Heliskiing in Österreich: Dekadenz im Schnee

Von Tim Tolsdorff

Hubschrauber statt Schlepplift: In Österreich ist Heliskiing an zwei Bergen in Vorarlberg erlaubt. Der Transport mit dem Helikopter ist teuer für die Gäste - und eine Belastung für die Natur.

Österreich: Hubschrauber statt Schlepplift Fotos
Wucher Helicopter / Huber-Images

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Show muss sein: Der Pilot lässt den Helikopter knapp über die 2106 Meter hoch gelegene Balmenalp im Skirevier von Lech jagen, zum Greifen nahe rauscht der Bartresen mit den weißen Champagnerflaschen unter den Kufen vorbei. Ein sanftes Ziehen am Steuerknüppel, und schon röhrt die Maschine in die Höhe - nur um hinter dem nächsten Grat abzukippen. Jetzt fehlt nur noch Wagners "Walkürenritt" als Soundtrack: Wie ein Sturzkampfbomber rast der Heli in die Tiefe, sekundenlang herrscht im Innenraum ein Gefühl von Schwerelosigkeit. Ein Looping in der Achterbahn ist nichts dagegen.

Wenige Augenblicke später setzt die Maschine sanft auf einer Kuppe im Schneetäli auf, einem knapp 2450 Meter hoch gelegenen Geländekessel unter den schroff aufragenden Felswänden der Braunarlspitze. Die vier Passagiere steigen zügig aus und kauern sich in den Schnee, während der Bergführer auf der anderen Seite der Maschine die Bretter auslädt. Dann hüllen die Rotoren den Pulk in eine Schneewolke, der Heli hebt ab und ist augenblicklich im Tal verschwunden. Die plötzliche Stille und das Glitzern der aufgewirbelten Kristalle im Licht der Morgensonne sorgen für einen magischen Moment. Jetzt liegt es an Guide Erhard Wallner, seine Kunden zu den besten Hängen zu führen.

Heliskiing wird auch in Lech am Arlberg seinem Image als dekadenteste Form des Schneesports gerecht. Der Trip mit dem Tragflügler ist eher nichts für Studenten oder finanziell klamme Skifahrer: Zwischen 390 und 410 Euro kostet ein Einzelflug für drei Personen plus Bergführer. Es gibt allerdings viele Tiefschnee-Fans, die für das Vergnügen die Preise für gerechtfertigt halten.

Für sie stellt das Heliskiing eine Art Königsdisziplin dar, die man zumindest einmal im Leben absolviert haben sollte, da nur mit dem Fluggerät abgelegene und unberührte Tiefschnee-Spots in schneller Folge zu erreichen sind. Zumindest trifft dies für Regionen wie Kanada zu, wo einzelne Unternehmen Areale von der Größe des Saarlandes anfliegen. In Lech am Arlberg teilen sich Fluggäste die beiden Berge Mehlsack und Schneetäli mit den vielen Tourengehern.

Fliegende Rolls-Royce

Allerdings nicht an diesem Morgen, denn die Heli-Truppe ist so zeitig am Berg, dass das Fußvolk keine Chance hat. Auf dem Programm, so stimmt Erhard Wallner seine Schützlinge beim Funktionstest der Verschüttetensuchgeräte ein, stehe kein Tiefschnee, sondern feinster Firn. Zu lange lägen die letzten Schneefälle zurück, als dass sich hier oben noch unberührter Pulverschnee gehalten hätte.

Die Alternative ist nicht minder reizvoll: Wie jeder Bergführer weiß Wallner, drahtig und braun gebrannt, welche Hänge sich wann unter dem Einfluss der Frühlingssonne von eisigen Vorhöllen in butterweich zu befahrende Traumabfahrten wandeln. So schwingen die Freerider nur Augenblicke später über die erste Rampe, auf der die harte Unterlage mit einer wenige Zentimeter dicken Schicht weichen, körnigen Schnees glasiert ist. Skifahren wird hier zum Kinderspiel - und das Heliskiing zum vollkommenen Vergnügen, bei dem die Argumente von Bedenkenträgern blitzartig in Vergessenheit geraten.

Das Schneetäli und der benachbarte Mehlsack sind die letzten Spots in ganz Österreich, die noch für wintersportliche Luftlandemanöver freigegeben sind. Das war einmal anders: Rund 40 Gipfel in Tirol und Vorarlberg wurden einst angeflogen. Der Heli-Boom trug in den sechziger und siebziger Jahren mitunter skurrile Blüten: Hubert Schwärzler, lange Jahre Tourismusdirektor in Lech, kann sich noch gut erinnern, wie der Schah von Persien oder der Großindustrielle Friedrich Karl Flick die umliegenden Berge unsicher machen. "Die hatten ihre privaten Helis vor den Hotels in Zürs stehen wie andere Leute den Rolls-Royce. Die flogen, wann und wo sie wollten", sagt Schwärzler.

In den achtziger Jahren leitete ein gewandeltes Umweltbewusstsein den Niedergang der alpinen Flugshow ein. Die Belastung der Wildtiere durch das Lärmen der Rotoren wurde nun ebenso zum Thema wie die Frage nach der Nachhaltigkeit. Auf Initiative der Grünen setzte man in den Landesparlamenten Verbote durch. Überall? Nein, am Arlberg wehrte man sich hartnäckig gegen die Abschaffung des Heliskiings. Als Kompromiss wurden die Flüge konzessioniert, das Unternehmen Wucher, eigentlich spezialisiert auf Lastentransporte und Rettungsflüge, übernahm von nun an das Geschäft.

Von Traumhang zu Traumhang

Zuletzt wurde die Lizenz im Dezember 2011 um weitere fünf Jahre verlängert. Naturschutzverbände und politische Gegner kritisierten das aus ihrer Sicht intransparente Genehmigungsverfahren und dessen Ausgang. Beschwichtigend schaltete sich der Wildbiologe des Landes Vorarlberg, Hubert Schatz, in die Debatte ein. "Wenn sich Piloten und Sportler an die Auflagen halten und die vorgegebenen Routen geflogen und eingehalten werden, ist das Heliskiing am Arlberg in seiner jetzigen Form vertretbar", sagte Schatz dem Portal "Vorarlberg Online".

Die politische Diskussion kümmert die Schützlinge von Bergführer Wallner bei ihrer Abfahrt nicht wirklich. Hunderte von Höhenmetern führt die Route über offene Firnfelder, das Schwingen über die butterweiche Unterlage steht dem Schweben durch frischen Pulverschnee in nichts nach. Das zufriedene Lächeln in den Gesichtern der Freerider fällt von Traumhang zu Traumhang breiter aus - eine Bestätigung auch für den Guide, der mit seiner Spurwahl verhindert, dass sich die Gäste plötzlich auf ruppigen Eisplatten oder in treibsandartigen Sulzfeldern wiederfinden, von Lawinen ganz zu schweigen.

Heliskiing am Arlberg hat einen anderen Charakter als etwa in den Weiten Kanadas - während sich zahlungskräftige Ski-Gourmets dort wochenlang vergnügen, schätzen die Gäste am Arlberg das Angebot eher als Zugabe. "Die meisten Gäste nehmen das nach einer Woche des Tourengehens oder des klassischen Freeridens als Krönung dazu", sagt Gerhard Huber, der Geschäftsführer des Heliski-Anbieters. Man habe sehr viele Kunden aus der Region.

Gleichzeitig räumt er ein, dass die Zielgruppe für das Heliskiing sicher nicht unter den Gästen der Zwei- oder Drei-Sterne-Häuser zu finden sei. Das gelte aber für Lech und Zürs insgesamt, man müsse hier Luxusprodukte anbieten, um im Konzert der großen Destinationen wie St. Moritz und Zermatt mitspielen zu können.

Nach knapp tausend Höhenmetern schwingt die Gruppe von Erhard Wallner durch lichten Baumbestand, passiert zwei Tourengeher beim Aufstieg und folgt schließlich einem engen Forstweg zum Grund des Zugertales. Unten angekommen, sorgt der Einkehrschwung beim idyllisch gelegenen Gasthaus Älpele für eine kurze Verschnaufpause und die Gelegenheit, die Ereignisse der letzten halben Stunde Revue passieren zu lassen. Das komfortable Vergnügen findet bald ein kräftezehrendes Ende, denn es heißt Anschnallen, um in der kräftigen Mittagssonne mit Stockschüben und Schlittschuhschritten die gut zwei Kilometer zurück nach Zug zu gleiten. In den harten Sesseln des betagten Liftes auf den Balmengrat rattern die Freerider schließlich zurück in die normale Skifahrerwelt.

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