Europas witzigster Inselpolizist Ganz schön Scilly

Weit weg vom turbulenten Rest Großbritanniens liegen die Scilly-Inseln im Atlantik. Die größte Berühmtheit ist aber nicht die herrliche Landschaft - sondern ein Polizist, weltweit bekannt für seine witzigen Facebook-Posts.

Colin Taylor

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Colin Taylor grinst zur Begrüßung wie Daniel Craig. Nur mit Lücke zwischen den Schneidezähnen. Der schlanke blonde Mann hat am Quay von St. Mary's gewartet, der Hauptinsel der Isles of Scilly. Hier legen die Fähren an, die große aus dem 45 Kilometer entfernten Cornwall, die kleinen von den andern bewohnten Inseln wie St. Agnes, Tresco oder Bryher.

Taylor trägt heute nicht den imposanten Helm der britischen Bobbys, dunkle Uniform und Waffenkoppel, auch nicht Craigs Bond-Kluft, sondern Jeans, blaues Kurzarmhemd. Trotzdem wird der Polizist der Scilly-Inseln erkannt. Er grüßt links und rechts auf dem Weg zum Atlantic, dem gediegenen Hotel-Pub-Lounge-Treffpunkt mit Blick auf die Hafenbucht, den Strand und die vielen Boote.

Colin Taylor
Antje Blinda

Colin Taylor

Colin Taylor ist nicht nur eine Berühmtheit in seinem Revier, unter den 2200 Bewohnern derScilly-Inseln, diesem südwestlichsten Posten Großbritanniens. Dort, wo vor allem britische Familien und Paare hinreisen, die Ruhe suchen - und höchstens noch nach Tölpeln und Papageientauchern. Sein Name ist vielmehr bekannt rund um die Welt: für die Posts auf der Facebook-Seite von "Isle of Scilly Police", die inzwischen 58.000 Follower hat.

Mit Augenzwinkern, Sprachwitz und überraschenden Pointen berichtet Taylor dort von Vorfällen aus seinem Polizeialltag. Nicht von der häuslichen Gewalt oder den tödlichen Unfällen, die es auch hier gibt. Sondern von dem Spiegelei, das neben einem aufgebrochenen Schuppen lag, den auf der Straße herumwandernden Möwenjungen, die Touristen Sorgen bereiten. Oder den Goldfischen, die auf dem Trockenen zappelnd vor der Polizeistation gefunden wurden - die verdächtige Katze Rocky ist inzwischen verstorben, die Ermittlungen wurden eingestellt.

"Ich habe zusammen mit einem Kollegen den Facebook-Account gepflegt", sagt der 49-Jährige, "irgendwann fiel uns auf, dass die Leute viel häufiger auf die Posts reagierten, wenn sie humorvoll und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger geschrieben sind." Die Einträge waren an die Insulaner gerichtet, aber auch ein "bisschen an die Festlandkollegen, damit die sehen, dass wir hier auch arbeiten".

Dann wurde "Isles of Scilly Police" Kult, zitiert auf den Facebook-Seiten des Los Angeles Police Departement, der Polizei in New York, Neuseeland und Australien. Die Kollegen in der Ferne forderten die Briten schon zu so mancher Challenge auf, wie zu diesem Tanz für einen guten Zweck ("Grauenhaft", meint Taylor):

Ruderrennen als Highlight der Woche

"Colin!", ruft eine gebückte zierliche Dame in den Neunzigern im Atlantic entzückt. "Hi Betty", sagt Taylor. Man trifft sich am Rollwagen mit Kaffee und Tee. Ein Bekannter hätte sein Buch von ihr gemopst, sagt die Frau in Rosa. "Oh, ich wusste gar nicht, dass der lesen kann", pariert Taylor, vielleicht habe er es nur für einen wackelnden Tisch gebraucht? Seine Nachbarin Betty Sylvester, erzählt er, komme in seinem Buch "The Life of a Scilly Sergeant" auch vor, das er gerade veröffentlicht hat. Scilly lässt sich auch als silly verstehen, verrückt. Ein beliebtes Wortspiel auf den Inseln.

"Sold out", heißt es immer wieder in dem Buchladen in der Hugh Street, man warte dringend auf die nächste Lieferung vom Festland. Die britische Zeitung "Guardian" verheißt schon einen großen Erfolg, die Rechte für eine britische TV-Serie sind verkauft, und die deutsche Übersetzung ist für 2017 geplant. Taylor grinst sein Craig-Lächeln. In seinem Buch erzählt er, wie er das Leben auf diesen abgelegenen Inseln aus der Sicht eines Polizisten erlebt. "Eine sehr privilegierte Stellung, da ich vieles mitbekomme, was andere niemals sehen, niemals erfahren werden." Mit dem Buch wolle er die Polizei den Bürgern näherbringen, das Vertrauen stärken.

St. Mary's
Antje Blinda

St. Mary's

Es sind Anekdoten, oft mit großem Bogen und immer mit viel Selbstironie und einem freundlichen, britischen Humor erzählt, die viel über die Dynamik des Insellebens verraten. Damit kennt sich Colin Taylor aus, der im Gespräch viel ernster wirkt als vermutet. Als Biologe hatte er auf den Seychellen, Madagaskar, den Shetlandinseln gelebt. Bis er eine Familie gründen wollte und Polizist wurde, zuletzt Detective. "Die wichtigste Fähigkeit auf Inseln ist, mit Menschen auszukommen, die man nicht mag", sagt Taylor. "Anders als auf dem Festland kann man sich nicht aus dem Weg gehen."

Es gebe auf Scilly Familien, sagt er, die sich seit Generationen, seit Hunderten von Jahren hassen, aber sich dennoch nicht ständig in den Haaren liegen. Als Besucher könnte man hier eigentlich die völlige Idylle vermuten, ein Paradies, weit weg vom Brexit-Desaster, vergessen von der Welt und von den Kriminellen. Ein Kino gibt es nicht, die Highlights der Woche sind der Pub-Besuch, die Spiele der beiden Mannschaften der winzigen Insel-Fußballliga und die Gig-Rennen, bei denen die Rudermannschaften der Inseln in teils jahrhundertealten Booten gegeneinander antreten: mittwochs die Frauen, freitags die Männer.

Sprung aus dem Goldfischglas

Wer es hier aushält zu leben, und das auch im Winter, wenn die Flut der Touristen verebbt ist, muss genügsam und mit sich im Reinen sein. "Ich mag die Freiheit hier. Einfach das Boot nehmen und fischen gehen", sagt Colin Taylor. Die sechs Jahre, die er als Polizist auf den Isles of Scilly verbracht hat - "so lange wie bisher keiner" -, sind bald vorbei. Anfang August verlässt er mit seiner Familie St. Mary's, geht zurück in eine Kinderschutzabteilung der Polizei bei Exeter. "Ich freue mich darauf, aus dem Goldfischglas zu entkommen", sagt er. "Was ich mache, wohin ich gehe - alles wird registriert. Ich will wieder anonymer leben."

Worauf sein Nachfolger sich vorbereiten muss, hat Colin Taylor schon früher in einer Stellenanzeige auf Facebook formuliert: für den "wohl beneidenswerteste Polizeiposten in Großbritannien oder sogar der Welt". Folgende Fähigkeiten seien Voraussetzung:

  • Man muss die Entschlossenheit besitzen, der Ehefrau ein Strafticket fürs Parken auszustellen, und das so taktvoll tun, dass dein Abendessen sich nicht gleich im Hundenapf wiederfindet.
  • ...um 2 Uhr nachts aus der Tiefschlafphase gerissen, noch im Pyjama unter der Uniform einen Streit zwischen zwei betrunkenen Köchen zu schlichten, der sich um die Vor- und Nachteile von Meersalz und Steinsalz dreht.
  • ...genau wissen, was zu tun ist, wenn man wegen eines verlassenen Robbenbabys, das über die Hauptstraße robbt, alarmiert wird.
  • ...akzeptieren, dass einem Fundstücke übergeben werden, wenn man nach Dienstschluss an der Supermarktkasse steht, beladen mit tauender Eiscreme und Fischstäbchen, und die Kinder noch vor der Judostunde mit einem Abendessen versorgen soll.

Der Post ging damals viral - aus der ganzen Welt prasselten Anfragen auf die Polizeidienstelle auf dem Festland ein. "Das war das einzige Mal, dass meine Vorgesetzten sich beschwert haben", sagt Colin Taylor. Und grinst. Dann muss er los. In einer Stunde beginnt sein Dienst, mit Bobby-Helm und Weste.

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insgesamt 1 Beitrag
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betonklotz 25.07.2016
1. Ein Polizist mit Sinn für Humor
davon gerne mehr. Auch wenn es im Dienstalltag sicher das eine oder andere Mal schwer fällt, sich einen solchen zu bewahren.
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