"Slow Fish"-Festival in Genua Ein Herz für Fische

Welcher Fisch darf noch auf den Tisch? Immer mehr Meerestiere landen auf der Roten Liste. Das "Slow Fish"-Festival in Genua will aufklären. Dabei kommt der Genuss nicht zu kurz - Italiens beste Köche lassen sich in der Hafenstadt in die Töpfe schauen.

SRT

Durch die Straßen von Genua zieht der Duft von frischgebackenem Brot, von Focaccia und Farinata. Und immer wieder der von Fisch - aus den Auslagen der Händler, aus den geöffneten Fenstern der Wohnungen und den Küchen der kleinen Lokale. Er darf auf keiner Speisekarte fehlen: roh zubereitet als Carpaccio, in hausgemachte Nudeln gefüllt oder knusprig braun vom Grill.

Hier an der Riviera wird noch ganz klassisch gefischt. Seit jeher stechen die Männer mit ihren hölzernen Booten in See, um die örtlichen Restaurants zu versorgen oder ihren Fang über eine Kooperative zu vermarkten. Männer wie Angelo Ciotoli aus Sestri Levante etwa. Morgens um fünf Uhr schippert der stämmige Ligurier mit seinem sechs Meter langen Boot zum Fischen, später fährt er mit dem Zug zu seinem Weinberg, nachmittags kocht er, abends bewirtet er in seinem kleinen Restaurant Bistromare.

Doch die Welt der kleinen Fischer ist in Gefahr: durch sinkende Fischbestände, Verschmutzung der Meere und verschärfte Regeln der Europäischen Union. Diese Themen stehen alle zwei Jahre im Mittelpunkt von "Slow Fish" - dem wohl politischsten Event der Slow-Food-Bewegung. In diesem Jahr findet die sechste Veranstaltung statt, vom 9. bis zum 12. Mai unter dem Motto "Das Meer gehört allen!", und zum ersten Mal als Open Air im Alten Hafen von Genua. Und zum ersten Mal bei freiem Eintritt, um möglichst viele Besucher für nachhaltige Fischerei zu begeistern - nicht nur durch Zusehen, sondern auch beim Verkosten.

Gefährdete Fischarten in der Auslage

Der Veranstaltungsort, der Porto Antico, ist das Wahrzeichen der ligurischen Hauptstadt, seit Stararchitekt Renzo Piano das einst heruntergekommene Hafenareal in mehreren Etappen umgestaltet hat - vom Kolumbus-Jahr 1992 bis zum Jahr als Europäische Kulturhauptstadt, 2004. Als Erstes fällt der "Bigo" ins Auge, eine Installation mit stählernen weißen Armen und einem gläsernen Fahrstuhl. Daneben steht "Biosfera", eine Glaskugel, in der Besucher in einen künstlichen Regenwald eintauchen.

Die meistbesuchte Attraktion des Alten Hafens ist jedoch das Aquarium mit seinen mehr als 40 Becken. Diese zweitgrößte Institution ihrer Art in Europa zeigt eindrucksvoll, welche Vielfalt sich in den Meeren tummelt. Eine Fülle, die sich in der Gastronomie kaum bemerkbar macht: Es gibt weltweit rund 25.000 Fischarten - hinter den Tresen der Fischhändler beschränkt sich das Angebot meist jedoch auf 20 Arten, darunter gefährdete wie Atlantischer Wildlachs, Schwertfisch, Kabeljau und Roter Thun. Und dies ist nur eines von vielen Problemen, über die "Slow Fish" aufklären möchte.

Ein Höhepunkt des Fischgenießer-Festivals ist ein großer Probiermarkt mit Produkten aus Fisch, Meeresfrüchten und Algen - nachhaltig gewonnen und frei von Konservierungsmittelnstoffen und künstlichen Aromen. Auf Workshops kann man seine Geschmacksnerven trainieren: Wie schmeckt frischer oder konservierter, industriell oder nachhaltig gefangener Fisch? Im Rahmen der Veranstaltung "Fish'n'Chef" kann man mehrmals täglich renommierten Küchenchefs bei der Zubereitung von Fischgerichten zusehen. Ein weiterer Schwerpunkt ist Kindern und Jugendlichen gewidmet.

Makrele gebraten oder mariniert

Wer mag, der darf mit Fischern auf See gehen und sich von ihrer Arbeit erzählen lassen. Zum Beispiel mit Marco Luigi Bazzardi, Präsident der Fischerkooperative von Noli an der ligurischen Küste: "Die Europäische Union nimmt uns unseren Lebensunterhalt", sagt der Mittvierziger und schimpft: "Sie schadet dem Tourismus. Und sie zerstört eine jahrhundertealte Tradition."

Es geht um die "Cicciarelli di Noli", schlanke kleine Makrelen ohne Schuppen, die in großen Schwärmen leben. Den Anchovis ähnlich werden sie gebraten oder mariniert gegessen, eine leckere Spezialität der Region - und Haupteinnahmequelle von rund 20 Fischern. Die Cicciarelli lassen sich nur an der zerklüfteten Küste vor Noli fangen, und nur mit der Technik der "Sciabica", einer Art leichtes Schleppnetz, mit dem zwei Boote zugleich den Schwarm in die Zange nehmen.

Schleppnetze so nah an der Küste verbietet die EU, weil sie das Ökosystem am Meeresboden schädigen sollen. "Es ist eine nachhaltige Methode, die seit dem 16. Jahrhundert eingesetzt wird. Ohne Schaden für den Meeresgrund", entgegnet Bazzardi. Die Fischer bekommen Unterstützung von der Slow-Food-Organisation, wo die Cicciarelli besonderen Schutzstatus erhalten haben. Nun hoffen sie auf ein wissenschaftliches Forschungsprojekt, das die Unbedenklichkeit der Methode beweisen soll.

Oliver Gerhard/srt/abl

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insgesamt 3 Beiträge
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auweia 10.04.2013
1. Verbot industrieller Fischerei
Zitat von sysopSRTWelcher Fisch darf noch auf den Tisch? Immer mehr Meerestiere landen auf der Roten Liste. Das "Slow Fish"-Festival in Genua will aufklären. Dabei kommt der Genuss nicht zur kurz - Ialiens beste Köche lassen sich in der Hafenstadt in die Töpfe schauen. http://www.spiegel.de/reise/europa/slow-fish-festival-in-genua-a-893512.html
Alle Fischerei die nicht von Booten größer als 10 m und/oder mehr als 100 km vom Heimathafen entfernt betrieben wird, sollte verboten werden. DANN erholen sich auch die Fischbestände.
portofinomylove 10.04.2013
2. Slowfish of Slowfood
Absolut empfehlenswertes Happening! Neben allerlei Fisch, seinem Fang und Zubereitung sind auch Weine, Oele etc vertreten (die natürlich auch für die Zubereitung eines Fisches wichtig sind)! Im übrigen ein Grund Ligurien zu besuchen!!
Celegorm 10.04.2013
3.
Zitat von auweiaAlle Fischerei die nicht von Booten größer als 10 m und/oder mehr als 100 km vom Heimathafen entfernt betrieben wird, sollte verboten werden. DANN erholen sich auch die Fischbestände.
Unsinn. Erfolgreiches Fischereimanagement hat nicht wirklich etwas mit Bootsgrössen oder Gebietsbeschränkungen zu tun. Solche Konzepte wurden auch schon ausprobiert und sind meist kläglich gescheitert. Beschränkte Bootslängen werden etwa durch Investitionen in die restlichen Bootsmasse (es gibt Beispiele, in denen die Boote am Ende wie ein Kubus aussahen) oder sonstiges Material kompensiert. Eine Senkung des Fischereidrucks erreicht man damit jedenfalls nicht. Statt platter Hauruck-Lösungen sollte man sich also lieber daran halten, was die Fischereiwissenschaft rät. Entsprechende Konzepte liegen ja längst vor und sind mancherorts ziemlich erfolgreich eingeführt worden. Der Kabeljau etwa ist als Art auch keineswegs gefährdet, sondern dessen wichtigster Bestand in der Barentssee befand sich zuletzt auf einer Rekordgrösse in den letzten hundert Jahren..
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