Schweizer Züge: Bahn frei für die Pufferküsser

Von Michael Soukup, Bern

Manager halten Meetings in Abteilen ab, Studenten flüchten sich zum Lernen in den Zug: Die Schweizer lieben ihre Bahn, nicht nur als Transportmittel. Kaum einer kennt das dichteste Schienennetz der Welt besser als Hans G. Wägli.

Schweizer Bahnstrecken: Vom Glacier-Express bis zur SBB Fotos
Goldenpass

Hans G. Wägli schaut gebannt aus dem Zugfenster des Erste-Klasse-Abteils. Es ist nicht die sanfte Hügellandschaft des Schweizer Mittellandes, die den 63-Jährigen besonders interessiert. Von viel größerem Interesse ist die Gleistopografie, also die metergenaue Distanz, das Neigungsverhältnis und der höchste wie tiefste Punkt der Bahnstrecke Bern-Fribourg.

"Zehn Promille Steigung wäre in Deutschland schon eine Bergstrecke", stellt der pensionierte Eisenbahner fest. Nicht minder aufmerksam registriert der Mann mit dem blauen Sakko und der weinroten Krawatte das Gleisbild. Kein Tunnel, keine Brücke, kein Wartehäuschen, keine Weiche oder Drehscheibe entgeht dem scharfen Blick Wäglis. Dazwischen konsultiert er immer wieder ein kleines Buch voller komplizierter Zeichnungen und detaillierter Beschreibungen.

Dabei kennt er das gesamte Schweizer Schienennetz fast auswendig. Wägli ist der Verfasser des "kleinen Wägli", der Bibel aller Schweizer Schwellenzähler und Pufferküsser, wie die Eisenbahnbegeisterten leicht spöttisch genannt werden. Ende Juni kam "Bahnprofil Schweiz - ein technischer Reisebegleiter" heraus, der das 5636,2 Kilometer lange Schienennetz der Schweiz akribisch genau beschreibt. Sämtliche Normalspur-, Schmalspur- und Zahnradbahnen im Land einschließlich Tram- und Standseilbahnen sind darin verzeichnet. Bis heute haben etwa 2500 "Ferrophile", auch aus Deutschland, Frankreich und England, Wäglis technischen Reisebegleiter bestellt.

Gotthard-Bahn erreicht die größte Höhe des SBB-Netzes

Für Wägli ist die "Wendeltreppe des Weltverkehrs" einer der beeindruckendsten Abschnitte der Schweizer Eisenbahn, er meint damit die Gotthard-Bahn. Den dramatischsten Teil der über 200 Kilometer langen Nord-Süd-Strecke bildet sicherlich der kurvenreiche wie steile Anstieg über die Nordrampe zum Gotthard-Tunnel. "Dort beträgt die Steigung 26 Promille", so der Eisenbahner außer Dienst. Der Scheitel des 15 Kilometer langen Gotthard-Tunnels ist zugleich die höchste Stelle des Schienennetzes der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB).

Bahn-Liebhaber sollten - um die grandiose Bergkulisse des hier über 3500 Meter hohen Alpenkamms zu bewundern - "von Luzern bis Amsteg rechts sitzen, dann links", zitiert Wägli aus dem 1937 erschienen Baedeker-Reiseführer. Kurz vor Amsteg kommt eine unverhofft horizontale Strecke. "Die Bauingenieure haben dabei an die Heizer von Dampflokomotiven gedacht, die so vor dem Angriff auf das Gotthard-Massiv nochmals richtig ihre Lok einheizen konnten."

Wäglis Werk ist das Ergebnis mühsamster und jahrelanger Kleinarbeit. "Die Quellenlage ist hundsmiserabel", sagt er im gemütlichen Berndeutsch und schüttelt dabei entgeistert den Kopf. Dabei haben die so pingeligen Schweizer Behörden erst 1997 aufgehört, ihr Schienennetz zu erfassen. Dagegen wurde es "in Deutschland nur bis 1935 vollständig" kartografiert, so Wägli. Danach führten Hobbystatistiker die Arbeit bis in achtziger Jahre weiter. In Österreich gibt es einen vergleichbaren Bahnnetzatlas aus dem Jahre 1985, der allerdings die Privatbahnen ausklammert.

Generalabo für den gesamten öffentlichen Verkehr

Dass ausgerechnet in der Schweiz so eine Schienenbibel zustande gekommen ist, hat mit dem Land selbst zu tun. "Die Liebe der Schweizer zu ihrer Eisenbahn ist gewaltig", sagt Wägli. Jahr für Jahr werden die Eidgenossen vom Internationalen Eisenbahnverband (UIC) zum Europa- und Weltmeister im Bahnfahren erkoren. In keinem anderen europäischen Land wird so häufig Eisenbahn gefahren wie in der Schweiz. 2009 war jede Einwohnerin und jeder Einwohner im Durchschnitt 49-mal mit der Eisenbahn unterwegs, in Deutschland sind es nur 23-mal. Und bezogen auf die zurückgelegte Distanz pro Einwohner und Jahr belegt die Alpenrepublik mit 2291 Kilometern sogar den weltweiten Spitzenplatz.

Das ist kein Wunder, denn dank dem dichtesten Bahnnetz der Welt kann der Schweizer locker auf das Auto verzichten. Und wo die Gleise der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) enden, kommt das 10.350 Kilometer lange Postautonetz zum Zuge. Schlicht eine geniale Schweizer Erfindung ist das bereits 1898 eingeführte Generalabonnement, kurz GA. Es ist von der Idee her vergleichbar mit der BahnCard 100, die unbegrenzt viele Fahrten mit der Deutschen Bahn erlaubt. Aber das GA ist viel umfassender und auch erfolgreicher. Denn es gilt praktisch für den gesamten öffentlichen Verkehr: Bahn, Tram, Bus, Postauto und Schiff. Damit ist das GA auf 23.500 Kilometern gültig.

Dazu kommt , dass das Generalabo mit 3100 Franken (2. Klasse) und 4850 Franken (1. Klasse) rund ein Drittel günstiger ist als das deutsche Pendant - und dies trotz der deutlich höheren Lebenshaltungskosten in der Schweiz. Entsprechend populärer ist das GA: Während die BahnCard 100 Ende vergangenen Jahres in Deutschland bloß 35.000-mal in Umlauf war, gibt es in der Schweiz mehr als 400.000 GAs.

Manager-Meetings im Zugabteil

Die flächendeckende Verbreitung der Abo-Karten führt dazu, dass viele Passagiere "ihre" Züge nicht nur für den Transport nutzen. Manager etwa verlegen schon mal ihre Meetings in die komfortablen Zugabteile, und Studenten studieren ihre Unterlagen ohne häusliche Ablenkungen. Von Zürich aus etwa gelangt man mit dem Schnellzug in knapp zwei Stunden ins Tessin. Im Winter scheint oft die Sonne auf der südlichen Seite des Gotthard-Tunnels, während Zürich unter einer dicken Nebeldecke liegt. Bevor man in Airolo den Zug wieder zurück ins Flachland besteigt, reicht es für die "Zugarbeiter" meist für einen Teller Spaghetti und einen Espresso in einem der zahlreichen Ristoranti gegenüber dem Bahnhof.

Die Verbundenheit der Schweizer mit ihrer Bahn zeigt sich regelmäßig in Volksabstimmungen über Milliardeninvestitionen in neue Infrastruktur. Unter dem Eindruck der Lastwagenflut bewilligte das Schweizer Stimmvolk vor mehr als zehn Jahren 12,8 Milliarden Franken für die Realisierung der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat).

Der Lötschbergtunnel wurde 2007 eröffnet und ist mit 34,6 Kilometern Länge momentan der drittlängste Tunnel der Welt. Seit 1999 wird am 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel gegraben, dem längsten Tunnel der Welt. Er ist fast viermal so lang wie der gleichnamige Straßentunnel. Diesen Herbst ist der Durchstich geplant, ab 2017 werden die Züge mit bis zu 250 km/h durch die Alpen brausen.

Ob Hans G. Wägli dann wieder einen neuen "Wägli" herausbringt? Er winkt ab. Wirklich glauben tut man es ihm aber nicht.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Schweizer Romantik
kyon 31.08.2010
Zitat von sysopManager halten Meetings in Abteilen ab, Studenten flüchten sich zum Lernen in den Zug: Die Schweizer lieben ihre Bahn, nicht nur als Transportmittel. Kaum einer kennt das dichteste Schienennetz der Welt besser als Hans G. Wägli. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,713775,00.html
Jetzt wird mir auch klar, warum man als Autofahrer in der Schweiz nicht geliebt, sondern verfolgt wird: Wir sollen Bahn-Tickets kaufen und über die Schweizer Romantik nachdenken.
2. Einfache Erklärung ...
Beduine 31.08.2010
... weshalb die Schweiz eine ausgewogenere Verkehrspolitik als Deutschland hat: sie hat keine Autoindustrie, damit keine Autolobby und kann daher alle Verkehrssysteme sinnvoller und gleichberechtigter fördern. Nett in diesem Zusammenhang auch der kurze Artikel in der aktuellen ADAC-Motorwelt, nach dem ein Schwede in der Schweiz auf der Autobahn mit 290 km/h geblitzt wurde und jetzt mit ca. 750.000 EUR zur Kasse gebeten wird.
3. Theorie und Praxis
nanokain 31.08.2010
So romantisch und preiswert ist das mit den öffentlichen verkehrsmitteln in der schweiz dann aber doch nicht. Beispiel Tram Basel und Baselland: Eine kurzstrecke (4-6 Stationen) kostet heute 2 Franken. Da denkt man mit wehmut an vor zwanzig jahren, als das noch 50 Rappen gekostet hat. Die betriebskosten sind sicherlich nicht um 400% gestiegen... Oder auch bahnfahren ohne GA oder halbtax abo. Basel-Zürich hin und zurück kosten flotte 62.- in der 2. klasse. Erste klasse kostet schon 104 Fränkli. Basel-Genf kostet dann 138 respektive 228.-. Dafür kann ich mir ein auto mieten.
4. Geneuer betrachtet.
mbschmid 31.08.2010
Zitat von Beduine... weshalb die Schweiz eine ausgewogenere Verkehrspolitik als Deutschland hat: sie hat keine Autoindustrie, damit keine Autolobby und kann daher alle Verkehrssysteme sinnvoller und gleichberechtigter fördern. Nett in diesem Zusammenhang auch der kurze Artikel in der aktuellen ADAC-Motorwelt, nach dem ein Schwede in der Schweiz auf der Autobahn mit 290 km/h geblitzt wurde und jetzt mit ca. 750.000 EUR zur Kasse gebeten wird.
Es hätte auch anders kommen können, wie anderen Ländern. Ich nenne jetzt kein Beispiel. Man baut "unretable" Strecken ab. Dadurch fahren weniger Leute Zug und weitere Strecken werden unretabel und abgebaut, was den Zug noch unatraktiver macht. Das wäre auch in der Schweiz fast passiert, bis klar wurde, dass es sinnvoll ist die Leute wieder auf die Bahn zu bringen und dass die Leute das nur machen, wenn es auch wirklich einen Zug gibt. Heute fährt fast auf jeder Strecke alle halbe Stunde ein Zug und es werden immer mehr Nachzüge eingeführt für Leute die etwas später unterwegs sind. Und siehe da, plötzlich rechnet sich das alles wieder, weil die Leute Zug fahren. So ein Zug ist praktisch, wenn er fährt und ... wenn er pünklich ankommt. Das ist ja nicht in allen Ländern so. Ich möchte dazu jetzt aber kein Beispiel nennen. Der Betrag richte sich nach dem Einkommen. Die 750'000 EUR sind er höchstmögliche Wert. Sein Auto im Wert von 180'000 EUR durfte er aber gleich mal als Sicherheit hinterlegen.
5. ...
Charles Atane 31.08.2010
Zitat von Beduine... weshalb die Schweiz eine ausgewogenere Verkehrspolitik als Deutschland hat: sie hat keine Autoindustrie, damit keine Autolobby und kann daher alle Verkehrssysteme sinnvoller und gleichberechtigter fördern. Nett in diesem Zusammenhang auch der kurze Artikel in der aktuellen ADAC-Motorwelt, nach dem ein Schwede in der Schweiz auf der Autobahn mit 290 km/h geblitzt wurde und jetzt mit ca. 750.000 EUR zur Kasse gebeten wird.
DIES ist der entscheidende Hinweis. Bei uns bewegt sich ohne Lobby gar nichts, erst recht nicht gegen eine Lobby! Das ist wie bei der Mafia und ihren Paten...
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