Schwäbische Alb Gipfelsturm der zehn Tausender

Steigeisen, Sauerstoffflasche und Kletterseil? Nein, danke. Die zehn Tausender in der Schwäbischen Alb sind allein mit Wanderstock und Trekkingschuh zu bezwingen. Vorbei an Klöstern und Burgen, über Hochflächen und durch Wälder führen drei Routen mit spektakulären Ausblicken.


Tuttlingen - Wer "Zehn Tausender" hört, denkt vielleicht zuerst an eine Kombination aus Himalaja und Höhenkoller - denn selbst dort in Asien gibt es keine Berge, die so hoch zum Himmel ragen. Das Höchste, was die Schwäbische Alb zu bieten hat, ist allerdings ganz ohne Kälteschutz, Sauerstoffflasche und Kletterseil zu meistern: Die zehn Tausender-Gipfel, die drei Routen in dem beliebten Wandergebiet den Namen gaben, sind allesamt leicht zu besteigen. Die höchsten Erhebungen im Donaubergland liegen so dicht beisammen, dass geübte Wanderer die zehn Tausender in zwei Tagen ohne große Mühe schaffen.

Vom Rainen (1006 Meter) im Norden bis zum Hummelsberg (1002 Meter) im Süden sind es gerade acht Kilometer Luftlinie. Unterwegs werden Höhlen, Dolinen und unterirdische Flussläufe passiert. Die Spuren von Kelten, Alemannen, Römern, Württembergern und Habsburgern sind zu sehen: Bizarr steht eine Ruine mitten im Wald, sanft plätschert ein Brunnen, von fern klingen die Glocken alter Kirchen. Klöster, Burgen und Mühlen geben Zeugnisse der Geschichte. Über die nach Südosten sanft abfallende Hochfläche zeigen sich an schönen Tagen die Alpen. Am Albtrauf, der steil nach Nordwesten abfallenden Kante dieses Kalkgebirges, bieten sich spektakuläre Ausblicke zum Schwarzwald.

Sternwanderungen von Wehingen

In Zusammenarbeit mit dem Schwäbischen Albverein und dem Naturpark Obere Donau gründete die Aktionsgemeinschaft "Region der zehn Tausender", die von Gastronomen, Hoteliers und Gemeinden getragen wird, die Routen über die Gipfel im Kreis Tuttlingen. Die drei Teilstrecken treffen sich zentral in Wehingen. Sie bieten bequeme Wanderungen mit leichtem bis mittlerem Schwierigkeitsgrad, 7,5 bis 15 Kilometer lang und auf keinesfalls ausgetretenen Pfaden - diese Landschaft im Süden Deutschlands gehört zu den ruhigsten überhaupt.

Die mit 15 Kilometern längste Wanderung führt von Wehingen zum Lemberg, mit 1015 Metern der höchste Berg der Schwäbischen Alb. Wer noch ein bisschen höher hinaus will, besteigt den 33 Meter hohen und mehr als 100 Jahre alten Aussichtsturm. Bei klarem Wetter reicht der Blick von der Plattform der Stahlskelett-Konstruktion bis zum Feldberg im Schwarzwald und der Alpenkette im Süden, manchmal auch bis zu den Viertausendern im Berner Oberland.

Reizvoll ist auch der Aussichtsweg entlang des Albtraufs hinauf auf den Oberhohenberg (1011 Meter). Von dort stammt die Urmutter des Habsburger-Geschlechts, auf dem Oberhohenberg stand früher auch eine Burg. Der nächste Tausender dieser Tour ist der Hochberg (1009 Meter) - hier ist auf dem Pfad allerdings etwas Vorsicht gefragt. Auf dem Rückweg wird die Wallfahrtskapelle "Zu den 14 Nothelfern" passiert.

Im Verlauf der zehn Kilometer langen zweiten Wanderung geht es über vier Tausender, die größtenteils bewaldet sind: das Motschenloch (1004 Meter), den Rainen (1006 Meter), den Bol (1002 Meter) und den Wandbühl (1007 Meter). Wer Ausblicke genießen möchte, muss einen halbstündigen Abstecher zum Ortenberg machen; dem fehlen zwar fünf Meter zur Gruppe der Tausender, er bietet aber dafür einen herrlichen Ausblick vom Albtrauf nach Nordwesten.

Götzenaltar und Ofenschlupfer

Die dritte Route führt über den Hochwald (1002 Meter) zum Kehlen (1001 Meter) und auf den Hummelsberg (1002 Meter). Unterwegs wird die Biathlon-Anlage bei Gosheim passiert. In der Nähe des Hochwalds dreht sich auf dem Gebäude der Deutschen Flugsicherung permanent ein Radar.

Später bietet sich eine Aussicht auf Gosheim, Denkingen und das Albvorland. Die Heuberg-Kapelle St. Quirin lädt zu einer Pause ein. Hinter dem Hummelsberg ist das Klippeneck zu sehen. Das 981 Meter hoch gelegene Gebiet ist ein Start- und Landeplatz der Segelflieger.

Ein lohnendes Ziel ist auch der Dreifaltigkeitsberg (985 Meter) mit Wallfahrtskirche und einem Kloster der Claretiner. Dort kann den Wanderern gelegentlich der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel begegnen, der von seinem Wohnort Spaichingen aus gerne auf seinen Hausberg wandert.

Ganz in der Nähe, beim Allenspacher Hof, passieren die Wanderer eine mehr als 300 Jahre alte Linde, mit einem Stammumfang von imposanten 8,50 Metern. Eine Besonderheit ist auch zwischen Königsheim und Böttingen zu bestaunen: der Götzenaltar. Der Steinblock mit einem Spalt, der exakt in Nord-Süd-Richtung verläuft, liegt versteckt im Wald. Der Schwäbische Albverein bezeichnet den Monolithen als Opferstätte und Grabhügel aus der Spätbronzezeit.

Einen Rundum-Panoramablick bietet sich vom Alten Berg (980 Meter). Die Routen der zehn Tausender führen vorbei an Gasthöfen und Wirtshäusern, die schwäbische Spezialitäten wie Zwiebelrostbraten mit Spätzle, Kutteln mit Bratkartoffeln, Flädlesuppe, Schupfnudeln mit Sauerkraut und Maultaschen mit Kartoffelsalat bieten. Auch die Dampfnudeln und Ofenschlupfer sind hier hausgemacht.

Wolf Günthner, gms

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