Der Tipp kam von einem Mann, der auf dem Campingplatz in der südlichen Bretagne einen Pool säuberte: Die besten Austern von Carnac-Plage gibt es auf einem Gelände, das an einen Schrottplatz erinnert. An einem Meerbusen stehen Bagger, daneben türmen sich übermannshohe Haufen leerer Austernschalen auf. In einem Schuppen wartet ein brummeliger Verkäufer in Blaumann und Karohemd. In seinem wettergegerbten Gesicht wuchert ein Fünftagebart, auf dem Kopf ruht eine Zipfelmütze.
Vor dem Seebären prangt eine Auslage mit Schalentieren aller Größen, darunter auch die so seltenen wie delikaten Flachaustern. Nach kurzem Verhandeln landen im Proviantbeutel zwei Dutzend der Schalentiere zu einem Preis, für den man in der Heimat nur ein Drittel der Menge erhalten würde. So gerüstet steht dem Ausflug zur nahen Felsküste der Quiberon-Halbinsel nichts mehr im Weg.
Kulinarische Entdeckungen wie diese kann man bei einem Urlaub an der Küste der Bretagne täglich erleben. Der Landzipfel im äußersten Westen Frankreichs ist ein Paradies für die Liebhaber von Fisch und Meeresfrüchten. Erfahrenen Feinschmeckern läuft schon beim Namen der einzelnen Landstriche wie Finistère, Côte de Granit Rose oder Argoat das Wasser im Mund zusammen.
Im Zelt schlafen, wie ein Gourmet speisen
Wer allerdings bei Seespinnen an Insekten denkt und sich vor Hummern ekelt, sollte die Bretagne besser meiden; wer dagegen große Anteile seiner Urlaubskasse dem Genuss aus dem Meer opfern und außerdem noch möglichst viel von der Region sehen will, dem sei eine Rundtour mit dem Zelt empfohlen. Dabei ist es recht egal, ob man die Reise im sanften Süden oder im rauen Norden der Region beginnt. Allerdings sollte man nie versuchen, in der Ferienzeit der Franzosen seine Zelte aufzuschlagen. Dann sind die Campingplätze, deren Standard sich im vergangenen Jahrzehnt übrigens erheblich gesteigert hat, restlos ausgebucht.
Das kulinarische Aushängeschild der Bretagne ist der "Plateau des fruits de mer", eine Art Schlachtplatte aus dem Ozean. Um zu verhindern, dass Touristen von lieblosen Wirten übers Ohr gehauen werden, regelt in der Region die "Charte du plateau de fruits de mer frais bretons", welche Meeresfrüchte das opulente Mahl enthalten muss: Vorgeschrieben sind mindestens drei fangfrische Sorten von Schalen- und Krustentieren.
So türmen sich vor dem Gast meist Austern, Strandschnecken, Venusmuscheln, Langusten und Nordseegarnelen. Dazu kommt wahlweise ein Taschenkrebs oder eine Meeresspinne, gegen Aufpreis auch ein echter bretonischer Hummer. Zum guten Ton gehören üppige Portionen in Audierne. Der Ort gilt als Zentrum der Hummerfischerei, schon deshalb können sich die Wirte am malerischen Hafenbecken nicht lumpen lassen. Im Restaurant Albatros etwa vervielfachen gleich zwei klobige Taschenkrebse die Kraft der Eiweiß-Bombe.
Aale, so groß wie Pythons
Die Küste südlich von Audierne zählt zu den raueren Gegenden der Bretagne. Hinter mächtigen Mauern ducken sich weiße Häuschen vor dem stürmischen Westwind. An der Geröllküste sind feine Strände Mangelware, trotzdem gibt es bei Plozevet einen bestens geführten Campingplatz. Nicht weit entfernt hauten die Bretonen den Minihafen Pors Poulhan in den Fels. In der Imbissbude oberhalb des Hafenbeckens servieren junge Kellnerinnen Crêpes und deren salzige Verwandte, die berühmten bretonischen Galettes. Mit ein bisschen Glück lassen sich in den Abendstunden von hier oben Schweinswale beobachten, die vor der massiven Mole ihre Kreise ziehen.
Im Hafen schleppen Fischer bei Niedrigwasser die Beute aus ihren Reusen an Land, darunter auch Meeraale, die es an Größe mit Pythonschlangen aufnehmen können. Den industriellen Gegensatz zur Fischeridylle in Pors Poulhan bietet das rund 25 Kilometer südlich gelegene Guilvinec. Der Hafen ist das Zentrum der französischen Fischerei, über 300 Trawler holen jährlich 20.000 Tonnen Fisch aus dem Meer. Zum Spektakel gerät die abendliche Rückkehr der Schiffe: Menschenmassen drängen sich dann auf der Besucherterrasse, um das Anlanden von Seeteufeln, Dorschen und Tiefseekrabben zu beobachten.
Eine weitere Spezialität aus der Bretagne sind Wolfsbarsche. Deren Fang ist ein riskanter Job. Warum, das können Touristen an der "Pointe de Penhir" beobachten, dem südwestlichen Zipfel der wilden Crozon-Halbinsel. Wild pfeift der Wind über die schroffen Klippen, wenn ein Tief im Anmarsch ist. Ein sanftes Sommerlüftchen kann dagegen genießen, wem sich der Himmel gnädig zeigt. Dann kraxeln gar Bergsteiger in den Felsen herum, die eine formidable Aussicht auf das Meer 60 Meter darunter bieten.
Für die Fischer, deren Schaluppen wie Papierboote auf den düsteren Wellen tanzen, sind die Fluten auch bei Kaiserwetter eine Gefahr. Der Tidenhub von mehr als 14 Metern lässt ständig eine gewaltige Strömung über die Riffe und Untiefen vor dem Kap ziehen. Durch diesen Mahlstrom, in dem die Wolfsbarsche nach kleinen Fischen, Krebsen und Garnelen jagen, schleppen die Fischer mit kräftigen Haken bestückte Langleinen.
Das Risiko ihrer Arbeit - jedes Jahr ertrinken Fischer vor der Bretagne - lassen sich die Männer gut bezahlen: Bei Auktionen bringen die Wolfsbarsche aus Wildfang Höchstpreise, landen später in den Feinschmecker-Etagen der Kaufhäuser oder in den Küchen europäischer Spitzenrestaurants. Kein Wunder: Weil die Riffe den Barschen nicht nur als Nahrungsquelle dienen, sondern auch Schutz vor den hochtechnisierten Trawlern der Hochseefischer bieten, wachsen die Tiere zur mehrfachen Größe ihrer Artgenossen aus industriellem Fang heran.
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