Sea-Life-Aquarium Lippfisch sucht Zackenbarsch

Geisterhafte Quallen, hurtige Haie: Der Aquariums-Chef des Sea Life in Speyer sorgt täglich für das Wohlergehen bizarrer Wasserbewohner. Ganz naturgetreue Bedingungen kann er den Tieren allerdings nicht bieten - und bei der Fortpflanzung muss er tricksen.

Von


Der Raubfisch hat sich ganz still auf den Boden gelegt. Seine rote Körperfärbung verwandelt sich in blasses Grau - das ist das Zeichen. Ein kleiner, bunt gestreifter Lippfisch nähert sich. Behutsam überprüft das schlanke Tier die Haut des Großen, pickt hie und da etwas heraus, und arbeitet sich langsam zum Kopf des tropischen Zackenbarsches vor. Der spreizt nun sogar die Kiemendeckel zur Inspektion auf. "Manchmal schwimmen die Putzerlippfische dort hinein und durch das Maul wieder heraus", erklärt Arndt Hadamek dem Besucher.

Den Kleinen passiert nichts, denn die Räuber suchen bewusst ihre Hilfe, um lästige Parasiten loszuwerden, die für die farbenfrohen Pfleger wiederum eine leichte Beute sind. So profitieren beide Seiten. Währenddessen kreisen ein paar Meter höher agile Schwarzspitzenriffhaie herum, Kuhnasenrochen schwingen elegant ihre Flügel, und ein Schwarm Pferdekopfmakrelen glänzt wie poliertes Silber. Welch eine Unterwasserpracht.

Doch nein, diese Szene findet nicht etwa in den azurblauen Gewässern des australischen Great Barrier Reef statt, sondern in einem eher unscheinbar wirkenden Gebäude am alten Hafen von Speyer, nur wenige hundert Meter vom berühmten Dom entfernt. Barsch, Lippfisch & Co. sind Bewohner des großen Tropenbeckens im hiesigen Sea-Life-Aquarium.

Die fünf Meter tiefe Betonwanne hat ein Fassungsvermögen von 320.000 Litern, durch den Boden zieht sich ein Plexiglastunnel. Von dort aus können Besucher die bunte Schar Schuppenträger fast hautnah bestaunen. Ein weiteres Schaufenster befindet sich eine Ebene höher, nahe der Wasseroberfläche. In diesem Becken lassen sich Schwimmbewegungen und Verhaltensweisen der Tiere ausgiebig beobachten. So wie die Arbeit der Putzerlippfische eben. Allerdings braucht es dafür etwas Geduld und ein Auge für Details. Wer hier nur auf schöne Farben achtet, verpasst was.

Arndt Hadamek, Chef der Aquaristik im Sea Life Speyer, kennt das Problem. "Viele Besucher schauen gar nicht hin, marschieren einfach durch und beschweren sich anschließend, weil es angeblich nichts zu sehen gibt." Anderen seien die Haie zu klein. Hadamek dagegen steht die Begeisterung für all diese Wassertiere ins Gesicht geschrieben. Der gebürtige Rheinländer ist ursprünglich ausgebildeter Chemiker und Fachmann für Klärtechnik. "Hier aber habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht." Ein wahrhaftig Passionierter, quasi rundum die Uhr. In seiner Freizeit beteiligt sich Hadamek an einem Wiederansiedlungsprojekt für Europäische Sumpfschildkröten.

Multikulti bei 16 Grad

Natürlich beherbergt das graue Gebäude am Hafen mehr als nur das Tropenbecken. In einer Serie Süßwasser-Aquarien wird in groben Zügen der Verlauf des Rheins von der Quellregion bis zur Mündung dargestellt. Heimische Hechte, Zander und Brachsen tummeln sich darin, aber auch eingeführte Spezies wie der aus Nordamerika stammende Bachsaibling.

Nicht immer werden die Arten korrekt ihren Lebensräumen zugeordnet. Nordamerikanische Katzenwelse neben Forellen im klaren Gebirgsbach? Nun ja. In den Küstenbecken findet sich ebenfalls manch seltsame Kombination. Nordeuropäische Aalmuttern und Butterfische - nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Räucherware im Fischladen - teilen sich mit Meerjunker und Bandbrassen aus dem Mittelmeer ein Aquarium.

Eine solche multikulturelle Gesellschaft birgt Problempotential, denn schließlich haben die Nord- und Südländer unterschiedliche ökologische Ansprüche. Arndt Hadamek begegnet dem mit einem einfachen Trick. "Wir halten die Temperatur konstant bei 16 Grad. Das halten beide Gruppen aus." Für die einen ist es also immer Winter, für die anderen Sommer.

Wenige Schritte weiter steht der Besucher plötzlich an einem flachen Bassin Auge in Auge mit einem ausgewachsenen Nagelrochen. Das Tier schwimmt an der Oberfläche, angelockt vom elektrischen Feld des menschlichen Körpers. Mit seinen hochempfindlichen Sinnesorganen, den so genannten Lorenzinischen Ampullen, kann der Knorpelfisch den Zweibeiner genau orten.

Auf dem Boden lungern Katzenhaie herum, im künstlichen Seetang hängen ihre skurril geformten Eikapseln. Es gibt reichlich Nachwuchs, die Kleinhaie fühlen sich offenbar wohl. Conger indes, die bis zu zweieinhalb Meter langen Meeraale des Ostatlantiks, gibt es in Speyer inzwischen nicht mehr. "Die Becken sind nicht groß genug, und sie wachsen einfach zu schnell", sagt Arndt Hadamek. "Man muss nicht alles zeigen."

Geisterstunde mit Mangrovenquallen

Derzeit läuft die Sonderausstellung "Quallen - Geister der Meere". Der etwas reißerische Titel täuscht. Es handelt sich keinesfalls um eine Art Horrorschau, auch wenn die glibberigen Tiere bei vielen Zeitgenossen leicht ein Schaudern hervorrufen. Vier verschiedene Spezies gibt es zu bestaunen, darunter auch die bizarren Mangrovenquallen, die die meiste Zeit mit ihren Tentakeln nach oben gestreckt am Boden liegen.

In ihren Fangarmen beherbergen sie einzellige Algen, die Licht brauchen. Das Nesseltier bietet den grünen Minipflanzen Unterschlupf, und diese wiederum liefern ihrem Wirt Nährstoffe - eine perfekte Symbiose. Die Haltung oder gar Züchtung von Quallen in Aquarien ist eine knifflige Angelegenheit. Die in Nord- und Ostsee heimischen Ohrenquallen etwa vermehren sich am einfachsten ungeschlechtlich durch Knospung.

Doch Arndt Hadamek weiß, wie er sie davon überzeugt, dass der richtige Zeitpunkt für die Fortpflanzung gekommen ist. "Wir kühlen die Tiere stark runter, auf etwa vier Grad Celsius, dann lassen wir die Kühlung einen Tag lang aus, die Temperatur steigt auf rund zwanzig Grad, und dann geht's los." Die Quallen glauben so, es sei plötzlich Frühling, und das Angebot an nahrhaftem Zooplankton werde bald steigen. Davon muss der Nachwuchs profitieren können.

Kläranlage und Futterzucht

Mit den Sea-Life-Besuchern kommt Arndt Hadamek eher selten in Kontakt. Normalerweise arbeitet er hinter den Kulissen. Viel Zeit verbringt er im Technikraum, wo es laut ist und ein leichter Meeresgeruch in der Luft liegt. Überall sind Röhren, in einer Ecke hängen Watthosen und Taucheranzüge, auf einem Schaltplan mit grüngelben Leuchtpunkten ist das Herzstück der Aquarienanlage dargestellt. Das Haus verfügt über ein ausgeklügeltes eigenes Klärsystem mit Biofilter, Eiweißabschäumer, Ozon-Desinfektion und sogar einer speziellen Denitrifikationssäule, in der spezialisierte Bakterien Nitrat in reinen Luftstickstoff umwandeln.

Dieser Stoffkreislauf erfordert einen enormen Aufwand. "Wir brauchen alle drei Monate fünf Tonnen Salz", berichtet der Aquaristik-Chef. Und jährlich werden rund zwei Tonnen Futter angeliefert. Manches produzieren Hadamek und sein Team jedoch selbst. Im Hinterraum der Futterküche brodelt es in großen Plexiglaszylindern. Das ist die Planktonzucht. In anderen Gefäßen werden Artemia-Eier ausgebrütet. Die Salzkrebschen sind die Leibspeise von Ohrenquallen und Seepferdchen.

Um drei ist Fütterungszeit im großen Tropenbecken. Die Wasserbewohner schwimmen bereits aufgeregt unter der Wasseroberfläche hin und her. Eine von Hadameks Assistentinnen wirft ihnen ein paar Hände voll Schwebegarnelen und Muschelfleisch zu. Lautes Geplätscher ertönt, Wasser spritzt gegen die Decke. Die Kuhnasenrochen fressen der jungen Frau buchstäblich aus der Hand. "Das ist auch gut so, sonst würden die nichts abkriegen."

Die Schwarzspitzenriffhaie dagegen sind schüchtern - wer hätte das gedacht? Den nervösen Räubern müssen die Tintenfische mit einen Stock gereicht werden, sonst trauen sie sich nicht ran. Als kleines Festmahl bekommen die Haie ab und zu ganze aufgetaute Regenbogenforellen vorgesetzt, erzählt Arndt Hadamek. "Das lieben sie."



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.