Schneeschuhwandern in Lappland: Rentier-TV am Polarkreis

"Wer schlurft, der fällt" - auch Schneeschuhwandern will gelernt sein. Schon das Anziehen der Plastiklatschen kann leicht mit einem Koppheister im tiefen Schnee Lapplands enden. Helge Sobik sinniert über das Unterhaltungpotential des Stolpersports für Rentiere und Schneehasen.

Finnland: Schneeschuhwandern am Polarkreis Fotos
Helge Sobik

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Die Bären haben sich in den Winterschlaf verabschiedet und verpassen das kuriose Spektakel. Zum Wundern wach geblieben sind nur die Rentiere, ein paar Schneehasen und eine scheue Schar Schneehühner: Gäbe es in ihren Verstecken Fernseher und hätten diese Tiere Spaß daran, sich über merkwürdige Menschen zu amüsieren - sie würden sich wahrscheinlich Comedy-Filmchen über Schneeschuhwanderer bei ihren ersten Gehversuchen ansehen.

Oder sie würden vor die Haustür treten und all das live erleben: eine Handvoll dick vermummter Gestalten auf einem einsamen Waldweg in Finnisch-Lappland - links und rechts Tannen mit Puderzucker auf den Ästen, daneben hüfthohe Schneewehen, am Horizont baumlose Fjälls, dazu die ebene Oberfläche eines zugefrorenen Sees, über alldem dunkelblauer Winterhimmel. Unberührte Schneelandschaften ohne Querfeldein-Pfade, ohne Rummel, ohne Lifte - allenfalls mit den Spuren von ein paar Rentierhufen zwischen den Tannen.

Mit Motorschlitten sind die vermummten Gestalten diesen Vormittag die Straße durch den Wald entlang gesaust, nun holen sie etwa einen halben Meter lange und über 20 Zentimeter breite Plastiklatschen aus dem Gepäckfach ihrer Schlitten und versuchen, sich diese Riesentreter gegenseitig an die Füße zu schnallen. Das dauert seine Zeit und geschieht in improvisierter Choreografie: Auf einem Bein tänzeln die Menschen mäßig elegant neben ihren Schlitten, hantieren mit den überdimensionierten Schuhen, kämpfen ums Gleichgewicht - und verlieren.

Rücklings in der Schneewehe

Der Erste rappelt sich gerade aus dem weichen Schnee auf. Beim Versuch, auf einem Bein zu balancieren, bis ein neongelber Schneeschuh montiert war und gleichzeitig nach dem zweiten zu hangeln, ist er umgeplumst und zwischen zwei Kiefern einen halben Meter tief eingesackt. Im Rentierfernsehen würden in diesem Moment die ersten Lacher eingespielt werden - und in der Sekunde lauter werden, als der Mann das zweite Mal rücklings in die Schneewehe fällt.

Seine Mitstreiter finden es ebenfalls komisch und klopfen ihm fröhlich den Schnee vom gefütterten Anorak. Sie treten sich dabei gegenseitig auf die ungewohnt großen Schuhe, stolpern gegen eine Tanne, lösen ein mittleres Puderzuckergestöber aus - und stürzen nun zu dritt in den Schnee. Der ist in Lappland glücklicherweise tief, weich und auf Dauer sogar ein bisschen gemütlich. Im Rentierfernsehen würde jetzt der Werbeblock kommen, und das Leittier würde wahrscheinlich etwas zum Knabbern holen.

Lappland macht Karriere als Winterziel, lockt Urlauber für ein paar Tage in die Welt aus Eis und Schnee am Nordzipfel des Kontinents: wegen der endlosen Weite, der Schneesicherheit und des Faszinosums, Ferien an einem Ende der Welt zu machen. Sie kommen, um auf Rentier- oder Hundeschlitten-Ausflug zu gehen, um das grüne Feuer des Nordlichts Aurora Borealis am Himmel leuchten zu sehen, Langlauf zu machen - und um Schneeschuhwandern zu lernen.

"Wer schlurft, der fällt"

Langsam nur war diesen Vormittag ein Streifen Tageslicht den Horizont hinaufgeklettert - erst ein roter Schimmer, dann ein feuriger Schein, bald darauf ein bläuliches, klares Leuchten. Ein Licht, bei dem man plötzlich die Kobolde im Wald tanzen sieht. Die Sonne wird Anfang Dezember nicht höher steigen als die Wipfel der Tannen aus dem Schnee herausragen und dennoch über die Polarnacht siegen. Selbst rund um den 21. Dezember, den dunkelsten Tag des Jahres, ist der Himmel nicht rund um die Uhr pechschwarz, sondern changiert in magischem Dunkelblau. Und Mitte Januar ist es in der Gegend von Ivalo schon wieder jeden Tag für etwa drei Stunden hell.

Irgendwann ist der Werbeblock im Rentierfernsehen vorbei, und die menschlichen Akteure im Unterhaltungsprogramm haben es geschafft, die Schneeschuhe unterzuschnallen. Nur der Dicke mit den Gleichgewichtsproblemen ist schon wieder in der Schneewehe gelandet, weil ihm ein Kumpel auf den Schuh getreten ist. "Es dauert jedes mal nur ein paar Minuten", lacht Wildnisführer Jaakko Palonpää, "bis Neulinge mit der Dimension der Schneeschuhe vertraut sind, sich nicht mehr selber auf die Hacken treten und den richtigen Schritt heraus haben."

Der fällt breitbeiniger aus als in Straßenschuhen - und höher, denn ein paar Zentimeter sackt auch der Schneeschuh mit seiner breiten, netzartigen Oberfläche jedes mal ins weiche Weiß ein. "Wer schlurft, der fällt", sagt Jaakko - und stolpert selbst, was ihm nicht nur das Gelächter seiner Wandergruppe, sondern vermutlich auch einen Quotenrekord und Sympathiepunkte im Rentierfernsehen beschert.

Die Sinne konzentrieren sich nicht mehr ausschließlich auf die Füße

Dafür gibt es kurz danach für schadenfrohe Zuschauer nicht mehr viel zu sehen: Nach ein paar Minuten stimmt der Schrittrhythmus, sind die Bewegungen angepasst, und die Sinne konzentrieren sich nicht mehr ausschließlich auf die Füße. Sie sind offen für die Winterwelt. Für die klare Luft, den geheimnisvollen Schein des Himmels. Für die Stille, die nur vom Knirschen des Schnees unterbrochen wird und vom eigenen Atem, der vor Mund und Nase gefriert und klirrend herunter fällt.

Und als wäre sie bestellt worden, zieht am Horizont eine Rentierherde über die sanften, baumlosen Hügel und Täler der Fjälls. Zwei Hütehunde treiben die Tiere zusammen, und aus der Ferne beobachten drei Samen in traditioneller blau-rot abgesetzter Kluft das Geschehen. Sie stehen neben ihren Schlitten, rufen ein paar Kommandos zu den Hunden herüber.

In Lappland leben auf einem Drittel der Fläche Finnlands nur 200.000 Einwohner - im Schnitt weniger als zwei pro Quadratkilometer. Nur etwa 2500 von ihnen gehören dem Volk der Samen an und pflegen noch ihren traditionellen Lebensstil.

Nach ein paar Kilometern querfeldein über den Tiefschnee werden die Schritte langsamer, die Beine schwerer. Jaakko macht Feuer an einer vorbereiteten Lagerstelle, kocht Tee, serviert ihn in geschnitzten Holztassen, an deren Rändern man sich nicht die Lippen verbrennen kann. Und er bereitet Lachssuppe am Lagerfeuer zu. Falls Winter einen Geschmack hat: Es könnte dieser sein - würzig ist er und rein.

Für die richtige Ausleuchtung des Rückwegs sorgt der Nachthimmel. Grüne Spots schleudert er zwischen den Sternen hervor Richtung Schnee, blinkt und strahlt dabei selber für Sekunden taghell im Licht der tonlosen Blitze: Das nordfinnische Feuerwerk des Polarlichts Aurora Borealis ist die spektakulärste Inszenierung, die das Firmament auf dem Spielplan hat. Aufgeführt wird sie in fast jeder klaren Winternacht am Himmel über Lappland.

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1. Endlich ...
lotharius 27.01.2013
... mal eine Verfechtung der nichtmotorisierten Bewegung. Willkommen, Teutonen, zu einer der umweltschonendsten und energiefressendsten Sportart und Fortbewegungsweise! Und dann noch erheiternd, wie man liest, und mit Landschafts- und Naturgenuss. Vergleichbar allenfalls mit mit Skilanglauf, denn auch der hinterlässt weder Abgasgase oder Lärm (Motorschlitten!) noch unvergängliche Spuren in der Landschaft (Abfahrtslaufpisten). Nur Tannen gibt es weder in Lappland noch sonst in Finnland, gemeint sind Fichten. Aber das ist ziemlich egal.
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