Schweizer Grönland-Expedition Die vergessenen Arktis-Pioniere

700 Kilometer Extremtour: Vor 100 Jahren schafften es zwei Schweizer und zwei Deutsche, das grönländische Inlandeis zu überqueren. Ihre Pionierleistung geriet weitgehend in Vergessenheit - ein bislang unveröffentlichtes Tagebuch schildert die Dramen, die sie unterwegs erlebten.

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Von Stephan Orth


Wäre am 29. Juli 1912 zufällig ein Inuit-Jäger an den Hängen über dem Hundefjord in Ostgrönland umhergestreift, hätte sich ihm ein unvergesslicher Anblick geboten: Auf einem flachen Eishang saßen vier Gestalten mit sonnenverbrannten Gesichtern auf Holzschlitten, die hintereinander gebunden waren, vorne zogen Schlittenhunde, die Männer brüllten und scherzten wie Betrunkene.

"Wir haben Eisenbahn gespielt, wie wir noch klein wären und waren sehr ausgelassen und lustig", schreibt Roderich Fick in seinem Tagebuch von der Schweizer Grönland-Expedition 1912. Die Männer hatten allen Grund zu feiern, als sie in Richtung Fjord schlitterten.

Nach fast sechs Wochen in einer menschenfeindlichen Eiswüste war nun klar, dass sie es fast geschafft hatten. Expeditionsleiter Alfred de Quervain hatte kurz vorher nach tagelanger Suche endlich das Depot entdeckt, das ein dänischer Ortsvorsteher für die Gruppe angelegt hatte. Die Rettung war in greifbarer Nähe, unten am Ufer der "Hoffnungsbucht", wie sie den Fjordarm nannten, standen Kajaks und Lebensmittelkonserven bereit.

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Grönland-Durchquerung: Pioniertat einer Schweizer Expedition
Damit waren sie nach Fridtjof Nansen im Jahr 1888 die zweite Expedition überhaupt, der eine Durchquerung der größten Insel der Welt gelang. Ihre Strecke war dabei erheblich länger als die des Norwegers, außerdem waren sie die Ersten, die ein präzises Höhenprofil des Eises erstellen konnten. Derzeit erinnert eine Ausstellung in Zürich an ihre Tour.

Ein Reich menschenfressender Monster?

Hätten sie nun zufällig besagten Inuit-Jäger getroffen, wäre der aber auch anderweitig extrem erstaunt gewesen. Denn für die Ureinwohner ist eine Tour über das Inlandeis, diesen gigantischen weißen Panzer, der 85 Prozent Grönlands bedeckt, eine völlig absurde Idee. Denn dort oben, fernab von Meer und Fjorden, gibt es nichts zu jagen, dort oben wartet nur der Tod. Legenden zufolge sollen auf dem Eis menschenfressende Riesen auf Opfer warten.

Das mit den Riesen konnten die vier Arktis-Abenteurer - der Geophysiker Alfred de Quervain, 33, der Arzt Hans Hössli, 29, beide aus der Schweiz, sowie der Architekt Roderich Fick, 26, und der Ingenieur Karl Gaule, 24, aus Deutschland - nach wochenlangen Strapazen nicht bestätigen.

Doch dass dort oben der Tod wartet, hätte sich für sie beinahe schon am vierten Tag auf dem Eis bewahrheitet. In seinem Tagebuch, das an dieser Stelle erstmals in Auszügen zu lesen ist, schreibt Fick:

"Es war am Morgen nach dem vierten Reisetag im Gebiet der Inlandeisseen, als Hösslis Gespann auf einen gefrorenen solchen See losfährt und auch mitten drauf. Ich wollte meine Hunde noch zurückhalten, da mir das Eis zu dünn aussah. Die stürmten aber dem ersten Schlitten im Galopp nach und ebenso das zweite Gespann von Gaule mit Quervain drauf auch. Als alle drei Schlitten ganz dicht beieinander standen, war es zu viel für die dünne Eisdecke, es entstehen überall Sprünge. Hössli kommt mit Peitsche und Zurufen glücklich weg auf festeres Eis, da seine Hunde auf etwas rauem Eis standen. Bei unseren beiden andern Schlitten gelingt es nicht, die Hunde wollen ja ziehen, gleiten aber einfach aus, und alles geht in die Tiefe. Es sah kritisch aus und ich glaubte, es ginge zu Ende! Schon jetzt!?"

Bis zum Hals reichte ihm das eisige Wasser, mit den Füßen spürte er keinen Grund, die mit Hunderten Kilogramm Ausrüstung beladenen Schlitten sanken mehr und mehr ab. Jedem der Gruppe war klar, dass es ihr sicheres Ende wäre, wenn sie ihre Rentierfellschlafsäcke verlören. Ohne diesen Schutz vor der arktischen Kälte hätten sie wohl kaum die nächste Nacht überlebt.

Für jeden eine Patrone

"Es war ein saumäßiges Gefühl, und ich fluchte: 'Donnerwetter!' Gaule und mir gelang es, uns auf die Schollen zu ziehen. Zuerst machten wir die obersten Sachen auf den Schlitten los und schnitten die Hundegespanne ab. Mein Gewehr habe ich zuerst in Sicherheit gebracht; Hössli verstand mich sofort und sagte, ich möchte doch auf alle Fälle für jeden von uns eine Patrone aufheben."

Drei Stunden schufteten die Männer im Wasser, um die Ausrüstung von den Schlitten zu lösen und auf festeres Eis zu bringen. "Gott sei Dank, da flog der Ballen mit den Schlafsäcken aufs feste Eis. Ich atmete zum ersten Mal auf. Das war unser Leben", schreibt Alfred de Quervain in seinem Expeditionsbericht "Quer durchs Grönlandeis". "Dann kam die Kochkiste; sie verdiente ein zweites Aufatmen. Das war die Expedition, die Durchquerung!"

Mit vereinten Kräften gelang es, die komplette Ausrüstung an Land zu wuchten. Beim Losmachen der Säcke schnitt sich Fick mehrmals in die Finger, er merkte erst danach, dass er stark blutete. "Mein linker Daumen ist schon unbeweglich und weiß. Durch Massieren und Reiben auf dem bloßen Bauch gelingt es noch mit der Zeit, das Blut wieder in Umlauf zu bringen. Das Gefühl kehrt in Form von heftigem Schmerz zurück", schreibt er in seinem Tagebuch.

Hundefleisch zum Abendessen

Nach diesem Schock kehrte in den folgenden Tagen eine gewisse Routine ein: Etwa 20 Kilometer am Tag schafften die Männer mit ihren drei Hundegespannen, am Abend vermaßen sie mit Sextant, Theodolit und künstlichem Horizont die Umgebung.

Zu essen gab es hauptsächlich Pemmikan, ein energiereiches Gemisch aus getrocknetem Fleisch und Fett, dessen Geschmack laut zeitgenössischen Beschreibungen einer Kombination von Sägespänen und Vaseline entsprach. Erheblich besser dürften dagegen Fleischkonserven, Suppen und Trockengemüse gemundet haben, außerdem gab es schwarzes Roggenbrot mit Butter und Käse oder Konfitüre.

Kurz vor dem Ziel stand dann auch Hundefleisch auf dem Speiseplan. "Es hat gar nicht schlecht geschmeckt, jedenfalls viel besser wie Seehund", schreibt Fick. Er bekam die "widerliche Arbeit" zugeteilt, nun täglich eines der Tiere zu erschießen, die über Hunderte Kilometer unbezahlbare Dienste geleistet hatten.

Das lag nicht an Nahrungsknappheit wie bei dem Norweger Roald Amundsen, der einige Monate vorher auf seiner Südpol-Expedition die Zugtiere von Anfang an in den Ernährungsplan eingerechnet hatte. In Grönland dagegen durften Schlittenhunde von der Westküste damals nicht an die Ostküste, mit dem Gesetz sollte die Reinrassigkeit der verschiedenen Arten gesichert werden. Makabere Szenen müssen sich am Rand des Eises an der Ostküste zugetragen haben: Sobald ein Hund tot zu Boden stürzte, fielen seine Artgenossen über das Fleisch her, wobei der Kopf als Delikatesse besonders begehrt zu sein schien.

Die Männer aus Deutschland und der Schweiz brachten es dann doch nicht übers Herz, alle Hunde zu töten. Als die vier schließlich am Ufer in die Kajaks stiegen, ließen sie zwölf der Vierbeiner mit ein bisschen Futter zurück. Ein furchtbares Klagegeheul begleitete ihren Aufbruch in die "Hoffnungsbucht". Den Namen fanden die Expeditionsmitglieder nun nicht mehr passend. Bis heute heißt der Wasserarm auf jeder Grönlandkarte Hundefjord.

Der Expeditionsteilnehmer Roderich Fick war mein Großvater (hier finden Sie weitere Informationen zu seinem Leben). Kennengelernt habe ich ihn nicht, da er 24 Jahre vor meiner Geburt starb. In den kommenden Wochen werde ich auf Skiern die Route seiner Expedition von 1912 nachlaufen, um herauszufinden, was er dort erlebt hat - und regelmäßig auf SPIEGEL ONLINE von unterwegs berichten. Hier können Sie der Extremtour auf Facebook folgen.

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unus_inter_alios 02.08.2012
1. Bericht von Alfred de Quervain
Es gibt bereits einen eindrucksvollen Bericht über diese Expedition, verfasst vom Leiter Alfred de Quervain, erschienen (oder neu verlegt) vom Verlag Neue Zürcher Zeitung im Jahr 1998.
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