Schweizer Skiort Schatzalp: Langsamkeit und Größenwahn

Von Stéphanie Souron

Mickrige Pisten und ein historisches Prunkhotel: Ein Schweizer Investor kaufte das Skigebiet Schatzalp, um mit seinem "Slow Mountain"-Konzept betuchte Touristen anzulocken. Jetzt bereut er die Investition.

Schatzalp: Entdeckung der Langsamkeit Fotos
schatzalp.ch

Die Welt von Pius App dreht sich in Zeitlupe. Wer auf der Schatzalp in den altmodischen Sessellift steigt, kann ganz in Ruhe Handschuhe und Gedanken sortieren. Die Bergstation liegt nur ein paar hundert Meter oberhalb, aber der Lift bewegt sich so langsam, dass man denken könnte, einer von Apps Mitarbeitern treibe ihn per Handkurbel an. Es ist ein Zweisitzermodell ohne Schlechtwetterhaube und Rollteppich. "Fast schon ein Museumsstück", sagt App und lacht.

Normalerweise protzen Besitzer von Bergbahnen gerne mit blitzschnellen Super-Liften, die bis zu 2000 Menschen pro Stunde auf den Berg gondeln können. Auf der Schatzalp, einem Hügel über Davos, ist das anders: Das kleine Skigebiet ist ausschließlich mit Naturschnee bedeckt, es gibt keine Autos hier oben, keine Parkplätze - nur diesen einen Sessellift und die zwei Schlepper, an deren Seiten sich vier Pisten gemächlich ins Tal wellen. Auf den Hängen ist so wenig los, dass sich manchmal sogar Eichhörnchen darauf verirren.

Raser trifft man selten, die stürzen sich lieber die anspruchsvolleren Hänge am Jakobshorn oder auf der Parsenn hinunter. Und die urige Schweizer Alpenmusik, die häufig aus den Lautsprechern an den Lifthäuschen dudelt, hält auch das Partyvolk von der Schatzalp fern. Dadurch wirkt es auf manche Besucher wie ein Privatskigebiet. "Hier kann man mal wirklich für ein Wochenende runterkommen", sagt Peter Stoll, ein 57-jähriger Schweizer, der an diesem Samstag mit seiner Frau auf der Schatzalp eingecheckt hat.

Bekannt aus dem "Zauberberg"

"Langsamkeit gehört zu unserem Konzept", sagt App und drückt sich aus dem Sofa hoch. Das Sofa steht im Hotel Schatzalp, einem Jugendstilbau direkt am Skigebiet. Das Gebäude, erbaut im Jahr 1900, ist ein ehemaliges Sanatorium mit riesigen Balkonen und einer Sonnenterrasse, von der aus sich praktisch das ganze Tal überblicken lässt. Auf der Schatzalp kurierten früher Tuberkulose-Patienten ihren Husten aus, Thomas Mann erwähnt das Sanatorium mehrfach im "Zauberberg".

Heute nehmen sich in dem Hotel verliebte Paare, gut betuchte Familien und gestresste Manager eine Auszeit von der Hektik ihres Lebens. Die Zimmer haben keinen Fernseher und das urige Radio rauscht so elendig, dass viele Gäste es lieber gar nicht erst anmachen. "Da kommen eh nur schlechte Nachrichten raus", sagt Stoll.

Dafür kann man auf den Gängen noch die original blaugekachelten Brunnen aus dem Sanatorium bewundern, im imposanten Speisesaal mit selbst gemachter Whisky-Marmelade frühstücken oder in der "X-Ray"-Bar, dem ehemaligen Röntgenzimmer, einen Sundowner genießen. Nachmittags gönnt man sich ein Stück Sahnetorte auf der Terrasse, spaziert durch die Winterlandschaft zu den vereisten Quellen - oder fährt ein bisschen Ski. "Slow Mountain" nennt App das Konzept. Wenn man ihn fragt, wie er auf diese, nun ja, zeitlose Idee kam, dann holt er erst mal tief Luft.

Vor zehn Jahren am Rand des Ruins

Pius App, 66, trägt einen Fleece-Pulli und orangefarbene Turnschuhe, um den Hals baumelt eine Lesebrille. Er ist ein charismatischer Mann, der mit Humor und ganz viel Herzblut von seinen Projekten spricht. Sein Vermögen hat App mit seiner Software-Firma und einem Patent auf fälschungssichere Bank-Unterschriften gemacht. Die Schatzalp hat er 2002 gekauft, nachdem der vorherige Besitzer Hotel, Skigebiet und sich selbst an den Rand des Ruins gewirtschaftet hatte. App hat den Verfall aus nächster Nähe mitverfolgt, er wohnt seit den siebziger Jahren unten in Davos.

"Slow Mountain" schien ihm der Weg zu sein, um den Berg fit zu machen fürs 21. Jahrhundert. Vielleicht war es auch einfach das Naheliegendste für einen doch ziemlich verschlafenen Ort. "Langsamkeit passt doch wunderbar in diese Zeit", sagt er. "Jeder ist gestresst und sucht nach Ruhe." Besonders interessant sind für ihn Menschen, die bereit sind, für Ruhe und Langsamkeit mindestens 140 Euro pro Nacht zu bezahlen.

Davos hat noch fünf weitere Skigebiete mit Angeboten für jeden Geschmack: Auf Pischa treffen sich die Freerider, am Jakobshorn die guten Pistenskiläufer, auf Madrisa die Einheimischen und auf Parsenn der ganze Skizirkus. App vergleicht seine mageren elf Pistenkilometer oft mit diesen Big Five. Es wurmt ihn, dass die anderen ihn nicht in ihrem Liftverbund dabeihaben wollen. "Die wollen mir nichts abgeben von ihrem Geld", sagt er trotzig. Der Streit schwelt schon seit Jahren, es ist ein bisschen so, als würden sich ein paar Brüder um einen Kuchenkrümel balgen. Dabei hat App auf seinem Hügel gerade ein viel größeres Problem: Es geht um die Zukunft der Schatzalp, und die bereitet ihm große Sorgen, zeitgemäße Langsamkeit hin oder her.

"Ein Hotel allein trägt sich nicht"

Wie ein Baumstamm ragt der Turm in der Landschaft. Ein Hingucker aus Holz und Metall, 105 Meter hoch, 200 Millionen Franken teuer, entworfen von den Schweizer Stararchitekten Herzog und de Meuron. Seit fast zehn Jahren existiert das Modell des Hochhauses, das direkt neben dem ehemaligen Sanatorium entstehen soll.

Mit dem Verkauf von Wohnungen und Appartments im Bauch des Baumes will App die Sanierung der Schatzalp finanzieren. "Ein Hotel allein trägt sich heute nicht mehr", sagt er. Die Eigentumswohnungen sollen genügend Geld bringen, um dem Hotel Schatzalp einen komplett neuen Anstrich zu verpassen.

App hat sich die Pläne von seinem Turm so oft angeschaut, dass er sie inzwischen auswendig kennt. "Wenn wir die Erlaubnis hätten, könnten wir praktisch morgen loslegen mit dem Bau", sagt er. Doch derzeit sieht es ganz so aus, als würde die Erlaubnis nie erteilt.

Denn ein Schweizer Gesetz verbietet seit Anfang des Jahres den Neubau von Zweitwohnungen in Gemeinden wie Davos, die bereits mehr als 20 Prozent Zweitwohnungsbestand haben.

"Hätte ich das geahnt, hätte ich die Schatzalp damals womöglich lieber einem indischen Investor überlassen", sagt App, es klingt grimmig. Er will diesen Turm unbedingt bauen. Ein Wahrzeichen für Davos und ein Denkmal für ihn.

Dafür will er kämpfen, neun Jahre hat er sich noch Zeit gegeben, erst 2022 will er sich endgültig zur Ruhe setzen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Aber am Nachmittag will er erst mal ein paar Runden mit seinem Sessellift drehen. Damit er nicht vergisst, wie sich Langsamkeit anfühlt.

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