Curling-Crashkurs: Sliden tut weh

Von Martin Cyris

Curling gilt als eine der sonderbarsten olympischen Disziplinen - doch richtig lustig wird's erst, wenn sich ein Anfänger aufs Eis wagt. Denn der fühlt sich wie ein Pinguin auf Schmierseife. Ein Selbstversuch.

Curling-Schnupperkurs: Rutschen, schrubben, sliden Fotos
World Curling Federation

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Die ersten Schritte in einer neuen Sportart. Durchweg die schwierigsten. Beim Curling sind sie auch noch halsbrecherisch. Denn das Neuland, das der Neuling betritt, besteht aus einer sauglatten Oberfläche.

Etwa die Eisbahn des Curling-Clubs Disentis im schweizerischen Graubünden, jenem Kanton, in dem Rätoromanisch offizielle Amtssprache ist. Dort kann man Schnupperkurse buchen in dieser putzig anzusehenden olympischen Wintersportart, bei der Männer und Frauen freiwillig zum Besen greifen. Auf dem Eis verwandelt der sich vom lästigen Putz- zum dienlichen Sportgerät. Man kennt es zumeist aus dem Fernsehen: Wie Duracell-Häschen schrubben Curler mit ihren Besen über das Eis.

Auch Tumaisch Desax. Der Mann mit dem wohlklingenden rätoromanischen Namen ist Clubpräsident in Disentis - und mein Lotse für die allerersten Schritte im Curling. Der Crashkurs am Rand der Eisfläche hört sich noch recht plausibel an: "Zielen, abspielen, kehren, ins Haus treffen."

Eleganz ist Übungssache

Doch dann die Kehrseite: meine ersten Gehversuche auf dem Eis. Mit Spezialschuhen. Damit gleiten die Curler elegant übers Eis. Ich nicht. Stattdessen fühle ich mich wie ein Pinguin auf Schmierseife, so rutschig ist das Geläuf. Doch es ist Rettung in Sicht: der Abstoßblock mit seinem rauen Filzbelag. Der sogenannte Hack ist gerade mal so groß wie ein Fußabstreifer. Ich nenne ihn fortan "meine Rettungsinsel".

Schuld an der Rutschpartie hat der Slider. Eine Art Gamasche, die mir Tumaisch Desax unter meinen linken Schuh geschnallt hat. Der Slider besteht aus einer Schicht Teflon. Das Zeug kennt man von Antihaft-Bratpfannen. Man muss kein Kotelett sein, um damit jede Bodenhaftung zu verlieren. Erst recht auf Eis. Mit glatter Absicht, denn der Curler soll beim Abstoßen des Steins geschmeidig über die Bahn gleiten und das Spielgerät taktisch geschickt platzieren. Gewonnen hat - grob dargestellt - wer am Ende mehr Steine im Zielbereich des sogenannten Hauses einquartiert hat, ein wenig erinnert das Ganze an Boccia.

Fertig machen für das erste Curling-Abspiel meines Lebens. Ausgerechnet jetzt fallen Tumaisch die schönsten Anekdoten von ausrutschenden Mitspielern ein: "Räto, zeig mal deine Beule", ruft er einem Clubkameraden zu. Der zückt seinen breitkrempigen Hut. Die blaugrüne Wölbung am Schädel wischt meine Unsicherheit nicht unbedingt weg.

Ich frage nach einem Helm - um nicht auf demselben vierrädrigen, krankenhausbettähnlichen Gestell von der Eisfläche befördert zu werden, auf dem die schweren Curling-Steine zuvor hinaufbefördert wurden. Der Club hält Schutzhelme für Anfänger parat. Die kommen regelmäßig: Im Winter können sich Feriengäste an jedem Donnerstagabend im Sportcenter von Disentis aufs Eis wagen. Die Anmeldung erfolgt über Hotels oder im Tourismusbüro der Ortschaft im Schatten des Sankt-Gotthard-Massivs. Viele Urlauber kommen mit dem beinahe schon sagenumwobenen Glacier-Express, der in Disentis Halt macht, nachdem er vom Matterhorn kommend den nahen Oberalppass erklommen hat.

Hoch das Bein

Tumaisch demonstriert die sogenannte Steinabgabe. Jetzt gibt es kein Zurück mehr: Ich muss mein linkes Bein von der Rettungsinsel bewegen und auf der sauglatten Eisfläche abstellen. Das rechte Bein fummle ich in eine Art Startblock. Mein linker Arm umfasst den Besen, zur besseren Balance. Besser: Er krampft sich daran fest.

Erste Steinabgabe. Das rechte Bein sorgt für Bewegung, mit dem linken gleite ich übers Eis. Die Antihaftsohle lässt's laufen. Ich spiele den Stein ab. Doch er schafft es nicht weit. "Mehr Länge", ruft Tumaisch. Ich spiele weitere Übungssteine, gleite auf und nieder und versuche, die grauen Spielgeräte im Haus oder kurz davor zu platzieren.

Schon nach kurzer Zeit klappt das immer besser. Tumaisch erklärt, wie man kleine Kurven erzeugt - durch Drehen des Griffs. Das mit den links- und den rechtsdrehenden Steinen habe ich schnell kapiert, weshalb mich Tumaisch befördert: Ich darf in der Gruppe mitspielen, bei einem Miniturnier.

Okay, let's slide. Bei meiner ersten Steinabgabe fürs Team kommt Nervosität auf. Ich drehe glatt den ersten Stein rechts- statt linksherum - anders, als der Mannschaftskapitän mit seinem Besen angedeutet hatte. "Das kostet eine Runde", jubiliert Besenmann Räto, der mit der Beule unterm Hut.

Der Sieger spendiert die Drinks

Räto, ein pensionierter Architekt, ist mein Club- und Schrubbkamerad. Trotz kalter Temperaturen - Disentis liegt 1130 Meter über dem Meeresspiegel - wird einem beim Schrubben schnell heiß. "Bürsten ist streng", sagt Räto in charmantem Schweizerdeutsch. Ob wischen, kehren, schrubben oder bürsten - fegen müssen alle Curler, damit sich ein Wasserfilm auf dem Eis bildet. Der verlängert die Laufbahn.

Die Schweiz ist drittstärkste Curling-Nation weltweit. Rund 8000 Vereinssportler gibt es, mehr als zehnmal so viele wie in Deutschland. Dabei geht es übrigens nicht nur um Bestleistungen und Siege: Schon auf dem Spielfeld geht es zuvorkommend und kameradschaftlich zu. "Curling ist eine sehr faire Sportart", sagt Tumaisch Desax. Noch nicht von falschem Ehrgeiz und Gewinnstreben verdorben. Böse Worte über Fehlversuche oder gar Lästereien sind Fehlanzeige.

Und nach dem Sport wird's erst recht gemütlich: Der Gewinner zahlt die Getränke, das ist internationaler Usus. Es fließt der Grappa - eine Grußnote eines befreundeten Vereins vom Lago Maggiore - sowie feiner Rotwein aus dem Wallis. Natürlich in der Vereinsheim-Caféteria. Einen Namen hat der Laden noch nicht. Wie wär's mit Besenwirtschaft? Bürstenwirtschaft klänge irgendwie: verkehrt.

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insgesamt 7 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wirklich sonderbar
daskänguru 31.01.2013
Zitat von sysopCurling gilt als eine der sonderbarsten olympischen Disziplinen - doch richtig lustig wird's erst, wenn sich ein Anfänger aufs Eis wagt. Denn der fühlt sich wie ein Pinguin auf Schmierseife. Ein Selbstversuch. Schweiz: Curling-Schnupperkurs in Disentis - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/schweiz-curling-schnupperkurs-in-disentis-a-880580.html)
Männer mit einem Schrubber die das Eis putzen. Bei Frauen ja noch OK aber sonst wirklich sonderbar.
2.
timmel76 31.01.2013
Top! Gibt es auch eine Übersicht, wo man es in Deutschland ausprobieren kann?
3. Curling in Deutschland
curler70 31.01.2013
Wie schon im Artikel beschreiben ist die Zahl der Curler in Deutschland begrenzt. Aber denneoch gibt es einige Verein die auch Curlung-Schnupper-Kurse anbieten. z.B. Füssen, Garmisch, Hamburg. Weitere Vereine und deren Ansprechpartner sind auf http://www.curling-verband.de/clubs.html zu finden . Viel Spass beim ausprobieren!
4. Curling in Deutschland
curler70 31.01.2013
Wie schon im Artikel beschreiben ist die Zahl der Curler in Deutschland begrenzt. Aber denneoch gibt es einige Verein die auch Curlung-Schnupper-Kurse anbieten. z.B. Füssen, Garmisch, Hamburg. Weitere Vereine und deren Ansprechpartner sind auf http://www.curling-verband.de/clubs.html zu finden . Viel Spass beim ausprobieren!
5.
curler70 31.01.2013
Zitat von timmel76Top! Gibt es auch eine Übersicht, wo man es in Deutschland ausprobieren kann?
Wie schon im Artikel beschreiben ist die Zahl der Curler in Deutschland begrenzt. Aber denneoch gibt es einige Verein die auch Curlung-Schnupper-Kurse anbieten. z.B. Füssen, Garmisch, Hamburg. Weitere Vereine und deren Ansprechpartner sind auf http://www.curling-verband.de/clubs.html zu finden . Viel Spass beim ausprobieren!
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