Skiberg Titlis in der Schweiz: Abenteuer Pulverschnee

Von Tim Tolsdorff

Enorme Schneemengen, spektakuläre Hänge: Freerider pilgern in Scharen zum Titlis in der Zentralschweiz. Sie lieben die sensationelle Laub-Abfahrt - trotz Lawinengefahr.

Titlis: Am Fels der Freerider Fotos
Engelberg-Titlis Tourismus

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Die jungen Wilden sind sesshaft geworden: Seit drei Jahren betreiben die Schweden Eric Spongberg und Niklas Möller die Ski Lodge, ein gemütliches Hotel mitten im Schweizer Wintersportort Engelberg. "Wir sind Ende der Neunziger durch Skifilme auf die Region aufmerksam geworden", erinnert sich Spongberg. Damals zogen die beiden noch als moderne Nomaden durch die Alpen, reisten dem besten Schnee nach und hielten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Drei Winter hintereinander verbrachten sie in dem Hochtal nahe Luzern, nahmen in dieser Zeit alle Hänge der Umgebung unter die Bretter. Bis dato war der Ort vor allem als traditionelle Schweizer Winterfrische für Familien bekannt, mit altehrwürdigen Kurhotels, urigen Almhütten, einer Skisprungschanze und einem 800 Jahre alten Benediktinerkloster.

Zeitgleich mit den beiden Schweden pilgerten nun viele neue Jünger nach Engelberg - die Jünger des Pulverschnees. Bunt gewandete Gestalten stapften durch die Gassen, Extremskifahrer wie Kaj Zackrisson, die wilde Rastamähne wahlweise gebändigt durch Strickmützen oder futuristische Helme, in der Hand die überbreiten Geländeskier.

Sie verdienten sich erste Lorbeeren bei den neu entstehenden "Big Mountain Contests", wo die Teilnehmer haarsträubende Bergflanken auf möglichst spektakuläre Weise zu bewältigen haben. Für Wettbewerbe dieser Art erwies sich der Titlis als perfekter Berg. Auf die Avantgarde folgte der Mainstream, und mittlerweile gilt der Dreitausender als Freeride-Mekka, auf Augenhöhe mit Chamonix oder dem Arlberg.

Lieblingsziel Laub-Abfahrt

Zwei Faktoren zeichnen den 3200 Meter hohen Bergriesen aus: die gewaltigen Dimensionen des Geländes und seine Schneesicherheit. "In dieser Saison haben wir bislang 622 Zentimeter gemessen", sagt Spongberg. "Meine Schwester wohnt im Engadin. Da haben sie stets nur halb so viel Schnee wie wir."

Die Topografie des Titlis scheint ein skiverrückter Gott geschaffen zu haben. Während die Südflanke des Berges fast ausschließlich aus steil abfallenden Felswänden besteht, finden sich auf der Nordflanke gleich mehrere Hänge, die es locker mit alpinen Klassikern wie der Albona am Arlberg oder den Hängen über La Grave in Frankreich aufnehmen können.

Einer davon ist die Laub-Abfahrt. Sie ist an Tagen mit Neuschnee das erste Ziel jener mit Rückenprotektoren und Lawinen-Airbags ausgerüsteten Meute, die sich frühmorgens an der Talstation zusammenrottet. Zu erreichen ist die Laub ohne mühsame Aufstiege, es reicht aus, von der rot markierten Piste 4 am Rindertitlis-Lift nach rechts abzubiegen, bis hinter einer Geländekante der gigantische Hang abkippt: 1100 Höhenmeter freies Gelände auf einer Breite von mehreren Fußballfeldern, durchzogen lediglich von ein wenig Buschwerk.

Wenige Stunden nach Liftstart finden sich viele Spuren im Schnee: die runden Schwungbäuche der Snowboarder, die langen raumgreifenden Turns der Freerider auf ihren breiten Brettern und - immer seltener - die feingeflochtenen Zöpfe jener Skiläufer, die noch im alten Stil den Berg hinabwedeln. Egal wie sie runterkommen, am Gasthaus Gerschnialp treffen sie sich alle auf der Sonnenterrasse.

Lawinengefahr am Hang

Doch die Laub hat ihre Tücken. Die Neigung der hochalpinen Spielwiese von 35 bis 43 Grad ermöglicht zwar kraftsparendes Dahingleiten im Tiefschnee, die Gefahr von Schneebrettern ist aber manchmal hoch. Erst im Dezember 2012 ging eine 300 Meter breite Lawine im Bereich Laub nieder und riss elf Freerider mit sich - glücklicherweise kam niemand ums Leben, zwei Personen wurden verletzt. Unter den Mitgerissenen befanden sich auch mehrere Schweden. "Die Skandinavier haben aus meiner Sicht ein höheres Risiko zu verunglücken, weil sie derart hochalpines Gelände aus ihrer Heimat nicht kennen", sagt Eric Spongberg.

Die Idee zur Eröffnung der Ski Lodge kam Eric Spongberg und Niklas Möller 2008, als sie davon hörten, dass zwei alte Häuser in Engelberg zum Verkauf standen. Die ehemaligen Ski-Weltreisenden waren längst in geordneten Verhältnissen gelandet, hatten nach dem Studium die Funktionskleidung gegen feinen Zwirn, die Weite der Berge gegen die Enge von Großstadtbüros getauscht.

Doch der Traum vom unabhängigen Leben in den Alpen hatte sie nie losgelassen, und so kehrten sie zurück in den Schatten des Titlis. Sie legten ihr Geld zusammen und eröffneten 2009 nach aufwendigen Renovierungen das Hotel.

Spongberg und Möller wollten einen Anlaufpunkt für Freerider schaffen, die ihre wilden Jahre hinter sich haben und einen Tag im Gelände mit gutem Wein und einem Sprung in den Whirlpool beschließen wollen. Die Bar der Ski Lodge ist heute ein Treffpunkt für Freerider aus aller Welt.

Letzte Rettung "Götterquerung"

Viele von ihnen nehmen sich den Galtiberg vor, den verborgenen Schatz am Titlis. Dafür wird die Begleitung eines Bergführers empfohlen, auf eigene Faust treiben sich hier nur Cracks wie Frederic Füssenich herum. Für den Kurdirektor von Engelberg gehört das Befahren des Galtibergs quasi zur Familientradition. Es war sein Onkel Geny Hess, der kurz nach der Erschließung des Titlis per Seilbahn gegen Ende der sechziger Jahre erstmals die Variante am Galtiberg befuhr. Ruft man Füssenich in seinem Engelberger Büro an, so vermeldet er schon mal triumphierend: "Letztes Wochenende war ich wieder als Erster im Hang."

Ein Ortstermin beweist, dass Füssenich sich am Galtiberg auskennt wie in seiner Skijackentasche: Zielsicher verlässt er auf dem Gletscher die Piste, schert nach rechts aus und zieht seine Schwünge über kupiertes, stetig steiler werdendes Gelände talwärts. In der Mitte des Galtibergs weist Füssenich auf die Schlüsselstelle der Abfahrt hin: Wer weiter der Falllinie folgt, landet in einer engen, felsdurchsetzten Schlucht, wo Lawinen zu meterhohen Monstern aus gepresstem Schnee komprimiert werden können.

Quasi als Notausgang fungiert daher der "Götterquergang", benannt nach einer Passage in der Eigernordwand. Die Traverse über einen exponierten Steilhang führt geradewegs in den unteren Teil des Galtibergs, einen Traum aus makellosen, terrassenartig abfallenden Pulverschneehängen. Darüber türmen sich gewaltige, teilweise überhängende Felswände auf.

Erst nach über 2000 Höhenmetern findet die Galtiberg-Variante an der Talstation der Fürenalp-Seilbahn ihr Ende. Von dort ist ein Taxi das Mittel der Wahl, um zurück zur Talstation der Titlis-Bahn zu gelangen - und zur nächsten Variante am Fels der Freerider.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Super Bericht!
badner18 04.03.2013
Dass Skifahrer immer seltener werden ist mir aber neu. Im Gegenteil: Die Zahl Snowboarder geht seit Jahren zurück, auch im Freeride Bereich. Viele Wechseln sogar vom Snowboard zuück auf zwei Bretter, mit denen sich einfach mehr anstellen lässt.
2. Die meisten Schneebilder
nocreditoexperto 04.03.2013
sind nicht vom Titlis sondern vom Hahnen und vom Rigidalstock, die direkt östlich bz nördlich von Engelberg sind. Bild 6 zeigt die Laubabfahrt - 1200 Höhenmeter Abfahrt mit einer gleichmäßigen Neigung - absolute Spitze und die Einfahrt in den Hang erreicht man mittels Schlepplift. Bild 7 Galtiberg ist 1,5 km nördlich vom Titlis und echtes Labyrinth für den Freerider. Bild 8 ist gegenüber vom Titlis: Skigebiet Staffelberg. Wer es weniger extrem abseits der Pist mag ist in Andermatt besser aufgehoben. Vom Gemstock - mit der Seilbahn direkt erreichbar- kann er unter drei tollen Variantenabfahrten wählen.
3. Richtig g...
cghuebner 04.03.2013
ist die Abfahrt den Steinberg runter zum Trübsee. Im oberen Bereich muss man auf dem Gletscher sehr vorsichtig sein. Aber dann kommt jeder, der die Kombination aus Gefälle und Tiefschnee liebt, voll auf seine/ihre Kosten.
4. sempach1386
arnoldwinkelried 06.03.2013
Jawol, genau das wollen alle lesen. Wie geil es in Engelbeg ist! Da kommen sie in Scharen aus dem Flachland in die Berge zum powdern. Das beste Material dabei, aber nicht im Stande es auch richtig einzusetzen. Das einzige was sie wissen ist wie der ABS ausgelöst werden soll. Der Rest ist ja egal. Keine Ahnung über das Wetter, die Wetterentwicklung und vorallem über den Aufbau der Schneedecke. Die hauptsache ist dass man möglichst der erste am Berg ist. Die wohl vernünftigen Fahrer, welche 1 m Neuschne im steilen Nordhang erst etwas setzten lassen wollen, könnend dann anstelle des Laubhanges die Laubpiste fahren!! Und wenn was passiert dann weiss man ja, die Bergrettung funktioniert prima. In Engelberg hat die schweizerische Rettungsflugwacht den Übername "Schwedentaxi" bekommen weil die Deppen den Berg runterfahren bis sie nicht mehr vor und zurück können. Das Handy funktioniert ja und die REGA kommt einem holen. Als einziger Wehrmutstrofen gilt dann halt dass man das "Taxi" aus der eigenen Tasche bezahlen muss, aber das scheint bei den reichen Flachländer keine Rolle zu spielen. Dass durch solche Flüge wirklich verunfallte Personen lange auf einen Hubschrauber warten müssen intressiert ja sonst niemand. Vernunft scheint in den nördlchen Breitengraden nicht zu existeren, der Spass geht vor. Als neuste Variante laufen die Möchtegernalpinisten mit ihren Skier auf dem Buckel in der Aufstiegsspur von Tourengäner nach umauch diese Hänge noch mit ihren Snowboardänlichen Skiern zu befahren. Ich ärgere mich über solche Berichte, dies ist der Magnet für noch mehr möchtegern Bergleute und von solchen haben wir die Schnauze nun echt voll! Das sind nicht die Touristen die wir brauchen, das sind sie definitv nicht! Ich wünsche mir dass das endlich mal aufhört und auch wieder ein bischen Ruhe am Berg einkehrt. Als alter Kämpfer der Eidgenossen heisse ich alle wikommen in unserem Land, aber bitte habt auch ein bischen Anstand und tragt Sorge zur Natur. Respektiert auch Wildschutzgebiete und haltet euch an den Ehrencodex!!
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