Ein Meer aus Laternen, bunten Masken und Piccolopfeifen: Die Basler Fasnacht ist ein dreitägiger Feiermarathon mit Zehntausenden Zuschauern. Besucher des närrischen Treibens sollten ein paar Vokabeln kennen - und sich vorm "Räppli" hüten.
Der Hahn hat noch lange nicht gekräht. Und doch sind Zehntausende schon auf den Beinen. Wie eine Pilgerschar machen sie sich aus allen Himmelsrichtungen zu Fuß auf in die Altstadt der Schweizer Grenzmetropole Basel. Ein Phänomen, das sich seit Jahrhunderten sechs Wochen vor dem Osterfest wiederholt.
Dann nämlich beginnt die traditionelle Basler Fasnacht "wenns vieri schloot" mit dem Morgenstraich. Um Punkt vier Uhr erlöschen im Stadtgebiet sämtliche Lichter. Gleichzeitig bricht ein kollektiver Jubel aus. Darin scheint auch die Bitte zu verhallen, nicht mit Blitzlicht zu fotografieren. Ein Meer von Handys und Digitalkameras sorgt mit eingebauten Blitzgeräten für manches ungewolltes Funkeln in der Nacht. Doch der eigentliche Blickfang sind die fast 12.000 Fasnachtler mit ihren bis zu 3,5 Metern großen, beleuchteten Zug-Laternen.
Wie Glühwürmchen ziehen die Cliquen, wie die teilnehmenden Gruppen genannt werden, mit selbstgebauten Masken und farbigen "Kopfladäärnli", den Kopflaternen, in einem nicht enden wollenden Strom durch die Stadt. Begleitet werden sie von einer Heerschar Maskierter mit Piccolopfeifen und Trommeln. Der immer gleiche Klang der Marschmusik hallt durch die Straßen und Gassen und wird schnell zu einem Ohrwurm.
Die Waggis gehört dazu
Das kalte Wetter stört hier anscheinend niemanden. Alle hüpfen im Takt der Trommeln und Piccoloflöten hin und her und halten sich so ein bisschen warm. Zudem erfreuen sie sich an den fast 200 Zug-Laternen, die wie Mottowagen beim Karneval deutscher Prägung, mit Augenzwinkern Weltgeschehen und Lokales, aber auch Politiker und Prominente auf die Schippe nehmen. Die Riesenleuchten werden in oft tage- und wochenlanger Kleinarbeit liebevoll gestaltet. "Das Schlimmste für die Prominenten ist es, wenn ihnen keine Laterne gewidmet ist. Dann wissen sie, dass sie keinerlei Wertschätzung mehr erfahren", sagt Felix Rudolf von Rohr, langjähriger Obmann des Basler Fasnachts-Comités.
Das genaue Geburtsjahr der "drey scheenschte Dääg", wie der Basler über den dreitägigen Feiermarathon zu sagen pflegt, liegt im Dunkeln. Fest steht, dass die Obrigkeit den Fasnachtstermin im Jahre 1529 auf den Montag bis Mittwoch nach Aschermittwoch festlegte. Aus dieser Zeit stammt auch die erste urkundliche Überlieferung über den Verkauf der Masken durch Maler und Krämer. Üblicherweise geben sich die Fasnachtler nicht zu erkennen, sondern verstecken sich hinter ihrer Maske.
Neben Phantasiemotiven gehört die Waggis, die traditionelle Maske mit der großen roten Nase, die an eine elsässische Bauernfigur angelehnt ist, zur Standardausrüstung vieler Fasnachtler. Die investieren jährlich bis zu 700 Schweizer Franken in Kostüm und Maske. Um dieses aufwendige Hobby zu finanzieren, verkaufen die meisten Gruppen Speisen und Getränke. Zudem werden sie durch das Fasnachts-Comité unterstützt. Die Dachorganisation verkauft seit 1911 für Preise zwischen 8 und 100 Schweizer Franken bronzene, silberne und goldene Plaketten mit jährlich wechselnden Motiven an die Zuschauer. Der Erlös kommt dann den Cliquen zu.
Je weiter beim Morgenstraich die Zeit voran schreitet, desto mehr lichten sich die Reihen. Die Zuschauer suchen sich schnell einen Platz in einer Gaststätte oder "Beitz". Denn nun stürzen sich die hungrigen und durchgefrorenen Besucher und Fasnachtler mit Riesenappetit auf die traditionellen Fasnachtsspezialitäten wie Käse- und Zwiebelkuchen.
Stunde der Schnitzelbänke
Am frühen Morgen wartet der zweite Teile der Fasnacht darauf, entdeckt zu werden: das "Gässle". Einzelpersonen und kleine Gruppen ziehen mit ihren Flöten und Trommeln durch die malerischen Gassen der Altstadt, bevor um 13.30 Uhr mit der Cortège der nächste Höhepunkt folgt. Bei diesem gigantischen Fasnachtsumzug - der übrigens am Mittwoch seine Wiederholung erfährt - begeben sich die Cliquen und Musiker auf einen Rundkurs zwischen der Altstadt und der Kleinbaseler-Seite.
Sie laufen die Strecke sowohl im als auch gegen den Uhrzeigersinn ab. Dabei können die Cliquen den Ort und die Dauer ihrer Pausen selber festlegen. Sie scheren einfach aus dem Zug aus, um sich später wieder einzureihen. Dies führt dazu, dass die Besucher manche Gruppen gleich mehrfach an sich vorbei ziehen sehen, andere Cliquen nur einmal oder gar nicht.
Mit Einbruch der Dunkelheit schlägt die Stunde der Schnitzelbänke. Die Bänkelsänger ziehen von Lokal zu Lokal, um dort ihre ironischen Verse über Ereignisse des abgelaufenen Jahres auf Baseldeutsch zu singen. Der Dienstag ist der Tag der Kinder, der Schissdräckzuegli, der Gässle und der Guggen, die mit schrägen Tönen aus ihren Blechinstrumenten aufwarten. Am Mittwoch, dem letzten Tag, ziehen alle Fasnachtler noch einmal durch die Stadt. Abertausende säumen erneut die Straßen, bis schließlich vor dem Morgengrauen der letzte Pfeifer, der letzte Trommler und Guggenmusiker heim gezogen ist.
"Während der Fasnacht duzt jeder jeden. Für drei Tage sind alle gesellschaftlichen Konventionen außer Kraft gesetzt", sagt Fasnachts-Experte von Rohr. Da werden während der Cortège Mimosen und Orangen als Vorboten des Frühlings verteilt, Süßigkeiten geworfen, da wird aber auch manchem Zuschauer entlang der Strecke jede Menge "Räppli", wie das Konfetti im Baseldeutsch heißt, mal schnell im Vorbeigehen in die Kleider gestopft. Eine kleine "Aufmerksamkeit", die dafür sorgt, dass der Besucher noch Tage später an die Basler Fasnacht erinnert wird, wenn irgendwo am Körper noch ein bunter Papierschnipsel auftaucht.
Karsten-Thilo Raab/SRT
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