Segeln im Mittelmeer Anluven für Greenhorns

Zwischen Korsika und Elba können Segel-Anfänger beweisen, dass sie keine Landeier sind. Bei Windstärke sieben ist volle Konzentration am Ruder gefordert – doch trotz Anweisungen vom Profi kommt es manchmal zu gefährlichen Zwischenfällen.


Portoferraio - Die Segelyacht kämpft sich durch die aufgewühlte See. In Schräglage schneidet sie die heranrollenden Wellen. Gischt spritzt übers Vordeck, bevor der Bug ins nächste Wellental taucht. Ein böiger Südostwind mit Stärke sechs bis sieben lässt die "Sundowner", die im Mittelmeer von Korsika aus unterwegs zurück nach Elba ist, ordentlich Fahrt machen.

Der Mann am Ruder ist konzentriert. Angestrengt versucht er, die 14-Meter-Yacht auf Kurs zu halten. Jede Welle will das Schiff aus der Richtung drängen, da muss er gegensteuern. Doch so ein Pott ist träge. Wenn er am Steuerrad kurbelt, dauert es eine Weile, bis das Schiff reagiert. Außerdem muss er die Stellung der Segel zum Wind beachten, darf beim Gegensteuern nicht zu weit zum Wind drehen.

Das war jetzt zu weit, Skipper Jochen von Hartz hat es sofort bemerkt. "Nicht zu weit anluven!", ruft er seinem Steuermann zu. "Fall' wieder etwas ab!" Doch obwohl Jochen seine Rudergänger schon zig Mal korrigieren musste, bleibt er gelassen. Immerhin wussten einige aus seiner Crew beim Ablegen vor ein paar Tagen im Hafen von Portoferraio nicht einmal, was "anluven" und "abfallen" bedeuten.

Vokabeln und Sicherheitstraining

Denn die sechs Frauen und Männer an Bord der "Sundowner" sind zur Hälfte Laien, die im Urlaub einen Mitsegeltörn gebucht haben, um eine Woche in die Welt des Segelsports hinein zu schnuppern. Die anderen sind Hobbysegler, die aber auf Dickschiffen wie der "Sundowner" noch unerfahren sind. Am ersten Tag des Törns hatte Jochen der Crew daher zunächst die wichtigsten Seglerbegriffe wie "anluven" - mit dem Boot an den Wind gehen - und "abfallen" - vom Wind wegdrehen - erklärt.

Außerdem gab es nach Bezug der Kabinen eine Sicherheitseinweisung. Dabei ging es um die Bedienung von Funkgerät und Rettungsmitteln sowie um die allgemeinen Sicherheitsvorkehrungen. Jeder an Bord sollte damit vertraut sein, hatte Jochen der Besatzung eingeschärft, um im Notfall per Funk eine "Mayday"-Meldung absetzen zu können.

Doch ein Ernstfall sollte der Mannschaft erspart bleiben. Nachdem die Bordkasse eingerichtet und der Proviant eingekauft und unter Deck sicher verstaut worden war, hieß es "Leinen los!". Zunächst ging es von Portoferraio aus entlang der Küste nach Marciana Marina im Westen Elbas und von dort zur 20 Seemeilen entfernten Insel Capráia.

Kaugummis gegen flauen Magen

Sonnenschein und schwacher bis mäßiger Wind machten es der Crew leicht, sich mit den Abläufen zum Setzen und Einholen von Großsegel und Rollgenua - dem variablen Vorsegel - sowie mit der Ruderanlage vertraut zu machen. Nur das Schaukeln des Schiffs in der kabbeligen See verschaffte den meisten einen flauen Magen. "Daran gewöhnt man sich", beruhigte Jochen. Mit Kaugummis bekam die Mannschaft die beginnende Übelkeit in den Griff, so dass niemand zum "Wellenbrecher" wurde.

Bei Windstärken wie jetzt auf der Rückfahrt nach Elba wäre das Einleben an Bord der Segelyacht weitaus schwieriger gewesen. Nachdenklich betrachtet Jochen die Wolken und Wellen voraus. "Wir reffen", sagt er schließlich. Er hat Sorge, der Wind könnte noch weiter zunehmen, daher will er die Segelfläche lieber verkleinern. Die vollen 104 Quadratmeter der "Sundowner" sind ihm nun zu viel - so manche Yacht ist ungerefft bei Starkwind schon gekentert.

"Einer zum Mast an die Großschot, zwei an die Genua-Winsch und Kurs halten!", ruft der Skipper seinen Leuten zu. Jeder weiß, was er zu tun hat - jetzt zahlt sich das Üben bei Schwachwind aus. Mit wenigen Handgriffen lässt die Crew das Groß etwas herunter, hängt es unten am Mast neu ein und zieht es wieder hoch. Nun reicht die Spitze nicht mehr zum Masttopp, sondern endet ein gutes Stück darunter. Das Manöver dauert nur wenige Minuten, während die Yacht in Fahrt bleibt.

"Du kannst auf See nicht mal eben rechts ranfahren", sagt Jochen, der 33 Wochen im Jahr mit der "Sundowner" von Elba aus Törns fährt. Zudem sei man in kritischen Situationen - etwa im Sturm - auf sich allein gestellt. "Innerhalb von zehn Minuten kann ein Urlaubstörn zum Albtraum werden. Da musst Du dann durch." Manche Segler, die zum ersten Mal eigenverantwortlich als Skipper starten, unterschätzten das und brächten sich und ihre Mannschaft leichtfertig in Gefahr.

Doch es sind nicht immer Unwetter auf See, die unerfahrene Segler ins Schwitzen bringen. Auch die Anlegemanöver können tückisch sein. Diese Erfahrung machte etwa die Besatzung einer Charteryacht im Hafen von Macinaggio - der ersten Station des Törns auf Korsika, wohin es von Capráia aus ging: Sie bekam beim Anlegen eine Festmacherleine in die Schraube. Das ging zwar noch glimpflich aus, oft endeten solche Pannen aber mit teuren Schäden an Boot und Kaianlage, erzählt Jochen.

35 Seemeilen in vier Stunden

In den 15 Jahren, die er als Skipper im Mittelmeer unterwegs ist, hat der 59-Jährige schon einige solcher "Dinger" mitbekommen. Er hält es daher für besser, wenn Anfänger zunächst mit einem erfahrenen Skipper segeln. Wenn gewünscht, lässt der die Mannschaft auch alleine machen - kann aber eingreifen, wenn es kritisch werden sollte.

Inzwischen kann die Mannschaft auf der "Sundowner" bereits Elba ausmachen. Der Ausgangspunkt der Überfahrt, die Hafenstadt Bastia - zweite Station des Törns auf Korsika -, ist lange hinterm Horizont verschwunden. Beim Blick zurück sind in der untergehenden Sonne nur noch schemenhaft die Umrisse der korsischen Berge zu erkennen. Für die rund 35 Seemeilen bis Elba hat die Crew nur knapp vier Stunden gebraucht. "Ein heißer Ritt", meint selbst Seebär Jochen anerkennend.

Doch noch ist die "Sundowner" nicht am Ziel. Die Mannschaft möchte zum Ende des Törns in einer Bucht bei Portoferraio vor Anker gehen. Dafür muss sie noch halb um Elba herumsegeln - im Dunkeln, denn die Sonne ist mittlerweile vollständig untergegangen. Bis auf den Steuermann, der nun mit Instrumentenhilfe Kurs halten muss, genießen alle das Dahingleiten auf der inzwischen ruhigen See - über sich die Sterne, voraus der langsam näher rückende Leuchtturm von Portoferraio. Ein eindrucksvoller Törnabschluss, wie alle finden.

Als die Urlauber am Tag darauf im Hafen von Portoferraio von Bord gehen und sich am Kai von Jochen verabschieden, stellen sie etwas Merkwürdiges fest. Auch mit festem Boden unter den Füßen meinen sie, noch das Schwanken des Schiffes zu spüren. Jochen hat dafür sofort eine Erklärung: "Ihr seid landkrank", sagt er schelmisch. "Es gibt Leute, die das so extrem spüren, dass sie so schnell wie möglich wieder an Bord eines Schiffes müssen."

Felix Rehwald, gms



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