Skifahren im Zillertal: Harakiri am Hang

Die 78 Prozent Gefälle sind nichts für Angsthasen: Die steilste Piste Österreichs wartet im Zillertal auf Adrenalin-Junkies. Auch Après-Ski-Fans kommen in dem Tiroler Wintersportgebiet auf ihre Kosten -  ältere Stammgäste sind von dieser Entwicklung wenig begeistert.

Zillertal: Die steilste Piste Österreichs Fotos
TMN

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Mayrhofen/Kaltenbach - Mit der ersten Gondel lässt der Wintersportler den dichten Nebel des Tals hinter sich. Imposant recken sich das Öfelerjoch und der Gedrechter auf über 2300 Metern dem tiefblauen Himmel entgegen. Man blinzelt in die gleißende Sonne. Die frisch präparierten Pisten des Hochzillertaler Skigebiets fühlen sich gut an unter den Brettern. Die ersten Schwünge des Jahres sind die schönsten.

Das Zillertal liegt in Tirol, umringt 55 Dreitausender. Wer die Menschen hier kennenlernt, hat den Eindruck, dass harte Arbeit glücklich machen kann. Der Weg zum Wintersportziel war lang und wäre ohne die engagierten Einwohner kaum geschafft worden. Menschen wie der Zillertaler Hans Kammerlander prägen ein Tal, das bis in die achtziger Jahre hinein hauptsächlich von Landwirtschaft und Sommertourismus lebte. Der 84-Jährige war fast 20 Jahre lang Bürgermeister der 800-Seelen-Gemeinde Gerlos und baute dort einen der ersten Skilifte.

Sechs Skigebiete mit 94 Kilometern schwarzen, 398 Kilometern roten und 175 Kilometern blauen Abfahrten erwarten die Winterurlauber heute. Sie haben die Wahl zwischen Fügen und Hochfügen, dem Hochzillertal, der Zillertal Arena, Penken und Ahorn sowie dem Gebiet rund um den Hintertuxer Gletscher. Breite Abfahrten mit Rundum-Panoramablick für Familien und Anfänger wechseln sich mit steilen und engen Passagen ab, die auch geübten Fahrern den Schweiß auf die Stirn treiben. In einer Urlaubswoche ist das Zillertal kaum ganz zu erkunden.

Hans Kammerlander und die Zillertaler fingen vor vielen Jahren klein an. Der spätere Bürgermeister schuf aus dem elterlichen Hof zwei Hotelbetriebe mit mehr als 300 Betten, die heute seine Söhne führen. "In den dreißiger Jahren gab es fließendes Wasser und Toiletten nur auf dem Flur", erzählt er. Die Leute reisten zu Fuß oder mit Pferden über schmale Schotterwege an. Es waren überwiegend Wanderer aus Deutschland, und sie kamen fast ausschließlich im Sommer.

Dass sich der Wintertourismus durchsetzte, verdankt das Tal auch der berühmten Olympioniken-Familie Spieß. Die ehemalige Skirennläuferin und zweimalige Bronzemedaillengewinnerin Erika "Riki" Mahringer und ihr Ehemann, der Skirennläufer Ernst Spieß, gründeten in den fünfziger Jahren die Skischule Mayrhofen und den ersten Skikindergarten der Welt.

1967 baute Hans Kammerlander, damals Vizebürgermeister, den ersten Doppelsessellift am Isskogel im Gerlostal. "Wir wollten zum Skifahren halt bequemer den Berg hochkommen." Kurz darauf folgten andere seinem Beispiel und erbauten Skilifte in Zell am Ziller und in Kaltenbach. Aber erst ab den achtziger Jahren besuchten immer mehr Urlauber in den Wintermonaten das Zillertal.

Paradies für Freerider

Heutzutage bringen 172 Lifte die Sportler den Berg hinauf. Viele von ihnen fahren am liebsten abseits der Piste wieder hinunter. Das Freeriden entwickelte sich in den vergangenen Jahren zum großen Trend. Für Freerider sei das Skigebiet Hochfügen perfekt, sagt Ski- und Bergführer Georg Fankhauser. Wer mit dem Wedelexpress am Gipfel ankommt, wird mit grandiosen Ausblicken auf das Tiefschneegebiet belohnt. Mit kräftigen Schwüngen geht es durch Puderzucker-Schnee hinab ins Tal.

Freerider finden auch am Isskogel unberührte Tiefschneehänge. Von der Station geht es den breiten Bergrücken parallel zum Sessellift hinauf, bis sich das Gipfelkreuz imposant vor einem aufbaut. Die Hänge führen in lichte Wälder, vorbei an der Krummbachrast hinab ins Tal. Für weniger Wagemutige gibt es rund 166 Pistenkilometer.

Von der Gerlosplatte am Rand der Zillertal Arena und rund um Königsleiten laden blaue Pisten zum Carven ein - Familien und Anfänger fahren hier entspannt ab. Die Augen der Kinder leuchten, wenn sie in ihren knallgelben oder pinken Leibchen als "Liftkäfer" und "Skizwerg" im Pflug die Pisten hinabrutschen.

Wer statt Muße und Beschaulichkeit Spaß und Party sucht, ist im Skigebiet Penken bei Mayrhofen gut aufgehoben. "Mayrhofen ist das moderne Zillertal, hier treffen sich die jungen Hippen", sagt der Skiguide.

Bunte Leuchtreklamen weisen den Weg - "Après-Ski hier" werben rote Lettern an den Häuserfronten. Englische, holländische und polnische Wortfetzen dringen ins Ohr, während alles auf die Gondel wartet. Es ist laut und voll. Die Mayrhofener Bergbahnen befördern laut eigenen Angaben mehr als 40.000 Wintersportler pro Stunde den Berg hinauf.

Angsteinflößende Abfahrt

Weil das Skigebiet Penken sowohl von Mayrhofen als auch von Hippach und Finkenberg angefahren werden kann, sind die Pisten entsprechend voll. Trotzdem findet jeder Platz, um seine Spuren im Schnee zu ziehen. Die "Harakiri" ist mit 78 Prozent Gefälle die steilste Piste Österreichs und lässt selbst die Knie routinierter Wintersportler weich werden. Snowboarder und Freeskier toben sich im Vans Penken Funpark aus.

Auf dem Ahorn - ebenfalls von Mayrhofen erreichbar - geht es gemütlicher zu. Wer hier über die breiten Pisten fährt, spürt, warum dieser Berg "Genießerberg" genannt wird. In der Ahornhütte der Familie Spieß schnuppert man bei Kaiserschmarrn und Currywurst ein bisschen Olympialuft.

Wer noch höher hinaus will, fährt ins Gletschergebiet Hintertux. Die gewundenen Passstraßen scheinen nicht aufhören zu wollen, der Olperer mit seinen 3476 Metern zieht die Blicke in seinen Bann. Mit Liften geht es zunächst hinauf auf rund 2400 Meter. Die Westseite der Frauenwand glitzert in der Sonne. Die Spitze des Olperer hingegen verschwindet nach und nach im Nebel. Trotz blauer Pistenmarkierungen brauchen Skifahrer in diesem Gebiet ein wenig Übung.

Moderner Wintertourismus und alte Traditionen scheinen sich im Zillertal nicht auszuschließen. Es sei ein Tal mit viel Landwirtschaft geblieben, sagt Hans Kammerlander, der ehemalige Bürgermeister. Im Sommer wandere man dort, wo im Winter das Skigebiet liegt, über malerische Almen, auf denen Vieh grast. "Der Tourismus hat uns eigentlich nur Wohlstand gebracht", sagt Kammerlander. Ein Nachteil sei nur die Umweltbelastung durch die Autos. "Und die älteren Stammgäste sagen, es ist nicht mehr so gemütlich, wie es einmal war."

Marina Leunig, dpa

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