Schweizer Bergdorf Die Föhnwächter von Guttannen

Der Föhn beschert Guttannen schöneres Wetter als anderswo - und die ständige Gefahr einer Feuersbrunst: Rauchen im Freien ist verboten, eine nächtliche Wache patrouilliert auf den Straßen, denn bereits dreimal fiel das idyllische Bergdorf in den Schweizer Alpen den Flammen zum Opfer.

Von Joachim Hoelzgen, Bern


Der Frühling kommt spät nach Guttannen am Fuß des Grimselpasses. An den Bergflanken liegt hier noch Schnee, der am Ritzlihorn hoch über dem Dorf diffus in das Weiß des Himmels übergeht. "Die Natur und Wildheit machen den Ort interessant", sagt die Gemeindepräsidentin Esther Messerli, 43. "Man muss sich vorankämpfen, sogar beim Gehen auf der Straße." Übertrieben klingt das nicht: Draußen zerrt ein Föhnsturm an Tannen und Pappeln. Der warme Fallwind jagt über Dachfirste, jault um alte Holzhäuser in engen Gassen und braust beim Hotel "Bären" wie entfesselt über die Kantonsstraße.

Den Guttannern ist der Föhn ein guter Bekannter. Man zählt bis zu 120 Föhntage im Jahr und liegt damit noch vor dem Rhônetal, dem Rheintal und dem Vierwaldstättersee, den anderen Föhnzentren der Schweiz. "Bei uns wird niemand verweichlicht", sagt Esther Messerli, "aber der Föhn hilft uns auch sehr." An diesem Wochenende bringt er wieder einmal makellosen Sonnenschein, weil der Sturm alle dunklen Wolken weggetrieben hat. "Die Wäsche trocknet in Guttannen selbst im Winter in Minutenschnelle", versichert die Gemeindechefin, "in Zürich würde das Wochen dauern." Am wichtigsten sei aber gewesen, dass der Föhn im Winter oft geblasen hat. Messerli: "Dadurch fiel weniger Schnee, und die Bedrohung durch Lawinen ging zurück."

Aber auch im Frühjahr löst Föhn bei der Gemeindepräsidentin eine Art innere Alarmbereitschaft aus. Dazu tragen nicht nur ganze Pulks pechschwarzer Dohlen bei, die im Dorf, wie einst bei Hitchcock, eindeutig die Lufthoheit besitzen. Messerli befürchtet, dass der Föhn die Wiesen um Guttannen austrocknet, so dass das neu heranwachsende Gras verkümmert - kein gutes Omen für die Heuernte im Sommer. "Manchmal ähnelt die Landschaft hier dann jener Andalusiens: Alles ist ausgedorrt und braun verfärbt", beschreibt Messerli die Folgen.

Guttannen hat seinen Ruf als Föhninsel im Hochgebirge Tiefdruckgebieten zu verdanken, die sich westlich der Alpen konzentrieren. Das berüchtigte Biscaya-Tief etwa ruft eine stabile Südwestströmung hervor und lenkt Wind vom Mittelmeer in Richtung Norden. "Der Grimselpass wirkt dabei wie eine Düse", erläutert Eugen Müller, 34, Föhnspezialist beim Wetterdienst MeteoSchweiz. "Und das Tal dient als Kanal, der den Wind zusammenquetscht und ihn beschleunigt."

Mit dem ersten starken Frühlingsföhn ist in Guttannen aber auch wieder ein konkretes Risiko allgegenwärtig, auf das Schilder überall im Ort hinweisen: die Brandgefahr. "Kein Feuer bei Föhnwind", steht auf den Warnzeichen. Das Rauchen von Zigaretten, Zigarren und Pfeifen, das Entfachen von Feuern jeder Art und selbst das Grillen ist bei Föhn im Freien verboten.

Die Dorfchronik weist aus, dass Guttannen schon dreimal bei Föhnfeuern Totalschaden erlitt: 1803 zum Beispiel brannte der Ort mit damals 52 Häusern und Scheunen samt und sonders ab. "Das Rauchverbot gilt gewissermaßen seit Menschengedenken", sagt Heinz Willenen, 57, der Werkmeister von Guttannen. Im Winter, wenn die Gefahr einer Feuersbrunst gering ist und Schnee wie Deckweiß auf den Dächern liegt, bugsiert Willenen den Schneepflug. Nun aber amtiert er als so genannter Feuerwachaufbieter, dessen Aufgabe es ist, die Föhnwache der Ortschaft einzuteilen.

Dazu gehört ein Patrouillendienst bei Nacht, der von 22 Uhr bis 4 Uhr in der Frühe dauert. "Um diese Zeit gehen die ersten Bauern in den Stall, und eine gewisse Überwachung ist gegeben", beschreibt Feuerwehrkommandant Walter Schläppi, 38, das einschlägige Reglement, gedruckt auf rotem Kartonpapier.

Bei Gefahr wie etwa Funkenflug aus den Kaminen dürfen die Föhnwächter "alle Häuser betreten", heißt es in der Anordnung - unschwierig in Guttannen, wo viele Gebäude auch in der Nacht nicht abgeschlossen sind. Willenen kann derzeit auf 53 Föhnwächter zurückgreifen und bestreitet die Tour an diesem Tag zusammen mit Schläppi: Vorbei am alten Käsespeicher mit dem Schindeldach zu einem prächtigen Chalet, aus dessen Blumenkästen Tannenzapfen ragen.

Die Guttanner sind sich der Brandgefahr bewusst und rufen bei der Föhnpatrouille an, wenn sie irgendwo die Glut einer Zigarette oder ein Lagerfeuer von Touristen sehen. Diesmal aber wird das Messing-Warnhorn auf dem Rundgang nicht betätigt, und Feuerwehrchef Schläppi kann sich weiter darüber Gedanken machen, die Anzahl der Nachtkontrollen zu verringern.

Denn jeder Föhnwächter erhält ein Gemeindetagegeld in Höhe von 180 Franken - das ist für Guttannen nicht wenig. "Vielleicht sollte man die Föhnwache auch umbenennen - in Gefahrenwache", sinniert Schläppi. All das wird sich der Gemeinderat wohl überlegen: Guttannen könnte nicht nur einen nutzbringenden Brauch, sondern ein letztes Beispiel echter Romantik verlieren.



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