Whale Watching vor Andalusien Die alte Frau und das Meer

Nirgendwo in Europa gibt es mehr Wale und Delfine als bei Tarifa an der südspanischen Küste. Eine Schweizerin hat ihr Leben umgekrempelt, um sich ganz ihrem Schutz zu widmen. Dabei unterstützt sie sogar der marokkanische König.

Foundation firmm

Von Caroline Schmidt-Gross


Baby Hook hebt seine runde schwarze Schnauze in die Luft, pustet eine Wasserfontäne aus seinem Atemloch und schwimmt direkt auf das Schiff zu. Kurz bevor der junge Grindwal unter den Bug taucht, dreht er sich noch einmal auf die Seite und sein weißer Bauch ist zu sehen.

Wie auf Kommando heben sich gestreckte Arme in bunten Outdoorjacken in Richtung Steuerbord. Die rund 50 Touristen auf dem Vorderschiff der "firmm spirit" sind begeistert. Auf genau diesen Augenblick haben sie mit ihren Digitalkameras gewartet.

Katharina Heyer steht etwas erhöht im Ausguck des rund 16 Meter langen Motorboots. Der Wind pustet durch ihre schwarzen kurzen Haare. Mit der einen Hand hält sie sich am Geländer fest, mit der anderen das Mikrofon, als sie sagt: "Dass der Babywal seinen Bauch zeigt, ist ein Vertrauensbeweis."

Erst 15 Jahre ist es her, dass die ehemalige Designerin beschloss, die Glitzerwelt der Mode gegen die raue See zwischen den Kontinenten zu tauschen. Inzwischen erkennt Heyer auf ihren Ausfahrten viele der Wale wieder und gibt ihnen Namen, so wie Hook: "Dieser Grindwal hat eine Finne wie ein Haken, daran erkenne ich die ganze Familie", erklärt sie und dreht schon wieder den Kopf, um mit ihren wachen Augen zwischen Horizont und Wellen nach weiteren Meeressäugern zu suchen. Ihr Alter ist der zierlichen Schweizerin nicht anzusehen - sie ist 70 Jahre.

Rund dreimal am Tag finden die Ausflugsfahrten zwischen April und Oktober von Tarifa aus statt. Berühmt war das kleine andalusische Pueblo Blanco schon immer, aber hauptsächlich als Treffpunkt für Windsurfer und Kiter. Wie ein großer Schwarm von Schmetterlingen tanzen dort die Segel über dem Meer und nutzen die idealen Winde und Wellen, die durch das Aufeinandertreffen von warmem Mittelmeer und kaltem Atlantik entstehen.

Schnell muss man sein!

Dieser Umstand sorgt aber nicht nur für einzigartige Bedingungen über, sondern auch unter dem Wasser. Das Nahrungsangebot ist extrem reichhaltig. Deswegen leben in der nur 14 Kilometer breiten Meerenge die größten Populationen von Walen und Delfinen in Europa. Die Wahrscheinlichkeit, die Tiere bei einer Ausfahrt zu treffen, ist deswegen extrem hoch.

Kaum hat die "firmm spirit" den geschützten Hafen von Tarifa verlassen, fängt es mächtig an zu schaukeln. Der junge Bootsmann Pedro Figuera Mesa reicht eine kleine Dose herum: "Möchte jemand Kaugummi gegen die Übelkeit?" Zur Crew gehören außerdem Kapitän Diego Diaz Pinero und der Biologe Jörn Selling.

"Vorsicht, Wasser von vorn", warnt Katharina Heyer abwechselnd in vier Sprachen, damit die Kameras der Passagiere nicht nass werden. Ihr entgeht scheinbar nichts. Als sie einen vier Jahre alten durchgefrorenen Jungen an Bord entdeckt, sagt sie zu Pedro: "Nimm ihn bitte auf deinen Arm, damit er auch mal über die Reling gucken kann."

Plötzlich wird es laut: "Ich sehe den Blas von einem Pottwal!" Katharina Heyer blickt in die Weite des Atlantiks. Der Kapitän schmeißt sofort die Motoren an und gibt Gas. Leider zu spät. "Das Tier war nicht gerade aufgetaucht, sondern auf dem Weg nach unten", erklärt Heyer ein bisschen enttäuscht.

Fährverbindung verhindert

Von der Existenz der Meeressäuger wussten lange Zeit nur die Fischer in Tarifa. Bei ihrer Jagd auf den roten Thunfisch begegneten ihnen sie immer wieder. Als Katharina Heyer 55 Jahre alt war, entdeckte sie die Tiere bei einer Tauchexkursion und erkannte gleichzeitig die Gefahr, denen sie durch die zunehmende Umweltverschmutzung ausgesetzt sind. Sie gab ihren Beruf auf und gründete firmm, die "Foundation for Information and Research on Marine Mammals".

Nach der Bootstour erklärt Heyer im Büro eine der vielen Seekarten an der Wand. "Jede Walsichtung notieren wir hier ganz genau." Zwischen lauter gezeichneten Schlaufen für Strömungen und Untiefen sammeln sich blaue und orangefarbene Punkte vor der Küste Marokkos zu einem bunten Klumpen. Sie geben Auskunft darüber, wann und wo sind welche Tiere aufgetaucht sind. Und ob sie mit dem Boot spielen oder in sicherer Entfernung bleiben.

"Mit den gesammelten Daten haben wir auch schon etwas erreicht", sagt Heyer. Die Stiftung hat vor zwei Jahren die Einrichtung einer neuen Fährverbindung zwischen Tarifa und Tanger verhindert. Sie wäre mitten durch den Lebensraum der meisten Wale und Delfine gegangen.

Um ihr Projekt zu finanzieren, fing Katharina Heyer an, Bootstouren zu organisieren. 45 Minuten bevor es immer losgeht, werden an der Mole vor der firmm-Zentrale kleine türkise Hocker aufgestellt und die neuen Passagiere anhand von Fototafeln über die Lebensbedingungen der beliebten Tiere informiert.

Allein mit 150 Delfinen

Dass die Stiftung bislang fast nur Aufklärung leisten kann, macht Heyer Sorgen: "Ich möchte den Tieren auch direkt helfen, so wie Curro, einem Grindwal." Er hatte eine schwere Rückenverletzung, verursacht durch eine Schiffsschraube. Dieses Frühjahr sei es mit Hilfe eines Kinesiologen gelungen, sein Leiden zu mildern, sagt die Schweizerin.

"Curro kam im März zu unserem Boot geschwommen, und er bewegte sich viel besser. Er hat sich uns extra gezeigt." Heyer wiederholt den letzten Satz mehrmals und streicht sich dabei über ihren Arm. "Ich kriege da eine Gänsehaut. Und seitdem hat sich das Verhältnis der Tiere zu uns verändert. Ich spüre das." Dieses Frühjahr hätten rund 150 Tümmler über sechs Stunden ihr Boot umkreist. Das sei noch nie passiert.

Um noch besser helfen zu können, hat Heyer vor kurzem an der marokkanischen Küste in der Nähe von Tanger eine Bucht gemietet. Sie soll zu einer Pflegestation für kranke Tiere und Tümmler aus Delfinarien sowie zu einem Informationszentrum ausgebaut werden.

Die Pläne sind bis ins kleinste Detail fertig: Pontons, Restaurant, Rettungsstation, Marine-Center. Die Aufgabe sei delikat. "Dieser Landstrich ist auch für Schmuggler interessant", sagt Heyer. Trotzdem hätten ihr Ozeanologen von der Universität Tanger, einige Ministerien und selbst der marokkanische König schon ihre Unterstützung zugesagt.



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
marlene9000 04.06.2013
1. optional
ist eine frau mit 70 schon alt?
Ursprung 04.06.2013
2. Verhaltensstudium
Zitat von sysopFoundation firmmNirgendwo in Europa gibt es mehr Wale und Delfine als bei Tarifa. Eine Schweizerin hat ihr Leben umgekrempelt, um sich ganz ihrem Schutz zu widmen. Dabei unterstützt sie sogar der marokkanische König. http://www.spiegel.de/reise/europa/spanien-whale-watching-mit-katherina-heyer-vor-tarifa-a-903509.html
Das mit der kolportierten Zutraulichkeit zu der Crew eines bestimmten Bootes nach einer erfolgreichen Hilfsbehandlung eines Wales erinnert an die merkwuerdige Beobachtung, dass ein Rudel Wale manchmal japanischen Walfangbooten von sich aus ein Opfertier zu praesentieren versucht. Das Walhirn ist groesser als das des Menschen, histologisch nicht unaehnlich, mit ebenso engen Windungen wie beim Menschen. Heisst: anatomisch waere es zu hoeheren Leistungen faehig als das Hirn des Menschen. Hiesse dann auch, dass Wal das Verhalten des Menscen mehr studiert, als Mensch den Wahl, denn der wird von den meisten nur als Beutetier gesehen.
peterfleischhauer 04.06.2013
3. Anzeigen
für Unternehmen, sollte man auch kennzeichnen und nicht als redaktionellen Beitrag tarnen. Wenn wenigsten irgendwelche Fakten im Artikel wären,...
Andalusier 04.06.2013
4. ja - diese Ansicht ist typisch für Deutsche
Zitat von marlene9000ist eine frau mit 70 schon alt?
... aber wer schon einmal länger in Tarifa gelebt habe wie ich, der weiß, dass es in Tarifa viele Menschen gibt - darunter auch viele Deutsche die mit 80 noch nicht so alt sind wie so mancher in Deutschland lebende Dreißigjährige. Ich kenne einige die mit deutlich über 70 Jahren noch bei 8 - 9 Windstärken und mehreren Meter hohen Wellen Windsurfen gehen. Das sind andere Menschen, als die, die den ganzen Tag im Internet "surfen" und sich den ganzen Tag bei Facebook und Co rum treiben,
aquarelle 04.06.2013
5. Jonah und Ahab wissen es besser
Zitat von UrsprungDas mit der kolportierten Zutraulichkeit zu der Crew eines bestimmten Bootes nach einer erfolgreichen Hilfsbehandlung eines Wales erinnert an die merkwuerdige Beobachtung, dass ein Rudel Wale manchmal japanischen Walfangbooten von sich aus ein Opfertier zu praesentieren versucht. Das Walhirn ist groesser als das des Menschen, histologisch nicht unaehnlich, mit ebenso engen Windungen wie beim Menschen. Heisst: anatomisch waere es zu hoeheren Leistungen faehig als das Hirn des Menschen. Hiesse dann auch, dass Wal das Verhalten des Menscen mehr studiert, als Mensch den Wahl, denn der wird von den meisten nur als Beutetier gesehen.
Wale jagen nicht im "Rudel" sondern wenn schon im Verband oder in einer Schule. Und das Walhirn ist auch nicht per se grösser, auch hier kommt es darauf an, welche Arten Sie betrachten. Das größte Hirn hat noch immer der Pottwal, welches etwa 5 mal so groß ist wie das des Menschen. Und der Wal ist auch kein "Übertier", wie es gern dargestellt wird. Große Tümmler vergewaltigen sich untereinander nicht gerade selten, dies wird jdoch immer verschwiegen, er lächelt ja schliesslich so nett! Zum Artikel: Ich habe die Frau bereits in einem Fernsehbeitrag gesehen und denke schon, dass sie vieles richtig macht. Wichtig ist, dass ihre Touren nachhaltig sind, die Tiere nicht gestört oder bedrängt werden und den Teilnehmern viel über Cetaceen und deren Lebensweise beigebracht wird.
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