Sporaden-Insel Alonissos Langsam, langsam

Entschleunigung ist das Motto - auf der griechischen Insel Alonissos hat Urlaubsstress keine Chance. Statt auf einen Reiseführer kann man sich hier auf seine Sinne verlassen: Thymianduft betört die Nase, die prachtvolle Bougainvillea-Blüte und das türkisblaue Meer verwöhnen die Augen.

TMN

Alonissos muss man mit der Nase erkunden. Denn was diese Insel im Norden der Ägäis ausmacht, sei ihr Duft, sagt Waltraud Alberti. Aha, und wie riecht Alonissos? Sie hält etwas Gelbes unter die Nase. Erinnert das nicht an Ouzo? Das ist doch bestimmt Anis. "Nein", korrigiert sie, "das ist wilder Fenchel". Und das hier? Ein bisschen wie Pfirsich. Weinraute, erklärt die Deutsche. Sie muss es wissen: Die Insel ist ihr zweites Zuhause, seit Jahren bietet sie hier Seminare zu Heilpflanzen an.

Ankunft in Patitiri, dem kleinen Hafenstädtchen. An der Küste mischt sich die salzige Meerluft mit dem Geruch der Aleppokiefern. Wer hier in Urlaubsstress verfällt, dem ist nicht mehr zu helfen, Entschleunigung ist das Motto: Alles geht "sSiga, siga", wie die Griechen sagen, langsam, langsam. Die Einwohner fahren nicht mit dem Auto, sie tuckern auf kleinen Treckern vorbei - fast wie im David-Lynch-Film "Eine wahre Geschichte", in dem ein Rentner sich mit einem Aufsitz-Rasenmäher auf die Reise begab.

Alonissos gilt als grüne Insel. Eigentlich ist das Grün aber sehr bunt. Je nach Jahreszeit wachsen lila Heidekraut, rosa Alpenveilchen, weiße Meerzwiebeln oder gelber Fenchel. Hier und da sieht man Granatäpfelbäume. Und Heilkräuter wie Salbei oder die Zistrose. Sie soll gegen Neurodermitis helfen, wie Waltraud Alberti erklärt. Die Naturheilkunde hat hier Tradition, es gibt sogar ein Ausbildungszentrum für Homöopathie.

Am Rand der Bucht von Patitiri führt ein kleiner Weg auf den Kavos, den grünen Hügel, wo die Apartments in einem Meer aus Bougainvilleen versinken. Dort ruhen sich Elaine Jones und ihr Mann Allan auf der Terrasse von einer Wanderung aus. "Das Gute ist, dass man hier fast alles zu Fuß erreichen kann", sagt die 59-Jährige. Sie schwärmt von den Kräutern, die hier am Wegesrand wachsen, und vom betörenden Duft des Thymians. "Ein Jammer, dass man den Geruch nicht mitnehmen kann."

Hinauf in die Bergdörfer, hinunter zum Meer

Insgesamt 14 ausgeschilderte Wanderwege gibt es auf der Insel. Chris Browne kennt sie alle auswendig. Er führt Urlauber seit Jahren zu Fuß über die Insel. Neben Heilkräutern gebe es dabei viele Vögel zu sehen, erklärt er, etwa den Eleonorenfalken.

Ein Weg führt den "Eselspfad" hinauf in das alte Bergdorf, die Chora. Eigentlich ist es das neue Bergdorf, das alte wurde bei einem Erdbeben zerstört, erzählt Chris. Trotzdem wirkt es so urig, als sei es uralt. Auf dem zentralen Platz liegen die Katzen auf warmen Steinen, die Alten trinken Ouzo und spielen an blau angemalten Holztischen vor weiß getünchten Häusern Tavli, die griechische Variante von Backgammon. Dahinter glitzert die blaue Ägäis - Griechenland wie im Bilderbuch.

Das Meer ist von der Chora aus nicht weit: Etwa zehn Minuten läuft man zur Bucht Megalos Mourtias südlich des Dorfes hinunter, wo man sich nach dem Spaziergang im türkisblauen Wasser abkühlen kann. Mit dem Auto ist man genauso schnell in Chrissi Milia an der Ostküste, dem einzigen richtigen Sandstrand der Insel.

Inzwischen werden in vielen Häusern der Chora Ferienwohnungen vermietet, auch einige Deutsche haben hier ein zweites Zuhause gefunden. Morgens krähen die Hähne, die Esel schreien. Welcher Tag ist heute eigentlich? Im Sommer wird auf Alonissos nur zwischen Wochentag und Wochenende unterschieden.

Dann legen die Ausflugsboote an, vor allem im Juli und August, und es kommt Bewegung auf. Touristen springen an Land, man hat ihnen in der Chora einige Souvenirläden hingestellt. Zum Glück ist der Spuk meist schnell vorbei.

Laut werde es eigentlich nur, wenn im Sommer ein Dorffest gefeiert wird, erzählt Chris. Dann tritt er mit seiner Band auf und spielt neben griechischer Musik ein paar Rock'n'Roll-Stücke. Er bleibt eben Engländer. Normalerweise tummeln sich die Urlauber abends in den Restaurants in einer höher gelegenen Gasse der Chora. An ihrem Eingang erinnert ein Mahnmal an Bewohner, die in der NS-Zeit von deutschen Soldaten ermordet wurden. Dahinter schließt sich im Sommer ein Tisch an den anderen an.

Gesegnete Mönchsrobben, gesunkene Ruinen

Beim Essen hat man von dort einen schönen Ausblick auf die kleinen, unbewohnten Inseln rund um Alonissos. Sie liegen in dem 2200 Quadratkilometer großen Meeresnationalpark. Im Sommer werden Touren zu umliegenden Inseln angeboten, wo Urlauber unter anderem ein Kloster besichtigen können.

Dabei folgen sie den Spuren von Odysseus: Auf Gioura soll der Zyklop aus dem Epos gehaust haben. Weiter entfernt ist Psathoura, eine Vulkaninsel, auf der schwarze Lavasteine die Sandstrände säumen. Wer Glück hat, sieht unterwegs vom Ausflugsschiff aus Delfine oder sogar eine der Mönchsrobben, für die das Gebiet zur Schutzzone erklärt wurde. Erwarten dürfen Urlauber das aber nicht: "Das ist hier kein Zirkus", sagt Kapitän Pakis.

Die Robben sind so etwas wie die Maskottchen der Insel. In Patitiri gibt es ein kleines Museum, in dem Besucher mehr über sie erfahren. Und weiter nördlich in Steni Vala werden verirrte Robbenbabys in einer Aufzuchtstation aufgepäppelt. Später werden sie mit einigem Tamtam wieder ausgesetzt: Ein Priester segne sie sogar vorher, erzählt Chris.

Apropos Priester: Die Wanderrouten auf der Insel führen an einer Reihe von kleinen Kirchen vorbei. Ein gutes Ziel für einen Halbtagesausflug ist etwa Agii Anargiri, die direkt an der Westküste steht. Und auf der Ostseite: Kokkino Kastro - benannt nach dem leuchtend roten Felsen in der Bucht. Dort wurden Reste einer antiken Stadt entdeckt. Endet dieser Spaziergang etwa doch noch in einer Besichtigungstour? Nein. Die Funde sind größtenteils im Meer versunken. Die beste Ausrede, um hier einfach mal nichts zu tun und die Ruhe zu genießen.

Tobias Schormann, dpa



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