Schottische Highlands Spuk der Grünen Dame

Whisky, Schafe und Spukschlösser: Schottland wird allen Klischees mehr als gerecht. Aber wer könnte sie nicht mögen? Die gruseligen Legenden, die trutzigen Ritterburgen und die rauchigen Single Malts der Highlands im Inselnorden.


Turriff - Angeblich ist Geiz typisch für Schottland. Aber bei einer Rundfahrt durch die Highlands ist davon nichts zu merken. Zumindest geizt Schottlands Nordosten nicht mit kleinen und großen Sehenswürdigkeiten. Touristen lernen hier: Typisch schottisch sind eher Whisky und Wolle, Schafe und Schlösser, Geister und Menschen, für die das alles Alltag ist.

Fyvie Castle ist ein Schloss, das alle Schottland-Klischees erfüllt: Die Eingangshalle ist einige Meter hoch, Ritterrüstungen stehen herum. An der hinteren Wand flackert ein künstliches Kaminfeuer, an einer anderen hängen gekreuzte Schwerter, aber auch ein Hirschgeweih und ein Elchkopf. Der ausgestopfte Eisbär aber, der sich scheinbar grinsend über einen ebenfalls ausgestopften Seehund beugt, wirkt hier in Turriff nordwestlich von Aberdeen schon etwas exotisch.

Fyvie Castle wäre die ideale Kulisse für einen Film über Schottlands schrillste Schlösser. Der Alligator, der mächtige Elefantenstoßzahn und die Schildkröte, auf die Schlossbesucher zu Beginn ihres Besuchs zulaufen, belegen genau wie die Krokodilhaut aus dem Sudan, dass einer der früheren Schlossherren ein leidenschaftlicher Jäger und Sammler war. Das Schloss ist aber auch in anderer Hinsicht bemerkenswert - nicht nur wegen seiner mehr als hundert Zimmer: In Flyvie Castle spukt die Grüne Lady, und das schon seit Jahrhunderten.

Rauchen, Trinken, Spielen

Andrew Collins führt die Gäste durch das Treppenhaus. "Es stammt von 1599 und ist das breiteste in Schottland", erzählt er und schreitet forsch voran. "Es ist so groß, dass früher einige Besucher mit dem Pferd nach oben geritten sind." Das Schloss ist 800 Jahre alt, sagt Collins, "es war im Mittelalter mal der Jagdsitz des schottischen Königs". Der Großteil der Einrichtung stammt aber aus späterer Zeit.

Im Herrenzimmer hängen ein Büffelkopf an der Wand und eine Sammlung von Gewehren. Der Billardtisch darunter ist zwei Tonnen schwer. "Hier frönten die Männer ihren Lastern", erzählt der Schlossführer: "Rauchen, Trinken, Spielen". Zu sehen ist auch das Zimmer, in dem im 16. Jahrhundert der Schlossherr seine Gattin für immer einsperrte, weil sie vier Töchter, aber keinen Sohn bekommen hatte. Sie starb verzweifelt und geht nun noch immer um: "In dem grünen Kleid, das sie damals getragen hat", sagt Collins.

Der Schlossherr heißt heute Robert Lavie und ist nicht adelig. Er verwaltet Fyvie Castle im Auftrag des National Trust, jener britischen Institution, die dafür sorgt, dass viele historische Gebäude Besuchern zugänglich sind und bleiben. "Die Grüne Lady habe ich noch nie gesehen, aber den Rosenduft ihres Parfums habe ich schon gerochen", beteuert er. "Sie war auch ein paarmal in meiner Wohnung, hat Sachen verstellt und einmal sogar die Wasserhähne aufgedreht."

Lavies Chancen auf Geistererscheinungen sind vergleichsweise gut: Er wohnt seit zehn Jahren unterm Schlossdach. Auf einem Schränkchen steht ein Foto, das ihn neben Prince Charles zeigt. "Ein supernetter Typ. Er war erst im Oktober hier, und es hat ihm richtig gut gefallen." Lavie und Prince Charles teilen mehrere Interessen. Dazu zählt schottischer Whisky - Single Malt Whisky, um genauer zu sein.

Wasser für den Whisky

Single Malt ist die Königsklasse der hochwertigen Spirituosen aus dem Norden der britischen Insel - eine Materie, mit der man sich nach Lavies fester Überzeugung am besten ganz praktisch vertraut macht. Er gießt einen Balvenie ein. "Zwölf Jahre alt", sagt er genießerisch, "sechs Jahre im Eichen- und sechs Jahre im Sherryfass, leicht und voller Süße." Lavie gibt aus einer filigranen versilberten Kanne einen Schluck Wasser in den Whisky, bevor er das erste Mal daran nippt. Seine Gäste tun es ihm gleich. "Das Wasser", sagt er, "bringt die Aromen erst richtig zur Geltung."

Ein Stück westlich von Turriff liegt das Highland-Städtchen Elgin. Mit Fyvie Castle hat es gemeinsam, dass Prince Charles erst kürzlich da war: 2008 hat er ein Besucherzentrum bei Johnstons eröffnet. Johnstons, Ende des 18. Jahrhunderts gegründet, ist eine Institution in Schottland und die erste Adresse für alles, was sich aus Wolle herstellen lässt. Craig Ware, einer der Gästeführer, zeigt auf das weiße Cashmere aus der Mongolei, das hier verarbeitet wird. "Das hier ist Kamelhaar", sagt er und lässt ein flauschiges Bisschen davon herumgehen, "wunderbar weich".

Johnstons lässt sich auch hinter die Kulissen gucken: Besucher dürfen die Abteilung in Augenschein nehmen, wo die Wolle gesponnen wird, die Halle, in der die Webstühle stehen und auch die riesigen Waschmaschinen, die das Öl aus der Wolle waschen - mit schottischem Quellwasser. Im kleinen Elgin, sonst vor allem berühmt für die mächtigen Ruinen seiner mittelalterlichen Kathedrale, wird auch im Auftrag der großen Marken produziert: von Lacoste über Ralph Lauren bis hin zu Burberry. Vor allem Schals und Decken kommen von hier.

Südlich von Elgin liegt Speyside, eine Region in den Highlands mit besonders vielen Whisky-Destillerien. In Grantown on Spey ist Graham Harvey zu Hause, ein Whisky-Connaisseur der besonderen Art. Denn er nutzt ihre Aromen nicht nur zum Trinken: Harvey ist Chefkoch im "Craggan Mill". Das Restaurant in einer alten Mühle aus dem 18. Jahrhundert ist bekannt für seine Küche mit Whisky-Spezialitäten - alles Harveys Kreationen. "Es schmeckt einfach toll", sagt er. "Man muss nur den Mut haben, viel auszuprobieren." Den hat er, und so bekommen Gäste Haggis-Suppe mit einem Hauch von 15 Jahre altem Glenfarclas serviert oder geräucherten Fisch mit einer Whisky-Tabasco-Soße.

Schottlands kleinste Destillerie

Schon nicht mehr in Speyside liegt Edradour, die durchaus Chancen auf den Titel "Schottlands schnuckeligste Destillerie" hätte. In jedem Fall ist sie die kleinste. Sie liegt in Perthshire in der Nähe des Ortes Pitlochry. Die weißen Gebäude, die unter anderem die Brennblasen beherbergen, sind schon von der Straße aus zu sehen. Ein Bach plätschert davor unter einer schmalen Brücke hindurch. Auf dem Hof steht Besitzer Andrew Symington. "Wir sind die letzte Farm-Destillerie Schottlands", erzählt er, "entstanden aus einem Bauernhof, auf dem die überschüssige Gerste für die Whiskyherstellung genutzt wurde." Die Destillerie besitzt ihre Brennlizenz seit 1847.

"Heute arbeiten hier drei Brenner und ich selbst", sagt Symington. "Anderswo steuern die alles per Computer, wir machen das hier noch per Hand." In der Whisky-Branche arbeitet er seit mehr als 20 Jahren. Vor sieben Jahren stand er zusammen mit seiner aus Deutschland stammenden Partnerin vor der Destillerie. "Wunderschön hier", hat sie gesagt. "Soll ich's dir kaufen?", hat er gefragt. "Ein Jahr später standen wir wieder davor, diesmal mit dem Schlüssel in der Hand."

Die Destillerie kann besichtigt werden, vom Raum, wo die Gerste in riesigen "Big Bags" gelagert wird, bis zu den Maischbottichen und den "Stills" für das Destillieren.

Symington lässt seinen Malt ausgiebig reifen. "Wir benutzen Sherry-, Port-, Burgunder-, Madeira- und Marsala-Fässer", erklärt er. Je nachdem, wie lange der Whisky gelagert wird und in welchem Fass, entstehen ganz unterschiedliche Variationen des Edradour Malt. Im Besucherzentrum stehen sie Flasche an Flasche im Regal, eine eindrucksvolle Bandbreite, wie um zu beweisen, was geschmacklich alles möglich ist.

In seinem aus allen Nähten platzenden Warehouse hat Symington 700 Fässer liegen. Eins davon gehört seinem Sohn Andrew Gerhard. Noch fährt der Kleine mit dem Bobbycar über den Hof. "Aber wenn er 21 wird, bekommt er das Fass zum Geburtstag", sagt der Edradour-Chef. Daraus lassen sich 700 Flaschen abfüllen - von einem dann sehr alten, sehr ungewöhnlichen Tropfen. Damit könnte man nicht nur Geburtstag feiern, sondern ein Fest wie ein Schlossherr.

Andrew Gerhard Symington weiß noch gar nicht, wie gut er es hat.

Von Andreas Heimann, dpa



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