Hornschlittenrennen in den Alpen Abheben in der Holzklasse

Vollzählig und inklusive Gefährt - so muss ein Hornschlitten-Rennteam ins Ziel kommen. Und das ist nicht gerade einfach. Piloten und Tausenden Zuschauer bringen die bald startenden Wettkämpfe vor allem eins: eine Riesengaudi.

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Schon von weitem sind sie zu hören. Mit lautem Gejohle rast das Team "De Unberechenbaren" mit bis zu 80 km/h durch den steilen Bergwald ins Tal. Die Zuschauer grölen und halten kurz darauf den Atem an: Der Schnee stiebt, die Zielkurve nimmt der Hornschlitten schlingernd nur auf einer Kufe, noch ein beachtlicher Hüpfer über die kleine Schneeschanze, dann ist es geschafft.

Nicht gerade in Bestzeit, aber die vier tollkühnen Männer sind heil unten angekommen - mitsamt Schlitten. Das muss erwähnt werden, denn ab und zu geht auf den eisigen Bahnen und Pisten ein Hornschlitten zu Bruch oder ein Passagier verloren. "In die Wertung kommt das Team nur, wenn es komplett mit Gefährt das Ziel erreicht", sagt Peter Strodl vom Hornschlittenverein Partenkirchen.

Das Hornschlittenrennen in Garmisch-Partenkirchen zählt zu den größten Spektakeln dieser Art im Alpenraum. Bis zu zehntausend Zuschauer pilgern traditionell an Dreikönigstag zur steilen Strecke an der Partnach und bejubeln die wagemutigen Männer und Frauen bei Tee und Glühwein.

Hornschlitten - in Oberbayern heißen sie auch "Schnabler" und im Allgäu "Schalenggen" - dienten einst den Bergbauern zum winterlichen Transport von Heu und Holz. Im Rahmenprogramm der Rennen sind oft noch historische Gefährte mit Besatzung in altertümlicher Bekleidung zu bewundern. Bei vielen solcher Events legen die Veranstalter sogar großen Wert auf originalgetreue Schlitten in traditioneller Holzbauweise.

Beim modernen Europacup dagegen, der seit einigen Jahren in den Alpenländern ausgetragen wird, ähneln die schnittigen Gefährte allerdings mehr überdimensionalen Rennrodeln aus Stahl und Carbon, und die Fahrer in hautengen Overalls und mit Vollvisierhelmen erinnern eher an Profisportler als an Gaudiburschen, die versehentlich in eine Zeitmaschine geraten sind.

So sahen sie einst aus: Schlitten, Heu und vorne drauf ein Bergbauer
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So sahen sie einst aus: Schlitten, Heu und vorne drauf ein Bergbauer

Ein Überblick zu den wichtigsten Veranstaltungen:

Garmisch-Partenkirchen: Nur traditionelle Schlitten zugelassen

Das Rennen auf dem 1200 Meter langen und durchschnittlich 18 Prozent steilen "Hohen Weg" zählt als Bayerische Hornschlitten-Meisterschaft mit Herren- und Damen-Wertung. Entsprechend streng sind die Teilnahmebedingungen. Denn nur Holzschlitten in traditioneller Bauweise wie vor hundert Jahren werden zum Start zugelassen, und die vier Mitfahrer dürfen nur gewöhnliche Wander- oder Bergschuhe, aber keine Skischuhe tragen.

Aus Sicherheitsgründen sind seit vergangenem Jahr zeitgemäße Sturzhelme vorgeschrieben. Bis zu hundert Hornschlitten nehmen jedes Jahr am Rennen um den Porzellanlöwen teil, etwa zehn davon werden von Damenteams gesteuert.

Renntermin: 6. Januar 2016 Gaißach bei Bad Tölz: Spring, Schnabler!

Tausende strömen zur Faschingszeit in den Isarwinkel zum Gaißacher Schnablerrennen. Die meisten Zuschauer, viele davon im Faschingskostüm, drängen sich dann um die Naturschanze im Zielhang, denn dort heben die Schnabler kurz vor dem Ziel noch zu einem weiten Satz ab. Der weiteste Sprung mit einem Schnabler landete bei sage und schreibe 25 Metern.

Eine Veranstaltung mit Tradition: Schon seit 1928 rasen die zweisitzigen Schnabler vom Lehener Berg die 1,5 Kilometer lange Strecke ins Tal. Als Lenker sind nur Gaißacher zugelassen, Mitfahrer dürfen auch Auswärtige sein. Die Veranstalter achten streng darauf, dass nur mit den alten, herkömmlichen Hornschlitten gefahren wird. Jede kleinste Veränderung am Gefährt führt zur Disqualifizierung.

Renntermin: 10. Januar 2016 (bei widrigen Schneeverhältnissen wird der Start um eine Woche verschoben)

Pfronten-Kappel im Allgäu: Pokal für jeden

Seit 1977 pilgern Besucher von weit her ins 200-Seelen-Dorf Kappel zum Schalenggen-Rennen. Die Kappeler waren vor mehr als 40 Jahren die Ersten im Allgäu, die ihre alten Hornschlitten wieder aus der Scheune holten und damit um die Wette steile Schneehänge hinunter rasten.

Traditionell starten immer am Faschingssamstag bis zu 200 Schlitten zum großen Gaudirennen. "Bei uns zählen in erster Linie die Tradition und das Dabeisein, nicht die Zehntelsekunden. So erhält bei uns auch jeder Teilnehmer ein Geschenk und selbst der Letzte einen Pokal," sagt Hanne Allgayer, Vorsitzende des Kappeler Schalengger Verein.

Bis heute sind nur Schalenggen in der Originalform aus Holz zugelassen. Das bedeutet, nur Zwei-Mann-Schlitten ohne Hilfsmittel wie Bremsen oder Lenkstangen dürfen auf die einen Kilometer lange Strecke. Bei der Bekleidung lässt man den Rennteams freie Wahl. Einige fahren in historischer Bauerntracht, andere im Wikinger-Kostüm oder in der Lederkluft - es ist schließlich Fasching!

Renntermin: 6. Februar 2016

Adelboden in der Schweiz: Heu abwärts

Das traditionelle "Horäschlittä-Renä" am Chuenisbärgli zählt zu den größten Hornschlitten-Events in der Schweiz. Um zwölf Uhr Mittag fällt oben am Ski-Weltcuphang der Startschuss für die mehr als hundert Zweierteams, die mit bis zu 70 Sachen ins Tal sausen.

Das Hornschlittenrennen erinnert, wie in anderen Alpenregionen auch, an die schwere Arbeit der Bergbauern: Früher wurde das Heu in sogenannten Finneln, Heuschobern, auf den Almen eingelagert, bevor es die Bauern im Winter auf großen Schlitten, den "Horäschlitten", ins Tal brachten. Egal ob sie im zünftigen Leinenanzug mit Zipfelmütze oder im Renndress mit Helm die kurvenreiche Strecke in die Chälä hinunterkurven - für alle Rodler geht es um Spaß, aber natürlich auch um die schnellste Zeit.

Renntermin: 14. Februar 2016

Oberwiesenthal im Erzgebirge: Gaud am Hang

Seit einigen Jahren freuen sich auch Zuschauer jenseits der Alpen über die tollkühnen Rodler auf ihren hölzernen Schlitten. Vor allem in Sachsen und Thüringen finden einige gut besuchte Rennen statt. Bekanntester Austragungsort ist Oberwiesenthal. Der Luftkurort am Fuße des Fichtelbergs ist mit 914 Metern nicht nur die höchstgelegene Stadt Deutschlands, sondern auch der bekannteste Wintersportort im Erzgebirge.

Das Hornschlitten-Fest beginnt am Freitagabend mit einem Flutlicht-Gaudirennen auf dem Skihang. Am frühen Samstagnachmittag fällt dann der Startschuss auf der Rodelstrecke an der Himmelsleiter. Zum Einsatz kommen übrigens auch hier die bekannten Hornschlitten nach Werdenfelser Bauart wie in Garmisch-Partenkirchen.

Renntermin: 5. März 2016

Armin Herb, SRT/sto

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