Tauchen in slowakischer Opalmine "Wie der Mount Everest unter Wasser"

Weit im Osten der Slowakei liegt eines der spannendsten Tauchziele Europas. Höhlentaucher können dort seit Kurzem in eine schillernde Schatzkammer unter Tage vorstoßen, die einst größte Opalmine der Welt.

Martin Strmiska

Von Linus Geschke


Das kalte Licht der Taucherlampen schneidet durch schmale Gänge und über Schienenstränge hinweg. Bis auf die blubbernden Geräusche der ausgestoßenen Atemluft ist es still hier. Totenstill. Die Schatten huschen an den Wänden entlang, als seien es Wesen aus dem Totenreich. Im kristallklaren Wasser reichen die Sichtweiten scheinbar bis ins Unendliche - und dennoch wirkt das Ganze düster, mystisch und geheimnisvoll.

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Opalmine in der Slowakei: Schatzkammer für Taucher

Anders als in einem Kohlebergwerk ist in der einst größten Opalmine der Welt, die Opálové bane in der Ostslowakei, nichts klar strukturiert oder symmetrisch. Die Gänge winden sich wie Gedärme durch den Berg, kreuzen und überlagern sich.

Vertikale Schächte verbinden Ebenen miteinander. Ohne die gespannten Führungsleinen wäre man binnen kürzester Zeit verloren, gefangen in einem Unterwasserlabyrinth, in dem immer noch Loren und Schaufeln stehen, Leitern und Spitzhacken. In dem es wirkt, als würden die Minenarbeiter jeden Moment die Arbeit wieder aufnehmen können.

"Die Opalsuche wurde um 1920 herum eingestellt", erzählt Peter Kubicka, der für den Tauchbetrieb vor Ort verantwortlich ist. "Bis zu 350 Menschen haben damals hier gearbeitet, und den Großteil ihrer Gerätschaften haben sie zurückgelassen." Bis dahin war die Mine über Jahrhunderte berühmt: Der mit 594 Gramm größte Edelopal Europas wurde hier gefunden und liegt seit circa 1672 im Wiener Naturhistorischen Museum. Mit einem weiteren hier entdeckten Opal, dem "Trojanischen Feuer", schmückte sich Kaiserin Josephine - ein Geschenk Napoleons.

Heute verteilen sich die mehr als 22 Kilometer langen Bergschächte der stillgelegten Mine auf 17 Ebenen, von denen die untersten fünf mit Grundwasser gefüllt sind - eine versunkene Welt, die bis in 150 Meter Tiefe führt.

Versteckt im Nirgendwo

Die Opálové bane befindet sich nahe der Gemeinde Cervenica, rund 70 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Es ist ein Ort fernab aller Sehenswürdigkeiten, ohne Attraktionen. 900 Menschen leben hier, es gibt einen kleinen Lebensmittelladen und eine halb zerfallene Bushaltestelle. Wer von hier aus Richtung Norden fährt, stößt nach wenigen Kilometern auf ein Hinweisschild, das zur 1597 erstmals urkundlich erwähnten Mine führt - und auf Autos, aus denen Taucher ihre schweren Gerätschaften laden.

Kubicka ist nicht nur der Verantwortliche vor Ort, sondern auch einer der bekanntesten Höhlentaucher der Slowakei. Jahrelang hat er dafür gekämpft, die mit Wasser gefüllten Schächte mit einer Gesamtlänge von fünf Kilometern für Taucher zugänglich zu machen. Unzählige Behördengänge liegen hinter ihm, Genehmigungen wurden erteilt, widerrufen und neu erteilt. Erst seit zwei Jahren ist das Tauchen dort offiziell erlaubt. "Vorausgesetzt, die Besucher können eine sogenannte Full-Cave-Ausbildung vorweisen", sagt der Taucher.

Vorsicht lautet das oberste Gebot bei den Tauchgängen. "Ich kenne alte Höhlentaucher, und ich kenne risikofreudige Höhlentaucher", sagt Kubicka. "Aber ich kenne keinen alten, risikofreudigen Höhlentaucher." Es ist seine Höhle, zumindest betrachtet er sie so. Also bestimmt auch nur er, wer sich durch seine Erfahrungen qualifiziert, sie zu betreten.

"Der Mount Everest unter Wasser"

Mehr noch als die Hinterlassenschaften der Bergleute sind es die Farben, die die Taucher unter Wasser faszinieren. Die Wände leuchten in Purpur, Orange, Rot und Gelb, und kein Gang gleicht dem anderen. Immer wieder blitzen Opalstücke wie Leuchtsignale auf - ein buntfleckiges, schillerndes Farbenspiel.

"Ich habe weltweit unzählige Höhlen gesehen", sagt Unterwasserfotograf Martin Strmiska, "aber keine, die es mit der Opálové bane aufnehmen könnte. Das ist die Spitze - der Mount Everest unter Wasser!"

Der Höhepunkt des Tauchgangs ist der Hauptminenschaft, der zwei Ebenen miteinander verbindet. Ein Verkehrsknotenpunkt, von dem aus mehrere Schienenstränge in diverse Gänge abzweigen. Das Wasser ist kalt, nur drei bis vier Grad Celsius, und konserviert dadurch das Inventar der Höhle. Durch einen sehr niedrigen pH-Wert fühlt es sich auf der Haut leicht säureartig an, was das Kältegefühl zusätzlich verstärkt.

Hier stoppt Strmiska, positioniert seine Blitze, richtet die Kamera aus. Für Sekundenbruchteile entreißt er so auch Details der Dunkelheit und bannt sie auf den Speicherchip . Immer wieder zucken seine Blitze auf, er bekommt gar nicht genug, bis Kubicka irgendwann zur Umkehr mahnt.

Zurück geht es durch einen Gang, in dem Stalaktiten wie abgenagte Finger von der Decke hängen. Leicht aufgewirbeltes Sediment wirkt wie Frühnebel, dann ein helles Licht am Ende des Tunnels: Der Aufstieg naht. Hinaus aus einer Welt, die einerseits ein versunkenes Industriemuseum ist, andererseits ein Palast der Farben.

"Die Opálové bane ist eine Schatzkammer", sagt Kubicka. "Größtenteils geplündert, aber immer noch wunderschön. Wahrscheinlich reicht ein Taucherleben alleine nicht aus, um sie vollständig mit all ihren Details zu erkunden."

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
aliquando 25.08.2017
1. Falsch recherchiert
Das trojanische Feuer gilt als verschollen. Der größte Opal aus der Mine ist der sogenannte Harlekin. Dieser ist im Wiener Museum ausgestellt. Das Museum wurde erst 1889 eröffnet. Bitte korrigieren Sie den Artikel.
Attila2009 25.08.2017
2.
Schöne Bilder !
InterFelix 25.08.2017
3. #1
Über den Verbleib des "trojanischen Feuers" steht im Artikel nichts. Auch steht dort nicht, dass es der größte Opal aus der Mine sei. Auch die Behauptung, dieses Museum gäbe es erst seit 1890 ist falsch. Es wurde in der heutigen Form im heutigen Gebäude 1889 eröffnet und bestand vorher in Teilen als kaiserliche Schatzkammer. Aus dieser stammt auch der Opal. Da diese vollkommen im neuen naturhistorischen Museum aufgegangen ist, stimmt die Information, der Opal wäre seit 1672 in diesem Museum, schon, auch wenn die Formulierung unglücklich gewählt ist.
mg68 13.09.2017
4. schon speziell
Die tollen Bilder bei mühevoll arrangierter Ausleuchtung suggerieren ja eine wahnsinns Atmosphäre, die einen anfixen könnte...die Realität beim TG mit 1-3 Buddies, reichlich Stages und/oder CCR, Farbspektakel maximal im Lampenspot, samt aufwirbelbarem Sediment, Kälte und sonst absoluter Dunkelheit um die Führungsleinen herum wirkt sicher ganz anders...gut, wenn die Besucher vorher genauestens gecheckt werden. Die Garde von technikbegeisterten Full-Cavern erfährt ja enormen Zulauf. Nun gut, mehr Platz an den Steilwänden und strömungsexponierten DropOffs der Ozeane, die Natur zu bewundern :-)
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