Schlemmertour in der Bretagne: Und täglich grüßt das Schalentier

Billig schlafen, dafür speisen wie ein König: Mit diesem Motto und einem Zelt im Gepäck reiste Tim Tolsdorff die Küste der Bretagne entlang - immer auf der Suche nach den besten Langusten, Austern und Garnelen der Region.

Bretagne: Paradies für Meeresfrüchte-Fans Fotos
Corbis

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Der Tipp kam von einem Mann, der auf dem Campingplatz in der südlichen Bretagne einen Pool säuberte: Die besten Austern von Carnac-Plage gibt es auf einem Gelände, das an einen Schrottplatz erinnert. An einem Meerbusen stehen Bagger, daneben türmen sich übermannshohe Haufen leerer Austernschalen auf. In einem Schuppen wartet ein brummeliger Verkäufer in Blaumann und Karohemd. In seinem wettergegerbten Gesicht wuchert ein Fünftagebart, auf dem Kopf ruht eine Zipfelmütze.

Vor dem Seebären prangt eine Auslage mit Schalentieren aller Größen, darunter auch die so seltenen wie delikaten Flachaustern. Nach kurzem Verhandeln landen im Proviantbeutel zwei Dutzend der Schalentiere zu einem Preis, für den man in der Heimat nur ein Drittel der Menge erhalten würde. So gerüstet steht dem Ausflug zur nahen Felsküste der Quiberon-Halbinsel nichts mehr im Weg.

Kulinarische Entdeckungen wie diese kann man bei einem Urlaub an der Küste der Bretagne täglich erleben. Der Landzipfel im äußersten Westen Frankreichs ist ein Paradies für die Liebhaber von Fisch und Meeresfrüchten. Erfahrenen Feinschmeckern läuft schon beim Namen der einzelnen Landstriche wie Finistère, Côte de Granit Rose oder Argoat das Wasser im Mund zusammen.

Im Zelt schlafen, wie ein Gourmet speisen

Wer allerdings bei Seespinnen an Insekten denkt und sich vor Hummern ekelt, sollte die Bretagne besser meiden; wer dagegen große Anteile seiner Urlaubskasse dem Genuss aus dem Meer opfern und außerdem noch möglichst viel von der Region sehen will, dem sei eine Rundtour mit dem Zelt empfohlen. Dabei ist es recht egal, ob man die Reise im sanften Süden oder im rauen Norden der Region beginnt. Allerdings sollte man nie versuchen, in der Ferienzeit der Franzosen seine Zelte aufzuschlagen. Dann sind die Campingplätze, deren Standard sich im vergangenen Jahrzehnt übrigens erheblich gesteigert hat, restlos ausgebucht.

Das kulinarische Aushängeschild der Bretagne ist der "Plateau des fruits de mer", eine Art Schlachtplatte aus dem Ozean. Um zu verhindern, dass Touristen von lieblosen Wirten übers Ohr gehauen werden, regelt in der Region die "Charte du plateau de fruits de mer frais bretons", welche Meeresfrüchte das opulente Mahl enthalten muss: Vorgeschrieben sind mindestens drei fangfrische Sorten von Schalen- und Krustentieren.

So türmen sich vor dem Gast meist Austern, Strandschnecken, Venusmuscheln, Langusten und Nordseegarnelen. Dazu kommt wahlweise ein Taschenkrebs oder eine Meeresspinne, gegen Aufpreis auch ein echter bretonischer Hummer. Zum guten Ton gehören üppige Portionen in Audierne. Der Ort gilt als Zentrum der Hummerfischerei, schon deshalb können sich die Wirte am malerischen Hafenbecken nicht lumpen lassen. Im Restaurant Albatros etwa vervielfachen gleich zwei klobige Taschenkrebse die Kraft der Eiweiß-Bombe.

Aale, so groß wie Pythons

Die Küste südlich von Audierne zählt zu den raueren Gegenden der Bretagne. Hinter mächtigen Mauern ducken sich weiße Häuschen vor dem stürmischen Westwind. An der Geröllküste sind feine Strände Mangelware, trotzdem gibt es bei Plozevet einen bestens geführten Campingplatz. Nicht weit entfernt hauten die Bretonen den Minihafen Pors Poulhan in den Fels. In der Imbissbude oberhalb des Hafenbeckens servieren junge Kellnerinnen Crêpes und deren salzige Verwandte, die berühmten bretonischen Galettes. Mit ein bisschen Glück lassen sich in den Abendstunden von hier oben Schweinswale beobachten, die vor der massiven Mole ihre Kreise ziehen.

Im Hafen schleppen Fischer bei Niedrigwasser die Beute aus ihren Reusen an Land, darunter auch Meeraale, die es an Größe mit Pythonschlangen aufnehmen können. Den industriellen Gegensatz zur Fischeridylle in Pors Poulhan bietet das rund 25 Kilometer südlich gelegene Guilvinec. Der Hafen ist das Zentrum der französischen Fischerei, über 300 Trawler holen jährlich 20.000 Tonnen Fisch aus dem Meer. Zum Spektakel gerät die abendliche Rückkehr der Schiffe: Menschenmassen drängen sich dann auf der Besucherterrasse, um das Anlanden von Seeteufeln, Dorschen und Tiefseekrabben zu beobachten.

Eine weitere Spezialität aus der Bretagne sind Wolfsbarsche. Deren Fang ist ein riskanter Job. Warum, das können Touristen an der "Pointe de Penhir" beobachten, dem südwestlichen Zipfel der wilden Crozon-Halbinsel. Wild pfeift der Wind über die schroffen Klippen, wenn ein Tief im Anmarsch ist. Ein sanftes Sommerlüftchen kann dagegen genießen, wem sich der Himmel gnädig zeigt. Dann kraxeln gar Bergsteiger in den Felsen herum, die eine formidable Aussicht auf das Meer 60 Meter darunter bieten.

Für die Fischer, deren Schaluppen wie Papierboote auf den düsteren Wellen tanzen, sind die Fluten auch bei Kaiserwetter eine Gefahr. Der Tidenhub von mehr als 14 Metern lässt ständig eine gewaltige Strömung über die Riffe und Untiefen vor dem Kap ziehen. Durch diesen Mahlstrom, in dem die Wolfsbarsche nach kleinen Fischen, Krebsen und Garnelen jagen, schleppen die Fischer mit kräftigen Haken bestückte Langleinen.

Das Risiko ihrer Arbeit - jedes Jahr ertrinken Fischer vor der Bretagne - lassen sich die Männer gut bezahlen: Bei Auktionen bringen die Wolfsbarsche aus Wildfang Höchstpreise, landen später in den Feinschmecker-Etagen der Kaufhäuser oder in den Küchen europäischer Spitzenrestaurants. Kein Wunder: Weil die Riffe den Barschen nicht nur als Nahrungsquelle dienen, sondern auch Schutz vor den hochtechnisierten Trawlern der Hochseefischer bieten, wachsen die Tiere zur mehrfachen Größe ihrer Artgenossen aus industriellem Fang heran.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. Das besondere Vergnügen Austern zu essen
ralfhettich 16.09.2010
Die Welt der Schalentiere und besonders der Auster ist für französische Gaumen ein Hochgenuss. Vor dem Genuss ist eine weitgefächerte Warenkunde angesagt. So werden keine Austern „en general“ verspeist. Auch bei den Austern gibt es verschiedene Herkunftsbezeichnungen, eine Appellation controllé, die dem kundigen Genießer ganz differenzierte Geschmacksnoten versprechen. Bei der Austersorte „Huitre Marennes Oléron“ können Sie zwischen der kleinen und feinen „Fine de Claire“, der „Fine de Claire Verte“, der „Speciale de Claire“ und der vollfleischigen „Pousse en Claire“ entscheiden. Zum Öffnen der Austern können Sie ein typisches Austermesser, mit einer etwas 4 Zentimeter langen stumpfen Klinge, verwenden. Mit einem kleinen geschickten Kniff fahren Sie die Klinge in Auster hinein, kappen die Muskeln, die aus der Auster eine verschlossene Auster machen und klappen ganz unspektakulär den flachen Austerndeckel weg. Mit der Messerspitze können Sie am Perlmutrand die Auster auf Lebendigkeit überprüfen. Reagiert die Auster auf Ihren kleinen Test, dann können Sie getrost die Auster genießen ohne danach die Leistungsfähigkeit eines französischen Krankenhauses kennenzulernen. Lassen Sie der Auster ein paar Minuten Zeit, dann kann sich das wohlschmeckende Wasser in der Schale sammeln. Die übliche Zitronensaftzugabe können Sie getrost beiseite lassen: Erstens ärgern Sie die Auster und zweitens entgehen Ihnen damit die besonderen Feinheiten einer natürlichen belassenen Auster. Zur Auster eignet sich nicht nur ein Muskadet. Auch ein Sancerre oder ein schlichter Weißwein aus dem Bordeaux fügen sich gut mit Austern zusammen. Hauptsache, der Wein ist gut gekühlt. Als Beilage kann ich ein mit Salzbutter bestrichenes Pumpernickel empfehlen. Für diesen Schmaus würde ich es dem Verfasser des Berichtes gleichtun: Lieber im Zelt übernachten und dafür Austern als Hauptgericht nehmen. Bon appetit!
2. Keine Nachwehen ...
mexi42 16.09.2010
früherer Ölunfälle?
3. ...
bicyclerepairmen 16.09.2010
Zitat von ralfhettichDie Welt der Schalentiere und besonders der Auster ist für französische Gaumen ein Hochgenuss. Vor dem Genuss ist eine weitgefächerte Warenkunde angesagt. So werden keine Austern „en general“ verspeist. Auch bei den Austern gibt es verschiedene Herkunftsbezeichnungen, eine Appellation controllé, die dem kundigen Genießer ganz differenzierte Geschmacksnoten versprechen. Bei der Austersorte „Huitre Marennes Oléron“ können Sie zwischen der kleinen und feinen „Fine de Claire“, der „Fine de Claire Verte“, der „Speciale de Claire“ und der vollfleischigen „Pousse en Claire“ entscheiden. Zum Öffnen der Austern können Sie ein typisches Austermesser, mit einer etwas 4 Zentimeter langen stumpfen Klinge, verwenden. Mit einem kleinen geschickten Kniff fahren Sie die Klinge in Auster hinein, kappen die Muskeln, die aus der Auster eine verschlossene Auster machen und klappen ganz unspektakulär den flachen Austerndeckel weg. Mit der Messerspitze können Sie am Perlmutrand die Auster auf Lebendigkeit überprüfen. Reagiert die Auster auf Ihren kleinen Test, dann können Sie getrost die Auster genießen ohne danach die Leistungsfähigkeit eines französischen Krankenhauses kennenzulernen. Lassen Sie der Auster ein paar Minuten Zeit, dann kann sich das wohlschmeckende Wasser in der Schale sammeln. Die übliche Zitronensaftzugabe können Sie getrost beiseite lassen: Erstens ärgern Sie die Auster und zweitens entgehen Ihnen damit die besonderen Feinheiten einer natürlichen belassenen Auster. Zur Auster eignet sich nicht nur ein Muskadet. Auch ein Sancerre oder ein schlichter Weißwein aus dem Bordeaux fügen sich gut mit Austern zusammen. Hauptsache, der Wein ist gut gekühlt. Als Beilage kann ich ein mit Salzbutter bestrichenes Pumpernickel empfehlen. Für diesen Schmaus würde ich es dem Verfasser des Berichtes gleichtun: Lieber im Zelt übernachten und dafür Austern als Hauptgericht nehmen. Bon appetit!
Merci. Wir fahren im Spätherbst wieder dort hin. Bin Austerntechnisch völlig unbeleckt, gibt es jahreszeitentechnisch da was zu beachten ? Unsere selbst gesammelten Muscheln (vor 2 Jahren ) waren tadelos und hatten nichts W20 o.ä. Ich glaube in Alaska sieht es wesentlich düsterer aus...
4. Beneidenswert...
Ylex 16.09.2010
Zitat aus dem Artikel: "Billig schlafen, dafür Speisen wie ein König..." Täusche ich mich, oder ist da irgendwo ein Fehler? Na ja, egal - ansonsten ein wunderbarer Artikel, der sofort Sehnsüchte in mir weckt, Erinnerungen an Abendessen, die sich über Stunden hinzogen, mit dem Blick aufs Meer, auf die Etagere voller frischer Meeresfrüchte und auf die Weinflasche im Eiskübel, der mit einem speziellen Drahtkorb an die Tischkante gehängt wurde. Wenn jemand kulinarische Lebensart hat, dann die Franzosen, beneidenswert...
5. Wm- Titel
hermanngaul 16.09.2010
Oh, Danke für den Artikel. Wir fahren auch im Herbst wieder hin und werden unvernünftig viel Geld für Essen ausgeben. Aber was solls. Im übrigen kann man den Ausführungen von Ralfhettich nur beipflichten. Nur als kleine Ergänzung sei erlaubt, dass man das erste Wasser in der Auster verwerfen sollte, um dass wie bereits erwähnt ein wenig auf das sich neu sammelnde Wasser warten sollte. Und: Eine Auster schmeckt nirgends so gut, wie am Hafen, wo sie aus dem Wasser geholt wurde. Die armen Menschen, die sich in Berlin im KDW Austern bestellen.
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