Serra da Estrela Ganz oben in Portugal

Nirgendwo sind die Sterne in Portugal so nahe wie in der Serra da Estrela, dem höchsten Gebirge. Die Weite in den kargen Bergen genießen nur wenige Schäfer und ihre Tiere - und manche Städter, die hier Zuflucht gefunden haben.

Von Helge Sobik

Helge Sobik

Hier oben dauert es ein bisschen länger, bis der morgendliche Raureif verschwunden ist. Es ist schon fast Mittag, erst dann sehen die kargen Gipfel der Serra da Estrela von Weitem nicht mehr aus, als wären sie von einer hauchfeinen Schneeschicht bedeckt. Erst dann bekommen die Kräuter und schmächtigen Gräser auf den Plateaus rund um Penhas Douradas ihr Grün zurück. Die Luft ist klar und kalt an solchen Tagen im höchsten Gebirge Portugals.

Mucksmäuschenstill ist es, und nur der Sand auf den Pfaden knirscht unter den eigenen Schritten. Laut poltert ein Kieselsteinchen, das zur Seite kullert. Hoch über den Granitblöcken zieht ein Adler seine Kreise.

Bis auf knapp 2000 Meter geht es in der Serra da Estrela hinauf - hier befindet sich der höchste Ort des portugiesischen Festlands. Im Winter fahren die Einheimischen dort Ski. Oder sie wandern auf halber Höhe über die Plateaus - in den tieferen Lagen in Wanderstiefeln, ganz oben auf Schneeschuhen oder Langlauf-Skiern. Lissabon ist dreieinhalb Autostunden entfernt, bis zur Universitätsstadt Coimbra sind es anderthalb Stunden.

Viel Altes, wenig Modernes

Die Berge sind dünn besiedelt: ein paar kleine Städtchen, einige Dörfer, wenige einsame Höfe und Hütten, viel Altes, wenig Modernes. Zwischen den Siedlungen liegen Felder, Weiden und Hänge mit Weinpflanzungen. Bis vor 20 Jahren waren hier noch Wölfe und Luchse zuhause. Die Sterne sind hier in den Nächten seltsam klar wie kaum irgendwo sonst in Europa.

Jorge Lima wurde vor gut 50 Jahren in der Serra da Estrela geboren - im Freien. Seine Eltern waren Schäfer, zogen Monate durch die Berge, ehe sie zurück ins Dorf kamen. Auch er wurde zunächst Schäfer. Aber dann hatte er einen Bürojob in Lissabon. Nun ist er wieder Schäfer, zurück in der Serra. Er stützt sich auf seinen Hirtenstab und ruft seinem Cão-Hütehund Mandela schnell ein Kommando zu. "Schäfer zu sein, ist eine freiwillige Entscheidung. Und es ist keine Sackgasse."

Warum er es ein zweites Mal geworden ist? Die Antwort kommt blitzschnell, dazu macht er eine Geste, als wollte er die umliegenden Hügel mit seinen Armen umfassen: "Wegen dieser Landschaft. Der Ruhe. Dem Frieden. Der Weite. Weil du hier Zeit hast, deinen Gedanken nachzugehen."

Alleine fühlt er sich nicht. "Wer mit Tieren interagiert, ist nie einsam. Wer mit der Natur kommuniziert, ist nicht alleine", sagt Lima. Dabei ruckelt er mit den Schultern seinen schweren, braunen Umhang aus Burel-Wolle zurecht. Der 51-Jährige ist für 300 Schafe und 50 Ziegen der Farm Madre de Agua zuständig. Damals, als er klein war, zogen seine Eltern mit Tausenden Tieren durch die Berge.

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Die Milch der Schafe hier, sagen die Einheimischen, ist das Öl der Serra, ihr ganzer Reichtum. Sie gilt als besonders aromatisch, nichts wird zugefüttert, die Tiere ernähren sich einzig von Kräutern und Gräsern. Der Käse, der daraus hergestellt und dem das Gewürz aus einer Diestelpflanze zugegeben wird, exportieren die Portugiesen bis in die ehemalige Kolonien Angola oder Brasilien.

Ein Kilo Käse kostet 30 bis 40 Euro. "Kein Wunder", sagt Elio Silva und lacht, "schließlich ist es der beste Käse der Welt." Er muss das sagen - schließlich stellt er ihn her: in seiner winzigen Käserei Quinta da Cerdeira in den Bergen bei Seia, von Hand gemeinsam mit seiner Schwester und zwei weiteren Helfern.

Zum Export bleibt Silva wenig - fast alles verkauft er direkt an der Ladentür an Einheimische. Herzhaft ist der Käse, je nach Lagerzeit fast sogar bitter-würzig. Er schmeckt nach Schaf, nach Gebirge - und wenn man nur lange genug nachschmeckt auch nach Weite, nach Raureif und Sonnenstrahlen. Für viele Auswanderer in den ehemaligen Kolonien ist er deshalb zu einer Art Heimatbegriff geworden. Und wer ihn wie die Einheimischen essen will, schneidet den Laib in der Mitte kreuzförmig auf und löffelt oder streicht den noch dickflüssigen Käse heraus.

Vom Käse zum Weber

Es war dieser Käse, der João Tomás vor 15 Jahren in die Region zog. Ursprünglich kam er in den Ferien aus Lissabon zum Wandern. "Und zum Sternepflücken", sagt er. Dann hat er seinen Juristenjob bei einer Bank gekündigt, ist in diese Berge gezogen und hat ein über 100 Jahre altes Häuschen in Penhas Douradas auf 1500 Metern Höhe renoviert. Inzwischen hat er ein Hotel daraus gemacht.

Sein nächstes Projekt war eine stillgelegte Weberei im Nachbarort. Er hat ihr wieder Leben eingehaucht, alte Webmaschinen geschrubbt, geölt und wieder in Betrieb genommen. Und so ein paar Jobs geschaffen. Nun stellt er dort im traditionellen Verfahren extrem dicht gewebte, wetterbeständige Wollsachen her - die Umhänge der Schäfer zum Beispiel, aber auch Schals, Teppiche, sogar Wandbespannungen. "Es muss doch möglich sein", hat er damals gesagt, "die Traditionen dieser Gegend in eine neue Zeit zu retten."

Es ist möglich. Mit Erfolg. Gerade hat er einen Burel-Shop in Lissabon eröffnet. Es gibt etwas, das kann er dort nicht verkaufen: "Diese Weite, diesen Himmel, diese Morgene mit dem Raureif, dieses Knirschen unter den Schuhen." Weil all das in keine Einkaufstüte passt.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
bikerrolf 30.03.2015
1. Mit einer Karte
wäre der schöne Artikel doppelt interessant.
ulli7 30.03.2015
2. Serra da Estrela liegt östlich von Coimbra
Die Karte ist unter dem Spiegel Online Artikel angehängt. Ein Klick auf "Karte zeigen" genügt. Ohne gute portugiesische Sprachkenntnisse sollte man diese Gegend nicht bereisen und vor allem nicht bewandern. Im Übrigen gibt es in Europa interessantere Landschaften, die aufgrund einer ausreichenden Infrastruktur erheblich besser für Wanderer geeignet sind.
alyeska 30.03.2015
3. Ohne Sprache kein Wandern?
Was für ein Blödsinn manche schreiben ist schon fast nicht zu glauben. Schöner Artikel einer grossartigen Landschaft.
FlameDance 30.03.2015
4. Einige meiner schönsten Fotos ...
... habe ich in der Serra da Estrela geschossen. Riesige Findlinge inmitten (im Mai) buchstäblich blühender Landschaften. Wunderschön! Zum Wandern mögen die Strecken etwas weit sein, es ist wenig Infrastruktur - aber das ist ja gerade das Schöne, zumindest aus Sicht eines Motorradfahrers mit Zelt. Allerdings: Man sollte sich auf Schotter wohl fühlen, will man viel sehen. Strukturschwach eben.
boscoverde 30.03.2015
5. Schon der Eingangssatz..
"Nirgendwo sind die Sterne in Portugal so nahe wie in der Serra da Estrela, dem höchsten Gebirge." stimmt weder geographisch noch topographische. Es wäre schön, wenn sich der/die Verfasser mit dieser unserer kleinen Weltkugel ein wenig auskennen würden. Empfehlenswerte Wanderroute inkl. größerer Annäherung Richtung Sterne existieren auf und rund um den Mount Pico (2'351m) auf der gleichnamigen Azoren Insel. Ungeachtet dessen ist doch jede noch halbwegs naturbelassene Gegend schön bis atemberaubend. Insbesondere für Wanderer. So auch Serra da Estrela.
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