Sommerjob in der Schweiz Ein Alp-Traum

Für den Sommer auf die Alp und dafür noch Geld bekommen: Als Saisonarbeiter in den Schweizer Bergen anzuheuern, klingt für manchen Großstädter nach einem leichten Job. Doch wer nicht fit ist, hält nicht lange durch.

Vanessa Püntener / Pixsil

Von Birgitta vom Lehn


Einen ganzen Sommer in "Heidi"-Land verbringen, in kühler Bergluft, mit frischer Milch und selbstgemachtem Ziegenkäse, weit weg von der Großstadthatz - und dafür noch bezahlt werden: Der Einsatz als Saisonarbeiter auf der Alp ist für manche die Erfüllung eines Traumes. Allerdings muss man dafür hart im Nehmen sein, Einsamkeit ertragen und auf warm duschen und digitale Unterhaltung verzichten können.

Im ersten Jahr bedeute der Aufenthalt Stress, im dritten sei er ein Genuss, sagt Kaspar Schuler. Der Schweizer Greenpeace-Kampagnenleiter hat viele Sommer als Senn und Hirte verbracht und seine Erlebnisse als Mitautor in einem Alp-Handbuch festgehalten.

Menschen aus allen Berufs- und Bevölkerungsschichten kämen auf die Alp, schreibt Schuler darin, aus Portugal, Südtirol, Deutschland, Australien und natürlich aus der Schweiz. Manche vertreibe die Verantwortung und Angst um eine "Herde beseelter Tiere" allerdings schnell wieder aus dem Job. Statt täglicher Gipfelbesteigungen gehe es eben meist um "stundenlanges Auf und Ab im Hang, Tiere verarzten, Zaunpfosten buckeln und Schlegel schwingen". Andere mache das Alpen aber auch regelrecht süchtig.

Auch viele Frauen kommen für einen Sommer auf die Alp

Derart Faszinierten hat die Schweizer Autorin Daniela Schwegler ihr Buch "Traum Alp" gewidmet. Einen Sommer lang besuchte die Journalistin zwölf Schweizer Alpen und porträtierte Frauen, die dort als Aushilfe arbeiteten. Auch die dabei entstandenen Bilder der Fotografin Vanessa Püntener dokumentieren, dass auf den Alpen zwar Seelenruhe herrscht, aber eben keine idyllische Unbeschwertheit. Trotzdem sind die Frauen, die Schwegler und Püntener trafen, alle Wiederholungstäterinnen.

Der berufliche Hintergrund ist verschieden, von der Biologin über die Agraringenieurin, Biobäuerin, Krankenschwester, Familienhelferin, Wursterin, Schafhirtin, Sekretärin, Shiatsu-Therapeutin bis zur Pferdezüchterin. Einige bringen ihre Familien mit, andere kommen allein. Die jüngste ist 20, die älteste 75 Jahre alt, hat sieben Kinder großgezogen und ein Vierteljahrhundert lang ihren kranken Mann gepflegt.

"Die Frauen auf der Alp haben mich fasziniert, weil es eigentlich eine Männerdomäne ist. Ich habe diese Welt vorher auch nicht gekannt, obwohl ich viel in den Bergen unterwegs bin", sagt Schwegler. Ihr im August 2013 erschienenes Buch war in ihrer Heimat bereits ein Bestseller. Das Interesse ist rege, im November wird eine Lesereise die 34-Jährige sogar nach Helsinki führen. Gestresste Großstädter, die davon träumen, sich quasi nebenbei auf der Alp zu erholen, werden allerdings schnell eines Besseren belehrt.

Gefahren und Entbehrungen

"Hier oben begegnet man keinen Wundern, sondern nur sich selber", sagt die 40 Jahre alte Landwirtin Maria Müller, eine von Schweglers Gesprächspartnerinnen. "Wer Probleme mitbringt, kann fast sicher sein, dass sich die auf der Alp zu riesigen Monstern aufbäumen." Es gebe nicht wenige, die abbrechen, weil sie körperlich und seelisch überfordert sind. Für manche endet die Auszeit sogar tödlich: Die Biologin Katia, 37 Jahre alt, Mutter von zwei kleinen Kindern, starb drei Wochen, nachdem Autorin Schwegler sie auf der Alp interviewt hatte.

"Sie hörte nachts ein lautes Rumpeln, ging vor die Haustür und wurde dort von Felsbrocken, die sich vom Berg hinterm Haus gelöst hatten, erschlagen", sagt Schwegler. Dabei sei gerade sie eine der Frauen gewesen, die sich auf der Alp sichtlich wohlgefühlt hätten. Ihr hat Schwegler deshalb nachträglich ihr Buch gewidmet.

"Dieser Mythos der Alpidylle, der den Leuten vorgaukelt, man komme in die Berge an die frische Luft und mache ein bisschen Urlaub, das ist Humbug! Alpen ist harte Arbeit", sagt Renate Telser, Politologin aus Südtirol. Die 43-Jährige weiß um die Gefahren und die Entbehrungen - und um die lohnenswerten Seiten. Im Sommer 2012 produzierte sie einen Ziegenkäse mit, der bei den St. Galler und Appenzeller Alpkäseproduzenten die Maximalpunktzahl bekam und bei der Flumser Alpkäseprämierung mit der Goldmedaille ausgezeichnet wurde.

Reich wird man nicht

Reich macht die Sommerarbeit nicht. Je nach Betriebsgröße liegt der Lohn laut Älplerportal Zalp zwischen 160 und 225 Franken brutto pro Tag (circa 131 bis 185 Euro). Es ist nicht das Geld, das die Menschen auf die Alp treibt. Die Frauen in Schweglers Buch schwärmen vom Alleinsein, von der Ruhe, von der Rückkehr zum einfachen Leben.

Anna Mathis Nesa etwa ist Graubündens erste Forstingenieurin und bringt stets ihren Mann Riccardo und die drei Kinder mit auf die Alp. "Hier hab ich manchmal das Gefühl, ich sei eine Königin und das ganze Güner Alpenreich liege mir zu Füßen", sagt die 42-Jährige. "Aber eigentlich sind wir hier alle Könige. Die Kinder machen, was sie wollen, Riccardo käst, wie er will. Und ich hab das Gefühl, ich sei ganz nah am Himmel."


Information:

Wie kommt man an einen Job auf der Alp?
Wer Vorkenntnisse hat, kann als "Alpeinsatzspringer" auch in der laufenden Saison noch einen Job über das Älplerportal Zalp ergattern. Alle anderen sollten zunächst über ein ein- oder zweiwöchiges Alp-Schnuppern testen, ob sie für den Job geschaffen sind.

Wie sehen die Arbeitszeiten aus?
Morgens um drei, halb vier aufstehen, mit nur einer kurzen Frühstückspause durcharbeiten bis zum Mittag, dann ab drei Uhr nachmittags wieder bis um acht Uhr abends schuften und manchmal auch bis Mitternacht.

Wo kann man sich ausbilden lassen?
Landwirtschaftsschulen wie der Plantahof in Landquart im Kanton Graubünden bieten Kurse mit Themen wie "Homöopathie für Nutztiere" an, "Klauenpflege bei der Ziege", "Tagestraining Kuhsignale verstehen" oder "Alphirtenkurs" - also so ziemlich alles, was man auf der Alp wissen muss. Binnen zwei Tagen erhalten angehende Sennen und Hirten in diesen Crash-Seminaren das nötige Rüstzeug. 200 Schweizer Franken (etwa 164 Euro) plus Unterkunft und Verpflegung kostet der Besuch.

Buchtipps:
"Traum Alp". Rotpunktverlag; 256 Seiten; 31,50 Euro
"Neues Handbuch Alp". Zalpverlag; 528 Seiten; 48 Euro

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Marc Anton 12.06.2014
1.
Saaaaagenhaft: da machen sogar Frauenzimmer mit - ist ja ne dolle Sache. Gibt es eigentlich irgendeine Quote vom Ministerium für Kinder, Frauen und Gedöns, dass pro Tag soundsoviele Artikel darüber zu schreiben sind, dass Frauen AUCH die Dinge machen, die Männer tun? Eine tolle Sache, tatsächlich berichtenswert und dann werden Zeilen um Zeilen dafür genutzt, den Artikel genderkonform zu gestalten. Ich hätte mir stattdessen mehr Infos über den Tagesablauf der SommerarbeiterInnen gewünscht.
andreu66 12.06.2014
2. Die Berge sind brutal
Du liebst vielleicht die Natur, aber die Natur liebt Dich nicht, sie hilft Dir nicht und sie verzeiht dir nichts. Gelände, Natur und Wetter sind hart und die Kühe auch nicht lila. Und wer das verstanden hat, der hasst oder liebt die Berge. Und wenn man sie liebt, dann liebt man das Leben, weil man den Tod verstanden hat.
felix1961 12.06.2014
3.
Zitat von sysopVanessa Püntener / PixsilFür den Sommer auf die Alp und dafür noch Geld bekommen: Als Saisonarbeiter in den Schweizer Bergen anzuheuern, klingt für manchen Großstädter nach einem leichten Job. Doch wer nicht fit ist, hält nicht lange durch. http://www.spiegel.de/reise/europa/schweiz-sommerjob-als-saisonarbeiter-auf-der-alp-a-971823.html
Ich weiß nicht, was man als SPON-Redakteurin so verdient, aber auf den Monat umgerechnet, dürfte das für die meisten Arbeitnehmer ein Traumgehalt sein - zumindest im Niedriglohnland Deutschland.
spon-facebook-1425926487 12.06.2014
4. Ein Sommerjob auf der Alm
"Der berufliche Hintergrund ist verschieden, von der Biologin über die Agraringenieurin, Biobäuerin, Krankenschwester, Familienhelferin, Wursterin, Schafhirtin, Sekretärin, Shiatsu-Therapeutin bis zur Pferdezüchterin." Es sollte der Autorin dieses Artikels nicht entgangen sein, dass es auch Männer gibt, die sich auf diese Weise eine Auszeit verschaffen.
Korken 12.06.2014
5. Achtung Dichtstress
In der Schweiz herrscht, nach den Wahlergebnissen besonders in den dünn besiedelten Regionen akuter Dichtestress, verursacht durch Ausländer, die man nicht mehr so ohne weiteres möchte. Nur wer wirklich nützt soll bald noch kommen dürfen, mit viel Glück sogar die Familie. Also nicht wundern, wenn man mit dem Aushilfsjob nicht zurecht kommt und man keine große Unterstützung erfährt. Wer sich die mehrheitlich gehässigen Kommentare diesbzgl. in bspw. 20min durchliest sollte sich überlegen, noch in die Schweiz zu kommen und vielleicht entgegenkommen zu erwarten.
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