
Die antiken Schleudern waren sicher nicht aus Sisal, die dafür nötige Agave kommt nämlich aus Amerika...
SirLurchi 25.10.2011
2. Mein Tipp
Zitat von CymothoaDie antiken Schleudern waren sicher nicht aus Sisal, die dafür nötige Agave kommt nämlich aus Amerika...
LOL! Ist auch mir beim Lesen aufgefallen! Meine Vermutung geht in Richtung Hanf oder Flachs! - Aber eher Hanf - ist haltbarer und elastischer.
Ylex 26.10.2011
3. Besser als Pfahlsitzen
Zitat: "...der mehrmalige Balearen-Meister im Steinschleudern." Wieder was dazugelernt, das ziert den Bidlungsbürger. Es gibt also auf Mallorca nicht nur den Ballermann, sondern auch den Balearenmann, der seit alters her mit Steinen durch die Gegend schmeißt - netter Brauch, richtig urig, man gönnt sich ja sonst nichts, und immer noch besser als Pfahlsitzen, allein wegen der Durchblutung. Aber trotzdem... Scheißsport auf Mallorca.
panzerknacker51, 26.10.2011
4. Wieso?
Zitat von YlexZitat: "...der mehrmalige Balearen-Meister im Steinschleudern." Wieder was dazugelernt, das ziert den Bidlungsbürger. Es gibt also auf Mallorca nicht nur den Ballermann, sondern auch den Balearenmann, der seit alters her mit Steinen durch die Gegend schmeißt - netter Brauch, richtig urig, man gönnt sich ja sonst nichts, und immer noch besser als Pfahlsitzen, allein wegen der Durchblutung. Aber trotzdem... Scheißsport auf Mallorca.
Für die Fensterscheiben der "richtigen" Villen doch ein brauchbares Vergnügen ;-)
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