Schottische Highlands Meilen lavendelfarbener Einsamkeit

Das Gefühl der Einsamkeit ist immer da. Das schottische Hochland ist dünn besiedelt, voller verlassener Häuserruinen und von einer spröden Schönheit. Gerade richtig für Wildkatzen, Otter, Fischadler - und für Wanderer, die die melancholische Wildnis zu schätzen wissen.

Corbis

Kincraig - Bewegungslos sitzt sie im Gebüsch und lugt aus gelb-grünen Augen zwischen den Blättern hervor: Die Wildkatze ist eine scheue Einzelgängerin und nur dort heimisch, wo sie weitgehend ihre Ruhe hat. In den knorrigen Kiefernwäldern der schottischen Highlands schleicht sie noch durch das Unterholz. Doch um das Raubtier in freier Wildbahn zu treffen, braucht es viel Glück. "Da ist es wahrscheinlicher einem Tiger in Sibirien zu begegnen", sagt Douglas Richardson. "Von denen gibt es mehr."

Das Walkie-Talkie des Wildhüters knackt, der braun-schwarz getigerte Schwanz der Wildkatze zuckt alarmiert - und im nächsten Moment ist sie auch schon verschwunden. Richardson, buschige Augenbrauen und grauer, zotteliger Bart, richtet sich auf. Der Wildhüter des Highland Wildlife Park hat schon in Tierparks und Zoos auf der ganzen Welt gearbeitet. Doch nach Stationen in Kanada und Singapur zog es ihn zurück in die Heimat. "Und da bleibe ich jetzt auch", sagt er.

Der Arbeitsplatz des 53-jährigen Schotten liegt im Süden der Highlands, im Gebiet der Cairngorm Mountains, einer Landschaft geprägt von sattgrünen Tälern vor rauem Bergpanorama. Mit seinen 4528 Quadratkilometern ist dieses Naturschutzgebiet Großbritanniens größter Nationalpark. Hier ragen einige der höchsten Berge der britischen Insel in den Himmel.

Ruf des Schneehuhns

Mit dem Bus sind es von Edinburgh knapp vier Stunden nach Kincraig, einem 500-Seelen-Dorf am Rande des Am Monadh Ruadh, des roten Gebirges, wie die Cairngorm Mountains auf Gälisch heißen. Je näher der Bus Kincraig kommt, desto weniger Fahrgäste werden es. "Kincraig? Was wollen Sie denn hier?", fragt der Busfahrer scherzhaft einen Touristen beim Aussteigen.

Hinter dem Ort, in den dunkelgrünen Wäldern mit ihren schwarz-weiß gestreiften Birken und knorrigen Kiefern leben Auerhähne, Eichhörnchen und Rothirsche. Hier ist auch der Schottische Kreuzschnabel heimisch, eine ziegelrote Finkenart, die es nur in Schottland gibt. In den Mooren sind die Rufe der Schneehühner zu hören, in den zahlreichen Flüssen und Seen, den Lochs, jagen Otter und Fischadler. Doch nach Wildnis fühlt sich das alles trotzdem nicht an.

Statt Menschenleere ist hier das klassische Publikum eines Naherholungsgebiets anzutreffen: Jogger auf Waldpfaden, Familien, die vom Parkplatz zur nächsten Picknickgelegenheit wandern, und Herrchen, die ihre Hunde Gassi führen. Eine Idylle, das scheint die Cairngorm-Region zu sein. Doch eine ungezähmte Wildnis?

Der Highland Wildlife Park nahe Kincraig verstärkt diesen Eindruck. Der Tierpark lockte mit einheimischen Tieren allein nicht genügend Besucher an, deshalb wurde er kurzerhand um Tiere aus der ganzen Welt erweitert, die in dem gleichen kühlen Klima wie in Schottland leben. "Seit es Eisbären und Co. gibt, strömen die Besucher nur so herbei", sagt Wildhüter Douglas. Vorbei an Herden von Wildpferden, Bisons und Rothirschen begeben sie sich mit ihren Autos auf schottisch-exotische Safari.

Wildnis abseits des Bärenteichs

So skurril Eisbären vor der malerischen Kulisse einer schottischen Bergkette anmuten mögen - Douglas sieht das ganz pragmatisch. "Während der Eiszeit gab es hier auch schon einmal Eisbären", erklärt er achselzuckend. Jetzt sei der Bär eben wieder da, diesmal durch Menschenhand. Vergnügt planscht das massige Tier mit einem blauen Plastikspielzeug in einem Teich.

Hinter ihm erheben sich dunkel und bedrohlich die Cairngorm Mountains. Die Wildnis, sie muss abseits des Eisbärenteichs, abseits des Speckgürtels aus idyllischen Dörfern wie Kincraig, abseits der Informationstafeln, Wanderwege und Parkplätze liegen. Der Weg dorthin führt querfeldein über ungezählte Schafweiden.

Zu Tausenden grasen die Tiere auf den Wiesen vor den Bergen. Wer hier hindurch will, muss ein Gatter nach dem anderen öffnen und schließen und zahlreiche Steinmauern und Stacheldrahtzäune überwinden. Zicklein bleiben angesichts des Wanderers erschrocken stehen, Böcke mit gezwirbelten Hörnern beobachten ihn argwöhnisch.

Hinter den Schafweiden zeigt sich ein Berghang, bedeckt mit großen Felsbrocken. Je höher es geht, desto karger wird die Szenerie, und plötzlich machen die Warnhinweise des Fremdenverkehrsamts vor der unwirtlichen Bergwelt der Highlands einen Sinn. Nur den eigenen Atem im Ohr, geht es bergauf. Ein paar verkrüppelte Kiefern krallen sich in den Berg, danach verwandelt sich die Landschaft in eine Art arktische Wildnis.

"Ich habe nie Einsameres durchschritten"

In diesem Hochland-Nirwana wächst kein Baum und kein Strauch mehr. Adler und andere Raubvögel ziehen über den Gipfeln ihre Kreise. Die kahlen Berge scheinen sich wie aufgetürmte Wellen bis zum Horizont zu rollen. Nur das Heidekraut gedeiht hier und lässt die Hänge lila schimmern. "Meilen und Meilen lavendelfarbener Einsamkeit", schrieb Virginia Woolf in ihr Notizbuch, als sie 1938 in den Highlands unterwegs war.

Kurze, kühle Sommer und lange Winter mit viel Schnee - das Klima in den Highlands hat die höher gelegenen Gebiete zu einer weiten, mit Flechten und Moos bedeckten Tundra geformt. "Das Wetter hier ist unberechenbar", sagt Mike Welding kopfschüttelnd. "In einem Moment scheint die Sonne, im anderen regnet es." Der kleine Hotelbetrieb des Schotten in Kincraig hat oft unter den sprunghaften Wetterverhältnissen zu leiden.

Doch wenn nach einem Regenschauer plötzlich das Licht zwischen den Wolken hervorbricht und lange Schatten auf die Berge zaubert, zeigt sich der Reiz dieser Landschaft. Es ist eine spröde Schönheit, eine melancholische Wildnis, in der sich der Wanderer ziemlich schnell ziemlich allein fühlen kann. War dort hinter den Felsbrocken nicht gerade ein bedrohlich großer Schatten zu sehen?

"Ich habe nie Einsameres durchschritten", schrieb der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane über seine Reise von Perth nach Inverness 1858. Tatsächlich blieb keine Region in Großbritannien so lange unbekannt und unzugänglich wie die Highlands. "Noch um 1700 wusste man in London über die Highlands nicht mehr als über Abessinien oder Japan", schreibt der Landeskenner Peter Sager in seinem Reisebuch "Schottland".

Mahnmale der Clearances

Nicht nur war die Gegend unbekannt, Reisende im 17. Jahrhundert fürchteten auch die gefährlichen Schluchten, die sie durchqueren mussten - und die unberechenbaren Bewohner der Highlands. Ganz im Sinne der archaischen Natur, in der sie lebten, lieferten sich die Clans zahlreiche Fehden untereinander - und natürlich mit ihrem Lieblingsfeind, den Engländern.

Trotz der Zeit, die zwischen einem Reisenden aus dem 17. Jahrhundert und dem heutigen, mit Funktionskleidung ausgerüsteten Wanderer, liegt - es begleitet auch ihn ein Gefühl der Einsamkeit. Das kommt nicht von ungefähr. Auch wenn die Highlands schon immer dünn besiedelt waren, so menschenleer wie heute waren sie nicht immer. Die verwitterten Steinruinen ehemaliger Häuser zeugen von einem dunklen Kapitel schottischer Geschichte.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts vertrieben die Großgrundbesitzer die Pächter und Kleinbauern aus den Highlands, um die Flächen für die rentable Schafzucht nutzen zu können. Ganze Dörfer wurden so aufgelöst, ihre Bewohner gezwungen, nach Nordamerika oder Australien auszuwandern. Die Häuserruinen, die überall in den Highlands zu finden sind, sind düstere Mahnmale dieser systematischen Entvölkerungspolitik, der sogenannten Clearances.

Die Suche nach Arbeit, die Abwanderung der jungen Leute nach Edinburgh und Glasgow haben ihr Übriges getan: Heute leben rund 80 Prozent der Bevölkerung in den Städten der Lowlands, im Süden Schottlands. Die Highlands, sie waren und bleiben ein karges, unwirtliches Land - und eines von bestechend wilder Schönheit.

Patrizia Schlosser, dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
RogerT 30.06.2011
1. Eine der schönsten Gegenden in Europa
Eine der schönsten Gegenden in Europa. Wenn man schon mal da ist, sollte man auch gleich die Hebriden mit einbeziehen. Die Fährgesellschaft bietet "Round Tickets" an, wo man z.B. ganz im Norden auf eine Insel übersetzt, dann weiter südlich auf die nächsten Inseln und ganz im Süden der Hebriden wieder zurück aufs Festland.
elpaso, 30.06.2011
2. Irland keine Konkurrenz
Da die unglaublich schöne und spezielle Landschaft auch noch von sehr liebenswürdigen und kontaktfreudigen Menschen besiedelt ist, eine absolute Empfehlung. Wir hatten im April Schootland und Irland kombiniert (Norden und Republik) und haben beschlossen, Schottland noch mal einen langen und individuellen Extrabesuch zu widmen, während wir das unserer Ansicht nach weit überschätzte Irland vor allem wegen seiner wirklich rüden Bevölkerung da liegen lassen werden, wo es liegt, im langweiligen grün-grauen Abseits.
Gertrud Stamm-Holz 30.06.2011
3. seufz
Zitat von RogerTEine der schönsten Gegenden in Europa. Wenn man schon mal da ist, sollte man auch gleich die Hebriden mit einbeziehen. Die Fährgesellschaft bietet "Round Tickets" an, wo man z.B. ganz im Norden auf eine Insel übersetzt, dann weiter südlich auf die nächsten Inseln und ganz im Süden der Hebriden wieder zurück aufs Festland.
Sie meinen wahrscheinlich die Island Rover Tickets. Bei der Inselhopserei kann man die schönsten Landschaften entdecken, ohne auf einen Haufen an Touristen zu treffen. Ich sollte langsam mal wieder gen Norden ziehen. Ich war schon länger nicht mehr dort.
RogerT 30.06.2011
4. Jupp
Zitat von Gertrud Stamm-HolzSie meinen wahrscheinlich die Island Rover Tickets. Bei der Inselhopserei kann man die schönsten Landschaften entdecken, ohne auf einen Haufen an Touristen zu treffen. Ich sollte langsam mal wieder gen Norden ziehen. Ich war schon länger nicht mehr dort.
Jupp, diese hier: http://www.calmac.co.uk/ dort unter Ticket - Island Hopping lohnt sich.
Liberalitärer, 30.06.2011
5. Jacke
Die Inseln sind toll, ein Weltwunder, aber leider feucht und kalt. Die Bewohner sind cool - wirklich cool, der Trip lohnt sich. Es empfehlen sich auch im Sommer Pudelmütze und Ostfriesennerz. Und ja, eine Karte und ein GPS, aber Jack Wolfskin braucht es nicht. Es ist dort - sagen wir rustikal.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.