Schweizer Kürbisbootrennen: Klar zum Kentern!

Von Nicole Quint

Wer bei Kürbis nur an Suppe oder Halloween denkt, war noch nie beim wohl seltsamsten Bootsrennen der Schweiz: In ausgehöhltem Riesengemüse liefern sich Paddler einen karnevalesk anmutenden Wettkampf. Nicht jeder schafft es trocken bis ins Ziel.

Schweizer Bootsrennen: Kürbisse auf großer Fahrt Fotos
Nicole Quint

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Mit einer riesigen Schaumstoffblüte auf dem Kopf sitzt Martin Luginbühl in einem ausgehöhlten Kürbis und paddelt, was das Zeug hält. Der Mann im Enzian-Outfit droht immer wieder, die Balance zu verlieren und aus seinem kugeligen Gemüse-Rennboot zu fallen. Nebenan hält Beat Luginbühl sich im Käsekostüm mit einem als Fonduetopf dekorierten Kürbis über Wasser und schaukelt an gekenterten Teufeln und Affen vorbei.

Einmal im Jahr verwandelt eine schnaufende Armada schweißüberströmter Paddler das Wasser des Pfäffikersees in ein schäumendes Spülbecken. Jeder kämpft darum, seine orangefarbene Mega-Kalebasse als Erster ins Ziel zu bringen. So richtig seetüchtig sind die Gefährte nicht. Hauptsache, sie schwimmen. Stromlinienform ist da gar nicht erst gefragt, für Kürbiskapitäne sind andere Kriterien entscheidend.

Beim Aushöhlen der Früchte am Vormittag verriet Martin, dass Kürbisse mit einem Gewicht um die 300 Kilogramm ideal sind. "Damit habe ich immer den besten Auftrieb." Er muss es wissen, nimmt er doch bereits zum dritten Mal an der Kürbisregatta in Seegräben teil. Da nicht allein Schnelligkeit bei diesem Wettbewerb zählt, sondern auch Originalität, haben sich die Teilnehmer in eigenwillige Kostüme gezwängt.

Wie ein Schweizer im Kürbis

Hintereinander trudeln und kreiseln die zehn Riesenkürbisse über den See. Die angestrengten roten Gesichter der Kapitäne leuchten mit den grellorangefarbenen Kürbisbooten um die Wette.

Die meisten Bootsführer sind übrigens botanische Laien. Neben Grafikern und Kaufmännern sind an diesem Septembertag auffallend viele Manager in die Kürbiskanus gestiegen. Hat sich da etwa im Schweizer Oberland eine neue Trendsportart für gestresste Führungskräfte entwickelt? Das Fahrzeug haben ihnen echte Kürbiszüchter gestellt. Kuhmist, Fischemulsion und Meeresalgen - dieser Mix kursiert zurzeit unter Profis als Dünger-Geheimtipp.

Ein Amerikaner soll damit im Jahr 2010 einen 821 Kilogramm schweren Kürbis geschaffen haben - damit steht er nun im Guinnessbuch der Rekorde. Vergleichbare Giganten sind in Seegräben erst am 2. Oktober anlässlich der Schweizer Meisterschaft im Kürbiswiegen zu bestaunen. Einige Exemplare, die heute im Rennen sind, sehen jedoch schon so aus, als könnten sie mit ihrem Fleisch eine Großfamilie durch den Winter bringen. Bei der Begeisterung, die erwachsene Menschen entwickeln, wenn man sie in ein großes Gemüse setzt, könnte "Wie ein Schweizer im Kürbis" zum geflügelten Wort für besonderes Wohlergehen werden. Doch wem haben die Eidgenossen ihr Seemannsglück eigentlich zu verdanken?

Die Kürbisstrategie: Erfolg liegt im Unterschied

Ausgehöhlte Kürbisse finden in vielen Kulturen Verwendung. Auf dem Balkan wird der Flaschenkürbis zur Kniegeige und in Indien zur Sitar. Die Südamerikaner machen Rumbakugeln daraus, und während die Chinesen Grillen- oder Vogelkäfige aus den harten Schalen fertigen, tragen Papua-Neuguineas Männer sie stolz als Penisköcher. Und in der Schweiz setzt man eben den ganzen Körper hinein und paddelt.

Doch nicht aus bloßem Jux oder gar aus Langeweile kam die Obstbauernfamilie Jucker auf den Kürbis. In einem Land mit Tausenden Bauernhöfen muss man sich schon etwas Besonderes einfallen lassen, damit der eigene auffällt. Traditionelle Landwirtschaft allein reicht oft nicht mehr aus, um das langfristige Überleben des Hofes zu sichern. Um nicht länger ein Hof unter vielen zu sein, begannen Martin und Beat Jucker in den neunziger Jahren mit dem Anbau der damals noch wenig populären Kürbisse. Auf einer Versuchsfläche von eineinhalb Hektar setzten sie testweise Sämlinge.

Gerechnet hatten beide mit einem Ertrag von etwa zehn Tonnen. Sie brachten das Fünffache ein und wussten nicht, wohin mit ihrer Ernte. So stapelten sich die bunten Kugeln bis unter das Dach der Scheune ihres Bauernhofs in Seegräben. Nachdem die ersten Gäste zum großartigen Einfall einer "Kürbis-Ausstellung" gratulierten, sprach sich die außergewöhnliche Schau schnell herum. Nach zwei Wochen waren alle Kürbisse verkauft und die Idee geboren, fortan jährlich Kürbiskunstwerke zu präsentieren.

Heute ist aus dem einstigen reinen Bauernhofbetrieb ein modernes Unternehmen mit Restaurant, Hof- und Blumenladen, verschiedenen Ausstellungen sowie Hofevents geworden. Mit ihren Kürbissen haben die Juckers in der Schweiz mittlerweile einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent, ihre Kürbisausstellungen sind die größten und bekanntesten des Landes.

Wilhelm Tell kommt auf den Kürbis

Alljährlich werden neue Themen entwickelt, die dann der deutsche Künstler Pit Ruge umsetzt. Aus Naturmaterialien wie Holz, Stroh und Rinde baut er die Grundelemente, die dann im August mit Kürbissen bestückt werden. 2011 hat er in Seegräben neun Motive aufgestellt, die auf irgendeine Art typisch für die Schweiz sind.

Drei gigantische Hände in leuchtendem Orange heben sich vor der Kulisse des Pfäffikersees zum Rütlischwur. Heidi ist mit ihrem Almöhi und dem Geißenpeter ebenso vertreten wie Murmeltiere, Käsemacher, Alphornbläser und das unvermeidliche Schweizer Messer. Mit viel Wohlwollen mag man aus einem zahngelben Kürbishaufen mit gekrümmter Spitze das Matterhorn erkennen. Und bei den Juckers darf Wilhelm Tell seinem Sohn ein orangeleuchtendes Gemüse anstatt des üblichen Apfels vom Kopf schießen.

Bis Anfang November ist auch noch die kleinere Ausstellung auf dem Bächlihof in Jona zu sehen. Passend zur Kürbisregatta geht es dort maritimer zu: Aus den Obstplantagen ragen lebensgroße Tierpaare hervor. Elche, Giraffen, Pinguine und Lamas - alle auf dem Weg zu einer riesigen Kürbis-Arche, auf der Noah samt Frau schon in schicken Kürbiskleidern wartet.

Scooter gegen Formel 1

Umgeben von Kürbiskunst unter Apfelbäumen sitzen, Apfelmost trinken, Apfelstrudel essen, den Blick auf die Alpen genießen und jungen Müttern dabei zuschauen, wie sie in der Ablage ihres Kinderwagens Kürbisse verstauen, die größer sind als die Babys. Oder man denkt bei Kürbiscremesuppe, Kürbisschnitzel und Kürbispastete über die Geheimnisse der Namensgebung der verschiedenen Sorten dieses Gemüses nach.

Heißt der Energiesparkürbis etwa so, weil er schnell gar zu kochen ist, oder eignet er sich in dunklen Stunden besonders gut als Kerzenhalter? Warum wurde ausgerechnet ein Warzenkürbis nach der schönen Scheherazade aus einer 1001-Nacht-Geschichte benannt, und verrät uns die Sorte "Yugoslavian Fingers" mehr über die Vorurteile von Züchtern oder über die tatsächliche Anatomie der Hände auf dem Balkan?

Schöne Namen haben auch die Kürbiskapitäne ihren Kanus gegeben. Während "Wizard" von Steuermann Alex Beugger nach 600 Metern souverän ins Ziel gebracht wird, spielt Verkehrsrüpel Florian Ambühl im "Flosi-Scooter" im Kampf um den zweiten Platz noch ein wenig Kürbis-Versenken mit "Formel 1" und "Santa Pumpkin". Mit den extremen Gegensätzen, die "Feinheit-Elefant" im Namen vereint, ist sein Erbauer Boris Périsset offenbar zum Scheitern verdammt: Das Gemüseboot gerät unter Wasser, nur noch der Rüssel ragt schnorchelartig aus dem See. Boris muss den gesamten Parcours hinterherschwimmen: Wer seinen Kürbis liebt, der schiebt.

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