Spanien Die Pfade des "El Cid"

Vor 800 Jahren entstand das Heldenepos über den Ritter "El Cid". Auf einer 2000 Kilometer langen Reiseroute können Touristen jetzt den Wegen des spanischen Nationalhelden folgen – und erfahren dabei, dass dessen Motive zuweilen nicht ohne Fehl und Tadel waren.


Vivar del Cid - Spanien feiert in diesem Jahr die Entstehung des Heldenepos "El Cantar del Mío Cid" vor 800 Jahren. Für Urlauber bietet das einen guten Grund, auf den Spuren des Ritters "El Cid" zu reisen - und ein ihnen oft unbekanntes Spanien zu erkunden.

"Ich soll Ihnen vom Cid erzählen?" Die Augen des Wirtes Javier Alonso leuchten. Zwar hat er die Geschichte des spanischen Ritters Rodrigo Díaz de Vivar (1043-1099), auch "El Cid" genannt, bereits Tausende Male erzählt. Doch er freut sich immer wieder, von dem Ritter berichten zu können. Schnell kramt er einige mittelalterliche Landkarten hervor und breitet auf dem Tisch einen Familienstammbaum des Ritters aus, der bis zur heutigen Königsfamilie Spaniens reicht.

Javier Alonso schaut sich in seinem Restaurant um. Zwischen Gemälden, Schwertern und Ritterrüstungen, fällt sein Blick auf ein altes Schriftstück, das in einem Rahmen an der Wand hängt. "Das ist eine Kopie der ersten Seite des "El Cantar del Mío Cid"", sagt er und beginnt aus der berühmten Heldengeschichte zu zitieren.

Mittelalter-Feste zu Ehren des Raubritters

Bei dem Epos handelt es sich um eine Abschrift des Originals aus dem Jahr 1207. Die Ursprünge der Geschichte vermuten Forscher zwar bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Dennoch feiern acht spanische Provinzen mit Konzerten, mittelalterlichen Festen, Ritterspielen, Theatervorführungen und Ausstellungen noch bis zum Ende des Jahres ihren "Cid" und seine Abenteuer, die er zwischen Burgos und Alicante erlebt hat oder zumindest erlebt haben soll.

"Denn nicht alle Heldengeschichten im Epos haben sich auch wirklich so abgespielt", erklärt Alberto Luque vom "Consorcio del Cid". Die Vereinigung, in der die Regionen Burgos, Soria, Guadalajara, Saragossa, Teruel, Castellón, Valencia und Alicante versammelt sind, hat zum Jubiläumsjahr eine rund 2000 Kilometer lange Reiseroute erarbeitet. Auf dem "Camino del Cid" können Besucher auf den Spuren des Ritters wandeln. Und selbst wenn nicht alle Dörfer vom "Cid" erobert oder betreten wurden, so sind sie dennoch einen Besuch wert.

Das Heldenepos verherrlicht den "Cid" zu Unrecht immer wieder als Verteidiger der Christenheit und Bezwinger der maurischen Besatzer Spaniens. "El Cid war aber kein Ritter ohne Furcht und Tadel wie König Artus oder Richard Löwenherz, sondern ein lange Zeit im Dienste maurischer Fürsten stehender Söldner, der auch christliche Herrscher beraubte", sagt Alberto Luque. "Wie es auch immer gewesen sein mag, eines steht fest: Alles fing hier in Vivar del Cid, dem Geburtsort des Ritters, an", setzt Javier Alonso ein und beginnt zu erzählen.

Der Name "El Cid" stamme aus dem arabischen "as-sayyid" und bedeute so viel wie "der Herr". "El Cid" ist Alonsos Hobby, seine Leidenschaft und sein Geschäft. Dort, wo heute sein Restaurant "El Molino del Cid" ("Die Mühle des Cid") steht, beginnt nicht zufällig die Touristenroute. "Die Mühle gehörte einst dem Cid, dem als Kleinadeliger das Dorf gehörte und damit auch alle Mühlen, die Einnahmequelle aller spanischen Adeligen im Mittelalter."

Schwert und Tränen

Nur wenige Meter vom Restaurant-Museum entfernt liegt das Kloster des Klarissen-Ordens, in dem 1596 die einzige Kopie des Heldenepos' gefunden wurde. Manchmal zeigen die Nonnen Besuchern auch die alte Holztruhe, in der das Exemplar aufbewahrt war. Sie machen es umso lieber, wenn Gäste mit dem Kauf von Selbstgebackenem zum Unterhalt des Klosters beitragen. Das Gebäck hat die Form des "Cid"-Schwertes und von Tränen, die der "Cid" laut der Legende vergossen hat, als Kastiliens König Alfons VI. ihn 1081 verbannte. Das war die Strafe unter anderem für Eroberungszüge in muslimisch besetzten, aber dem König freundlich gestimmten Gebieten. Außerdem hatte der "Cid" zuvor Alfons' Bruder und Rivalen Sancho im Kampf um die Krone unterstützt.

Von Burgos bis Alicante: Die neue Reiseroute "Camino del Cid" führt rund 2000 Kilometer durch Spanien
GMS

Von Burgos bis Alicante: Die neue Reiseroute "Camino del Cid" führt rund 2000 Kilometer durch Spanien

Seine erste Nacht auf dem Weg ins Exil verbrachte der "Cid" in Burgos, einer Stadt, die fest mit der Geschichte des Ritters verbunden ist. Er und seine Gemahlin Jimena liegen heute in der Kathedrale von Burgos begraben. "Doch eigentlich gehören die Gebeine in unser Kloster", sagt Pater Jesús aus dem nur wenige Kilometer entfernten Kloster San Pedro de Cardeña. Dort, wo der "Cid" auf dem Weg ins Exil auch seine Töchter vor Alfons VI. in Sicherheit brachte, war der Leichnam Jahrhunderte lang beigesetzt. Der betagte Mönch zeigt Besuchern die dafür verwendeten Steinsärge. Seine Geschichten über das Gezerre um den Leichnam des heutigen Nationalhelden sind beinahe so interessant wie die Abenteuer des Ritters selber.

Bevor der "Cid" sich als eine Art Raubritter weiter in Richtung Saragossa begab, machte er auf seiner Reise auch in Santo Domingo de Silos Rast. Hier befindet sich eines der schönsten und wichtigsten Klöster Spaniens. Fünf Mal täglich finden sich die Mönche in der Klosterkirche zu ihren Gesängen zusammen, die durch CD-Aufnahmen weltweit bekannt geworden sind.

Der Weg in die Verbannung führte den "Cid" außerdem zu Festungen wie denen in Burgo de Osma oder Gormaz, wo er Unterschlupf fand oder zumindest gefunden haben soll. Heutige Besucher sollten sich diese mittelalterlichen Wehranlagen und Dörfer auf keinen Fall entgehen lassen. Die Kalifen-Festung in Gormaz etwa war einst Schauplatz vieler Schlachten zwischen Christen und Mauren. Trotz ihrer enormen Dimensionen und den weiten Ausblicken auf die kastilische Landschaft sind die Burgen nicht von Touristen überrannt. Oftmals begleiten nur ein paar Schwalben, die in den Burganlagen nisten, die Besucher.



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