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Investor Sawiris in Andermatt: Das Luxus-Experiment

Von Johannes Schweikle

Vom verschlafenen Alpendorf zum Luxus-Mekka: Der Schweizer Erholungsort Andermatt verwandelt sich, seit ein ägyptischer Milliardär hier seine Tourismus-Phantasien ausleben darf. Zu Weihnachten eröffnet er sein erstes Hotel.

Andermatt: Ein neues Ziel für Luxustouristen Fotos
Andermatt Swiss Alps

Der Mann wirkt fremd im Schnee. Er trägt ein blaues Strickhemd, eine braune Lederjacke, vor allem aber die falschen Schuhe. Auf glatten Ledersohlen bewegt er sich am Rand der Skipiste. Jeder Schritt wird zu einem Balanceakt. Ein Assistent steht sprungbereit, um einen möglichen Sturz abzufangen.

Nach zwei Minuten im Schnee hält ein Skifahrer an. "Grüß Gott, Herr Sawiris", sagt er freudestrahlend auf Schwyzerdütsch, "sind Sie mal wieder bei uns?"

"Herrlich, diese Ruhe hier", antwortet Samih Sawiris jovial. Er stammt aus Ägypten, plaudert aber in fließendem Deutsch. Er erzählt, wie schön er die wenig befahrenen Pisten in Andermatt findet, und was ihn an den renommierten Schweizer Skiorten stört. "Dort tragen sie in den Restaurants einen Wettbewerb aus, wer am unfreundlichsten ist." Die Augen des Einheimischen glänzen. Voller Herzlichkeit sagt er: "Hauptsache, Sie bauen bei uns."

Und wie er baut. Der Investor Samih Sawiris aus Kairo hat angekündigt, in Andermatt im Schweizer Kanton Uri das größte Luxusresort der Alpen zu errichten: sechs Hotels mit 850 Zimmern, dazu 500 Ferienwohnungen und 25 Villen, alles auf dem Niveau von vier und fünf Sternen. Im Herbst 2009 war der erste Spatenstich, dieses Jahr werden zu Weihnachten die ersten Gäste imHotel "Chedi" erwartet.

Ort aus einer anderen Zeit

Auf den ersten Blick wirkt Andermatt wie ein Bergdorf aus dem Bilderbuch. 1444 Meter hoch gelegen, eingebettet von tief verschneiten Bergen. Die Häuser im Ortskern glucken eng zusammen, überragt vom barocken Kirchturm. Die Chalets aus altem Holz haben rote oder grüne Klappläden und heißen "Mys Heimeli" oder "Sunneschy". Auf 1400 Einwohner kommen derzeit 1500 Gästebetten. Ausgerechnet hier, wo die Schweiz am schweizerischsten ist, will ein Ägypter den Luxustourismus der Zukunft etablieren.

Dabei ist Andermatt bislang ein Ort für Urlauber mit allenfalls mittleren Ansprüchen. Die Hotels haben höchstens drei Sterne, es gibt nirgendwo ein Schwimmbad, eine Sauna gilt als extravaganter Komfort. Am 2963 Meter hohen Gemsstock, dem wichtigsten Skiberg, ist die Seilbahn 50 Jahre alt und wurde nie modernisiert. Die Gondel fasst 60 Personen und fährt viermal in der Stunde.

"Wenn viele Skifahrer da sind, wartest du. Und wenn wenig Leute da sind, wartest du auch", sagt der einheimische Skilehrer Bruno Wipfli. Die Freerider lieben diesen Berg. Aber wer einen komfortablen Winterurlaub erleben möchte, ist am Gemsstock verkehrt. Auf der Nordseite gibt es drei alte Lifte, und das Bergrestaurant mit grauem Eternit ist auch nichts für Genussskifahrer.

Dabei hat Andermatt reichlich Erfahrung mit Reisenden. Das Dorf liegt am Fuß des Gotthard-Passes. Eine der wichtigsten Nord-Süd-Routen führt hier über die Alpen. Goethe ist auf seiner Reise nach Italien hier abgestiegen. Als im 19. Jahrhundert bei reichen Engländern Reisen in die Schweiz in Mode kamen, profitierte Andermatt von seiner ruhigen und doch gut erreichbaren Lage. Um 1900 war das Dorf ein gefragter Kurort mit mondänen Grandhotels, der Baedeker führte das "Bellevue" als "großes Haus 1. Ranges". Nach dem Zweiten Weltkrieg belastete der zunehmende Straßenverkehr über den Gotthard den Ort, bis 1980 der Gotthard-Straßentunnel eröffnet wurde.

Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts baute das Schweizer Militär den Gotthard zur Festung aus. Die Losung lautete: Wer den Gotthard hat, hat die Schweiz. Man legte Kasernen und Schießbahnen an, Soldaten in Tarnanzügen füllten abends die Gaststätten im Dorf. Man lebte gut von diesen anspruchslosen Gästen. "Die Wirte mussten sich keine Mühe geben. Einfach nur die Hand aufhalten", sagt Skilehrer Wipfli.

Ein charismatischer Investor

Als die Armee nach dem Ende des Kalten Krieges aus der Alpenfestung abzog, erlebte Andermatt ein böses Erwachen. Die Soldaten gingen, die touristische Entwicklung hatte man verschlafen - wovon sollte das Dorf jetzt leben?

So bekam der Investor Sawiris seine Chance. Er ist mittelgroß und untersetzt, die dunklen Locken zeigen graue Ansätze. Krawatte trägt er nur, wenn es gar nicht anders geht. 1957 wurde er als Sohn eines reichen Bauunternehmers in Kairo geboren. Dort besuchte er die deutsche Schule, in den siebziger Jahren studierte er in Berlin Wirtschaftsingenieurwesen.

Als der Badeort Hurghada am Roten Meer vor die Hunde ging, wollte er für seine Boote eine eigene Marina anlegen. Der Staat verkaufte ihm Wüstenland an der Küste, verbunden mit einer Auflage: Sawiris musste ein Hotel bauen. So entwickelte er sein erstes Resort: El Gouna, einen künstlich geschaffenen Urlaubsort mit 14 Hotels und mehr als 2500 Ferienwohnungen.

Andermatt war skeptisch gegenüber diesem Milliardär. Aber bei einer Informationsveranstaltung in der Mehrzweckhalle der Armee eroberte er die Herzen im Sturm. Er sei Christ, sagte Sawiris, er stamme aus einer koptischen Familie. Damit zerstreute er die Befürchtung mancher, die Schweizer Frauen müssten künftig Kopftuch tragen. Sawiris versprach, den Ort zur Ganzjahresdestination zu entwickeln. Andermatt werde das bessere St. Moritz, versprach er. "Der kann die Leute um den Finger wickeln", sagt Skilehrer Wipfli.

Wird das Leben hier zu teuer?

Ein paar Kritiker gaben zu bedenken, der Plan von Neu-Andermatt sei riskant. Können sich die Einheimischen künftig vor lauter Luxus das Leben im eigenen Dorf noch leisten? Und was passiert, wenn diese touristische Monokultur nicht funktioniert? Doch mit 96 Prozent stimmte die Bevölkerung für den Plan.

Sawiris bekam nicht nur das Militärgelände, sondern auch all den flachen, kostbaren Boden im Talgrund, den bislang die Bergbauern genutzt haben. Diese Fläche braucht er für sein Resort und einen 18-Loch-Golfplatz.

Noch weiß niemand, ob der Plan von Neu-Andermatt aufgeht. Der Verkauf der Apartments läuft schleppend. Ein verwegener Plan für den Gemsstock sah eine spektakuläre Seilbahn vor, die ohne Stütze das Tal überspannen sollte. Heute heißt es lapidar, das sei nur eine Vision gewesen.

In den Ausbau des Skigebiets will Sawiris 135 Millionen Schweizer Franken investieren. Aber die erste neue Anlage soll erst im nächsten Sommer gebaut werden.

So bleibt am Gemsstock diesen Winter noch alles beim Alten. Der Berg hat dem Schneemensch vom Roten Meer schon einmal seine Grenzen aufgezeigt. Zu Beginn seines Engagements in den Alpen wollte er sich werbewirksam als Skifahrer inszenieren. Aber gleich die ersten Kurven nach der Bergstation waren zu schwierig - er stürzte und verdrehte sich das Knie.

Seither fährt Sawiris nicht mehr Ski für Kameras und Journalisten. Nachfragen dazu federt er mit Humor ab. "Sie hätten mich sehen sollen, als ich jung war", sagt er, "da fuhr ich noch schlechter."

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Zur Person
  • Thomas Müller
    Johannes Schweikle, Jahrgang 1960, kennt lange Winter, denn er ist im Schwarzwald aufgewachsen. Heute lebt er als freier Autor in Tübingen. Für die SPIEGEL-ONLINE-Porträtkolumne "Schneemenschen" ist er unterwegs ins vergängliche Glück der weißen Kristalle.
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