Skurrile Weihnachtsfiguren Das Scheißerchen an der Krippe

Maria und Josef, Ochs und Esulein – so kennen wir die heilige Familie im Stall. Doch in Katalonien stellen die Menschen gern noch andere Gestalten an die Krippe: Figuren mit heruntergelassenen Hosen und in eindeutigen Posen. Sogar Ronaldinho und König Juan Carlos sind darunter.

Von Jens Wiesner, Tarragona


Auf den ersten Blick erscheint die katalanische Krippenlandschaft idyllisch und fromm wie jede andere auch: Im Stall freuen sich Maria und Josef trotz der widrigen Umstände über die Geburt ihres Sohnes, ein Engel verkündet den erstaunten Hirten auf freiem Feld die Geburt eines neuen Messias', von ferne eilen die Könige herbei, um pünktlich am 6. Januar ihre allseits bekannten Geschenke abzuliefern.

Doch dieser Schein trügt: Irgendwo im Gewusel aus unzähligen Menschen-, Tier- und Pflanzenfiguren versteckt sich eine Gestalt, die weder in der Bibel noch in deren Apokryphen zu finden ist: der "caganer" ("Scheißerchen"). Ein Männchen in traditionell-katalanischer Bauerntracht mit heruntergelassenen Hosen und einem braunen Häufchen unter seinem blanken Po. Da verrichtet der kleine Kerl also das natürlichste aller menschlichen Geschäfte und schämt sich nicht einmal, dies nur einen Steinwurf entfernt von jenem Ort zu tun, der die Geburtsstätte einer 2000 Jahre alten Religion werden sollte.

Was uns in Deutschland befremdlich, ja sogar blasphemisch vorkommen mag, hat in Katalonien eine so lange Tradition, dass selbst die spanische Katholische Kirche die Anwesenheit des "caganer" bei der Geburt Jesu stillschweigend toleriert. Nur einmal, im vergangenen Jahr, hatte die Stadtverwaltung von Barcelona beschlossen, den "caganer" als "unangemessen" von der Weihnachtsszenerie auf der über 160 Quadratmeter großen Krippenlandschaft am Plaza Sant Jaume zu verbannen. Wütende Proteste folgten, so dass Bürgermeister Jordi Hereu schon in diesem Jahr die in Ungnade gefallene Figur wieder einführte.

Wo kommt der "caganer" her?

Theorien über den Ursprung des "caganers" gibt es unzählige. Einige Quellen meinen, den ersten Besuch des "Scheißerchens" bis in die Zeit des Barock zurückdatieren zu können. Waren die frühen Krippen, die "pesebres", noch von Königen und Vertretern der adeligen Oberschicht bevölkert gewesen, brach mit dem Barock ein neues Zeitalter an, das eine radikale ästhetische Hinwendung zu Natürlichkeit und Realismus propagierte: Das alltägliche Leben hielt Einzug in die Krippenlandschaften und mit ihm – zumindest in Katalonien – der "caganer".

Einen ganz praktischen Sinn schreibt ihm dagegen der katalanische Folklorist Joan Amades zu: Seiner Ansicht nach lässt sich das Männchen mit den heruntergelassenen Hosen als Sinnbild für den Kreislauf der Natur deuten. Die fruchtbaren Ausscheidungen düngten die Erde und ließen eine gute Ernte für das kommende Jahr erwarten.

Abseits aller Theorien, die eine möglichst einleuchtende Rechtfertigung für die Existenz eines Notdurft verrichtenden Männchens auf der Krippe suchen, steht eines fest: Den "caganer" beim Aufbau der einzelnen Figuren zu verstecken und ihn von Besuchern suchen zu lassen, bereitet vor allem Kindern eine Menge Spaß. "Der 'caganer' war immer meine Lieblingsfigur", sagt die mittlerweile 22-jährige Mercè aus Tarragona, während sie sich auf dem überfüllten Weihnachtsmarkt die neuesten Modelle der hiesigen Figurenschnitzer anschaut. Und ihr Freund Marc erinnert sich mit schalkhaftem Glitzern in seinen Augen, dass er schon als kleiner Junge immer versucht habe, den "caganer" heimlich gegen den Josef auszutauschen – ganz zum Leidwesen seiner Eltern.

Auf dem stillen Örtchen sind alle Menschen gleich

Angesichts dieser Beliebtheit wird es nicht verwundern, dass sich findige Geschäftsleute einen Gefährten für den "caganer" ausgedacht haben: den "pixaner", ein Männchen mit offenem Hosenstall, das den Boden auf seine eigene Weise düngt.

Aber auch der "caganer" hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte einige Veränderungen durchgemacht und eine satirisch-sozialkritische Komponente hinzugewonnen. Neben der klassischen Version mit roter Zipfelmütze ("barretina") und gemütlicher Pfeife im Mund finden sich mittlerweile etliche Varianten auf dem Markt, die nach Persönlichkeiten aus Politik, Sport oder Showbusiness modelliert sind: Barca-Star Ronaldinho, Papst Benedikt XVI., der spanische Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero, Spaniens König Juan Carlos, ja, sogar Osama bin Laden und George W. Bush.

Alle stehen sie da - mit heruntergelassener Hose und blankem Hinterteil, eingefroren in ihren privatesten Momenten, und machen uns auf radikale Weise deutlich: All men are created equal. Egal ob König, Terrorist, Arbeiter oder Prominenter - dann und wann müssen wir alle einmal aufs stille Örtchen. Übrigens ein Drang, dem sich auch Maria und Josef damals vor 2000 Jahren in Bethlehem sicher nicht erwehren konnten.



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