Sommer in Jütland: "Der Limfjord ist mein Ozean"

Von Helge Sobik

Lieblicher die Landschaft, wärmer das Wasser, einsamer die Steilküsten: Der Limfjord in Jütland kann gegenüber der Nordsee durchaus punkten. Mit Vorliebe machen die Dänen selber hier Urlaub - und selbst Hochsee-Kapitäne wollen nie wieder weg.

Limfjord: Ein Meer mitten in Dänemark Fotos
Helge Sobik

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Das Kinderspielzeug wartet in der Sandkiste auf den nächsten Sommerausflug von Bente, Christer, Annika und Rasmus ins Ferienhaus. Die Namen stehen in blauer Farbe auf dem Schild neben der Haustür. Den Nachnamen hat die Familie einfach weggelassen. Er ist unwichtig in Dänemark.

In der Zwischenzeit "gehört" das Haus am Limfjord anderen, die es für ein paar Tage gemietet haben. Sie dürfen Sandkiste und Spielzeug mitbenutzen. Bente, Christer, Annika und Rasmus haben nichts dagegen - auch nicht die Hasen, die aus 30 Meter Abstand zuschauen und neugierig im hohen Gras Männchen machen. Nur die Reiher sind weniger gesellig und verlassen ihre Wachtposten im Schilf eilig, wenn ihnen ausnahmsweise mal jemand zu nahe kommen sollte.

Die Landschaft am Limfjord, der das nördliche Drittel Jütlands vom Süden abtrennt, ist lieblicher als an den Meeren. Windschiefe Knicks zerteilen die endlosen Weiden. Kühe grasen hinter blühendem Flieder. Das Gelb der Wiesenblumen verliert sich im Blau des Sommerhimmels. Sanfte Hügel wechseln sich mit weiten Ebenen ab. Und sogar richtige Berge gibt es ab und zu - für dänische Verhältnisse. Sie sind bis zu 30Meter hoch.

Wellen nagen an der Steilküste

Es war die letzte Eiszeit vor etwa 15.000 Jahren, die die Region modelliert und diesen rund 160 Kilometer langen und bis zu 25 Kilometer breiten Fjord geschaffen hat. In den Wintermonaten kommen die Wellen manchmal, nagen zum Beispiel an der Steilküste bei Spøttrup, holen sich Tannen, nehmen im Sturm mit, was sie bekommen können. Jedes Mal rückt der Limfjord den Ferienhäusern oben auf dem Kliff wieder ein kleines Stückchen näher. Im Sommer gibt er Ruhe, ist meist friedlich wie ein See, spiegelglatt, viel stiller als die nahe Nordsee.

Dänisch ist in den Siedlungen am Fjord anders als in den Ferienorten entlang der Nordseeküste selbst im Hochsommer die meistgesprochene Sprache. Hier machen mit Vorliebe die Dänen selber Urlaub - weil man selten Sand in die Augen gepustet bekommt. Weil das Wasser ein paar Grad wärmer ist als in der Nordsee. Weil vor allem die Steilküstenstrände vergleichsweise einsam sind. Weil die Nebenstraßen schmal, kaum befahren und ideal für Freizeitradler sind.

Die Leute aus Aalborg, Esbjerg und Kopenhagen kommen meist nur an den Wochenenden in ihre Häuser. So lange müssen ihre Ruderboote auf sie warten, liegen hoch auf den Strand gezogen ein paar Dutzend Meter von den Terrassen - oder die Ferienhaus-Mieter benutzen sie mit.

Das Thermometer zeigt 24 Grad, und entlang der Uferstraße werben immer wieder Schilder mit "Kaminholz-Verkauf" - die meisten auf Dänisch, manche auch auf Deutsch. Gebraucht werden könnten die Scheite für die typischen "Bolleröfen" der vielen Ferienhäuser. Schlussverkauf gibt es nicht mal außerhalb der eigentlichen Kaminholz-Saison: kann schließlich sein, dass es morgen nicht wärmer als zwölf oder fünfzehn Grad wird und dass ein paar Leute kurzfristig einen Sack Kaminholz erstehen wollen - alles drin, alles im Bereich des Möglichen im dänischen Sommer.

"Der Limfjord ist mein Ozean"

Linienfähren verbinden die Inseln im Limfjord wie Busse, Vorausbuchung nicht möglich. Wer vorne in der Schlange steht, darf an Bord, wenn die Rampe herunterklappt - so lange, bis das Schiff voll ist. Auf manche dieser auf Dänisch "Limfjordbussen" genannten Schiffe passen nur ein paar Wagen, und jeder Laster kostet wertvolle Kapazität, verlängert die Wartezeit der Autoinsassen am Pier. Andere haben Platz für ein paar Dutzend Fahrzeuge und pendeln alle paar Minuten, die Fähre "Sleipner" zwischen Branden auf dem Festland und Stenøre auf der Fjordinsel Fur zum Beispiel. Gut 70mal pro Werktag kreuzt sie den Sund.

Schon viele tausend Mal ist Villy Svinth mit ihr gefahren. Meistens steht er dabei selbst am Ruder. Der Mann war Kapitän auf Hochseefrachtern, fuhr im Liniendienst zwischen Dänemark und dem Persischen Golf und sattelte vor ein paar Jahren um auf Fährmann: "Ob ich den Ozean vermisse?" Er lacht und ruckelt mit den Schultern das Uniformhemd mit den Schulterklappen zurecht. "Überhaupt nicht. Ich habe ja diesen. Der Limfjord ist jetzt mein Ozean. Ein Meer mitten in Dänemark. Und ich bin jeden Abend zu Hause, statt fast allein auf offener See unterwegs zu sein."

Nach Feierabend fährt Villy mit dem Fahrrad an die Nordküste von Fur, angelt an seinem Lieblingsplatz bei Knuden, fängt dort mit etwas Glück Lachse. Wo er am liebsten leben möchte? "Überall. Hauptsache auf Fur. Und am liebsten mit Blick auf diesen Fjord."

Weniger als hundert Berufsfischer mit etwa 50 Kuttern gibt es auf dem Limfjord noch. Sie fahren bei gutem Wetter am Vormittag heraus, bleiben ein, zwei Nächte auf See. Hauptsächlich fangen sie Scholle, Hering, Aal und seit wenigen Jahren auch wieder Seezunge - ein gutes Zeichen für die Wasserqualität. Oder sie spezialisieren sich auf Muscheln. Tausend Kilo pro Boot und Woche gesteht ihnen die Quotenregelung innerhalb eines begrenzten Zeitraumes zu. Auch Fjord-Austern sind dabei.

Irgendwie nach Fjord

Ob Villy Svinth noch etwas anderes machen, nie woanders zu Hause sein wollte? "Nej!" sagt er. Und noch mal "Nej!". Ein ganz klares "Nein". Die Weite würde im fehlen, das Blau dieses Himmels, das Grau der Wellen, diese Hummer - und insgeheim vielleicht auch die Schnäpse von Birte Ladefoged aus Overviskum. Sie begann vor über 20 Jahren damit, ihre Liköre anzusetzen - erst nur für den Privatgebrauch, dann auch für Freunde. Inzwischen beliefert sie Restaurants, Geschäfte und hat einen eigenen Laden für ihre selbst kreierten Limfjord-Schnäpse.

Basis ist immer 40prozentiger Alkohol. Diese Grundsubstanz veredelt sie mit Kräutern, Früchten, Blüten. Die meisten Ingredienzen stammen aus dem eigenen Garten, manches von den Wiesenrändern am Ufer des Fjords. Ihr Verkaufsschlager ist ein selbst angesetzter Walnuss-Schnaps. "Sehr gesund!", sagt sie, obwohl sie den knallroten Erdbeer-Schnaps vorzieht. Und den besonders milden mit Akazienhonig.

Ihre neueste Entwicklung heißt "Limfjorden" - ein Klarer mit Schlehen- und Holunderblüten und Seetang. Das 35-Centiliter-Fläschchen gibt es für 125 Kronen, umgerechnet knapp 16 Euro. Nichts für Bente, Christer und Co aus der Sandkiste. Aber für die Großen.

Wie der Schnaps schmeckt? Irgendwie dänisch. Nach Weite, Wind, endlosem Himmel über flachem Land, nach klarer Luft. Und irgendwie nach Fjord.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Tja, der Artikel macht Appetit auf Mee(hr)r...
Theodorant 19.05.2011
..auch wenn's von Bayern aus 'ne ganze Ecke weit weg ist...aber schön ist's am Limfjord auf alle Fälle !
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Dänemark-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Ferienhäuser am Limfjord
Neben Marktgrößen wie Novasol (www.novasol.de) und Dansommer (www.dansommer.de) vermitteln auch die lokalen Fremdenverkehrsämter Ferienhäuser in der Limfjord-Region, zum Beispiel Skive-Egne-Turist (www.visitskive.dk).
Der Preis ist abhängig von Größe und Lage des Hauses sowie der Reisezeit. Am teuersten sind die Quartiere von Ende Juni bis einschließlich Ende August. Für ein durchschnittliches Vier- bis Sechs-Personen-Ferienhaus zahlt man in der Nebensaison rund 350 Euro pro Woche, in der Hauptsaison etwa 750 Euro pro Woche.
Visit Denmark, Glockengießerwall 2, 20095 Hamburg, www.visitdenmark.com, speziell über die Limfjord-Region auch unter www.visitnord.dk

Details über die Schnäpse von Birte Ladefoged unter www.viskumsnaps.dk

Karte

Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...