Schweizer Nationalsport Schwingen Die Haxen des Bösen

Jodler, Schlungg und Zwilch: Im Sommer widmen sich die Schweizer mit Vorliebe ihrem Nationalsport, dem Schwingen. Was wie menschlicher Bullenkampf wirkt, ist präzise Technik. Manch Kraftprotz entpuppt sich gar als Feingeist.

Von Martin Cyris

Martin Cyris

Zwei muskulöse Kerle liegen sich in den Armen. Sie atmen tief durch, halten inne und schließen die Augen. Versunken in ihrem Tun geben sie sich ganz dem Augenblick hin.

Mit romantischer Zweisamkeit hat das wenig zu tun. Sie sind Kontrahenten auf einem Schwingfest in Sörenberg in der Zentralschweiz. Die beiden stehen sich in der Grundstellung gegenüber. Sobald es losgeht, ist es vorbei mit der Harmonie. Das Duell wirkt wie ein menschlicher Bullenkampf. Die Schwinger stemmen sich gegeneinander, vergraben ihre Hände am Hosenboden des Gegners. Arme und Beine verkeilen sich ineinander, Muskelkräfte ringen um Übermacht.

Urlaute wie "Pfüüüt!" und "Huaaa!" brechen aus den Aktiven heraus. Schwingen, eine Variante des Ringens, ist Schweizer Nationalsport. Wer damit erfolgreich ist, ist in der Schweiz so bekannt wie in Deutschland ein Fußballnationalspieler. Die Aktiven leisten Schwerstarbeit. Was wie ein roher Kraftakt aussieht, ist in Wahrheit feine Technik, über Jahre trainiert. Die Schwünge tragen interessante Namen: Schlungg, Stöckli, Bärendruck.

Unzählige Turniere zwischen Aarau und Zermatt

Die Glocken vom nahen Kirchturm läuten. Währenddessen treten über hundert Schwinger beim sogenannten Bergschwinget in Sörenberg gegeneinander an. Hunderte Zuschauer harren an diesem Nachmittag in der prallen Sonne aus. Auch ein paar Touristen, die hier Schweiz pur erleben. Im Hintergrund blitzen die Berggipfel. Davor stehen sonnengegerbte Holzbauernhäuser mit bunt lackierten Fensterläden.

Einer der Kämpfer ist Torsten Betschart, 1,81 Meter groß, 137 Kilo schwer. "Kraft allein genügt nicht", sagt er, "die Technik entscheidet." Er selbst ist ein Typ Marke "Wo steht das Klavier?" Nicht nur, weil er es womöglich allein stemmen könnte. Auch, weil er tatsächlich darauf spielen kann. So artenreich wie seine Schwünge sind seine musikalischen Vorlieben: Klassik und Heavy Metal. In einem Volksmusiktrio haut er außerdem in die Tasten. Trägt in der Freizeit T-Shirts mit Totenkopfmotiven und beim Schwingen ein besticktes Sennerhemd.

"Muskulös wird gerne mit grob gleichgesetzt", sagt Betschart, "das ist falsch." Schwinger seien sehr friedlich und fair, manche auch sensibel. Betschart ist zudem noch belesen. In seinem Buchregal stehen Kafka, Nietzsche und Thomas Mann. Neben dicken Fachwälzern. Im Hauptberuf ist Betschart Ingenieur, schreibt momentan an seiner Doktorarbeit. Thema: Strömungen in Kühlkreisläufen von Kernkraftwerken und ihre Rolle bei schweren Störfällen.

Jedes Jahr im Sommer fährt er von einem Wettkampf zum nächsten. Unzählige Turniere zwischen Aarau und Zermatt sind im Angebot. Auch kleinere Wettkämpfe gleichen Volksfesten mit Bierzelt und Bratwurst. Schwinget heißen im Schweizerdeutsch die Schwingerpartys.

In der Regel geht es im Publikum völlig artig zu. Spontanes Beklatschen eines gelungenen Schlungg-Schwungs oder eines Bärendrucks sind die emotionalsten Gefühlsausbrüche. Gewinnern wird ein wohltemperiertes "tipptopp!" zugeraunt. Pfeifen und Johlen sind absolut tabu.

Bei den Schwingfesten dominiert Schweizer Folklore. Über mehrere Stunden wird der Platz pausenlos mit Jodlern beschallt. Kraftprotzereien und Alpenseufzer - das wirkt auf Erstbesucher wie Metallica beim Landfrauennachmittag.

Der Ansager scheint sich bereits in Tiefenentspannung zu befinden. Mit der Aufgeregtheit eines Edelweiß moderiert er die Paarungen: "Auf Platz zwei ein Spitzenkampf zwischen Betschart Torsten und Imboden Roger". Es klingt, als würde er aus einem Telefonbuch vorlesen.

Kartoffelsack zwischen den Beinen

Zu den erstaunlichen Eigenarten des Sports gehört der Zwilch, eine Art Schlüpfer zum Darübertragen, hergestellt aus derbem Leinen oder Baumwolle. Er muss einiges aushalten, wenn die Schwinger daran zerren und knautschen, rupfen und reißen. "Fühlt sich an wie ein Kartoffelsack", sagt Betschart. Und er sieht auch so aus, wenn er den Muskelprotzen um die stämmigen Hüften hängt. Es ist also bitteschön nicht misszuverstehen, wenn man schildert, wie sich die Schwinger herzhaft am Sack packen.

Während Betschart und Imboden schwingen und schwitzen, wird ununterbrochen gejodelt und der Hauptgewinn über den Platz geführt: Er steht auf vier Haxen und trägt eine Glocke um den Hals. Certina heißt das Rind. Die sonstigen Prämien bestehen aus Sachwerten: Barbecuegrills, Kühlschränke, Rasenmäher und Kuhglocken, gestiftet von Privatpersonen und Unternehmen.

Ansonsten ist innerhalb des Wettkampfplatzes jegliche Werbung verboten. Aus Tradition. Schwingen ist reiner Amateursport. Und der Gewinner der Böse. So werden Wettkampfsieger und Spitzenschwinger genannt.

"Schwingen hat die richtige Swissness"

Wer nicht gewinnt, fällt weich. Denn der Ring besteht aus einem Bett aus Sägemehl. Wie vor Jahrhunderten. Nach ihren Kämpfen sind Schwinger oftmals von oben bis unten paniert. "Das Schwingen erhält unsere Bräuche", sagt Betschart. Der Geruch des Sägemehls habe auf Schwinger dieselbe Wirkung wie Benzinwolken auf Formel-Eins-Piloten: "Das packt mich schon", sagt Betschart. Und schon packt er den Zwilch des nächsten Gegners.

"Schwingen hat die richtige Swissness", philosophiert Othmar Hodel, sportlicher Leiter beim Luzerner Kantonal-Schwingerverband, "der Mix aus Brauchtum und Modernität stimmt." Auch er hebt die Friedfertigkeit der Veranstaltungen hervor - entgegen aller Muskelprotz-Klischees. "2004, beim Eidgenössischen Schwingfest in Luzern, hatten wir gerade einmal sechs Sicherheitskräfte", sagt Hodel. Damals kamen mehr als hunderttausend Besucher, alle seien per du. "Duzis", wie man in der Schweiz sagt.

Beim Eidgenössischem Schwing- und Älplerfest vom 30. August bis 1. September in Burgdorf im Emmental, werden bis zu 250.000 Besucher erwartet. Mehr als je zuvor bei einem Schwingfest. Kurzentschlossene Besucher ohne Ticket können außerhalb des Wettkampfplatzes beim Public Viewing zuschauen. Oder Alphornbläsern und Jodlern lauschen.

Die Tickets für die rund 50.000 Besucher fassende Arena sind seit Monaten vergriffen. Wenn's um die Haxen des Hauptpreises geht, schwingen Schweizer eben schnell mal die Hufe.



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insgesamt 16 Beiträge
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lauterteufel 21.08.2013
1. 181 Meter groß
Wow. Wahrscheinlich ist der Sport nur deswegen allein in der Schweiz bekannt, weil die Riesen die ihn ausüben sich hinter den Bergen verstecken können. ;-)
carlos18 21.08.2013
2. Toller Sport
ich finde diesen Sport großartig. Die Schweizer pflegen auf diese Art ihre Traditionen. Also kein Grund sich in irgendeiner Weise darüber lustig zu machen.
Hansjuerg 21.08.2013
3. 185 cm und mehr
Zitat von lauterteufelWow. Wahrscheinlich ist der Sport nur deswegen allein in der Schweiz bekannt, weil die Riesen die ihn ausüben sich hinter den Bergen verstecken können. ;-)
181 cm ist ziemlich kurz für einen Schwinger und an einem richtigen Schwingfest gibt es auch einen richtigen Stier als Hauptpreis und keine junge Kuh. Apropos Schwinger: Die Besten der letzten Jahre sind/waren: Jörg Abderhalden, 188 cm / 120 kg Christoph Bieri, 189 cm / 110 kg Martin Grab, 194 cm / 120 kg Philipp Laimbacher, 185 cm / 114 kg Christian Schuler, 185 cm / 105 kg Matthias Sempach, 194 cm / 105 kg Christian Stucki, 198 cm / 150 kg Kilian Wenger, 190 cm / 107 kg Das letzte Eidgenössische Schwingfest 2010 in Frauenfeld besuchten 250'000 Zuschauer. Mit dabei waren 16 Security-Leute. Warum sowenig, versteht sich von selbst.
Hansjuerg 21.08.2013
4. P.s.
Und Schwingen ist eine sehr ernste Angelegenheit.
cobaea 21.08.2013
5. ein Muni für den Bösen
Schwingen ist in den letzten Jahren in der Schweiz immer populärer geworden. Jahrzehntelang galt es eher als "uncool". Inzwischen bietet es a) eine Indentifikationsmöglichkeit mit dem, was als "typisch Schweiz" empfunden wird und b) ein Kontrastprogramm zu Sportveranstaltungen, bei denen Hooligans und Co. unterwegs sind. Die Schwinger der schwersten Klasse (wie beim Boxen gibt es unterschiedliche Gewichtsklassen) sind die "Bösen" - was kein Charaktermerkmal sondern Anerkennung ist. Der Gewinn ist immer ein Stier - im Dialekt ein "Muni". Der bringt im Verkauf durchaus auch Geld ein. Es gibt übrigens inzwischen auch "Frauenschwinget" - also Wettkämpfe zwischen Frauen. Und "Schlungg" spricht sich für Deutsche wie "Schlunck".
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