Sprachreise mal anders Krakau auf Stöckelschuhen

Polnisch lernen und Spaß dabei haben: Mit ihrem fünftägigen Blitzsprachkurs exklusiv für Frauen haben sich zwei Krakauer Jungunternehmerinnen selbständig gemacht. Auf Exkursionen durch ihre Stadt tauchen die Schülerinnen auch ins unterirdische Nachtleben ein.

Poln. Fremdenverkehrsamt

"Katzen", lächelt Iwona Siwek-Front, "na ja, Katzen - die gehen eben am besten." Weshalb die Malerin in ihrem Atelier eine große Auswahl der beliebten Samtpfoten für potentielle Käufer bereit hält. Da denkt sie ganz praktisch: Als Künstler muss man schließlich leben und sich so Freiraum schaffen für die "richtige" Kunst. Die füllt das ganze geräumige Wohnatelier in einem charmant morbiden Altbau inmitten der Krakauer Altstadt.

Von ihrem winzigen Balkon hält Siwek-Front oft Ausschau nach Malobjekten. Nach selbstbewussten Frauen, heiteren Paaren, urbanen Szenen in kräftiger Farbigkeit. "Die Straße ist meine Leidenschaft, das pulsierende Leben", schwärmt die Vierzigerin mit dem lackschwarzen Pagenkopf. Dazu gehört vor allem "Clubbing" -abendliche Treffen mit Freunden in einer der zahlreichen Bars oder einem Jazzclub dieser traditionsreichen und doch so hippen jungen Stadt.

Dass wir Iwona in ihrem Atelier besuchen und so ein Stück Krakau ganz privat erleben können, hat wiederum mit zwei Krakauerinnen zu tun, die ganz wie sie kreativen Charme mit praktischem Sinn verbunden und daraus eine Geschäftsidee gemacht haben. "Polnisch lernen und Spaß dabei" ist die Devise im Institut Varia-Zentrum für polnische Sprache, das Aneta Kawa und Kasia Hoffmann vor sechs Jahren gegründet haben. Kleine Gruppen, familiäre Atmosphäre und Reiseprogramme, die mitten ins Krakauer Leben oder hinter die Kulissen führen. An Orte, an die Normaltouristen sonst nicht kommen, wie in das Atelier von Iwona Siwek-Front.

Polnisch-Blitzkurs nur für Frauen

Diese Stippvisite gehört zum neuesten Angebot der cleveren Jungunternehmerinnen: "Auf Stöckelschuhen durch Krakau". Ein fünftägiger Polnisch-Blitzkurs "nur für Frauen - keine Männer - keine Zensur". "Bez slów" - ohne Worte, könne man sich auf Polnisch auch verstehen, meint Aneta zwar. Doch ein paar Brocken werden in den Lektionen natürlich doch vermittelt.

Vor allem lernt man jedoch polnische Lebensart und das, was den Reiz der Polinnen im 21. Jahrhundert ausmacht. Klar, dass sie sich nach wie vor auf ihren besonderen Chic verstehen. Aber zunehmend behaupten sie sich gegen eine traditionell dominante Männerwelt. Eine Million Frauen (Gesamteinwohnerzahl: 40 Millionen) haben heutzutage ihr eigenes Unternehmen. Ein paar von ihnen lernt man auf der "Stöckelschuh"-Tour kennen.

Agata Dutkowska hat gleich zwei Business-Eisen im Feuer. Als Coach berät sie Existenzgründerinnen, als Stadtführerin ist sie auch für Varia unterwegs. Auf Stöckelschuhen? Besser nicht, rät sie. Dazu ist das Pflaster von Krakau - Weltkulturerbe - dann doch zu historisch. Mit der blonden, zierlichen Agata kann man auch vermeintlich bekannte Sehenswürdigkeiten auf besondere Weise erleben. Den Rynek natürlich, zentraler Markt und so etwas wie das Wohnzimmer der Stadt.

Tagsüber wimmeln die Touristen vor dem berühmten Veit-Stoss-Altar in der Marienkirche und in den Tuchhallen, den Agata liebevoll als den "ältesten polnischen Supermarkt" bezeichnet. Doch abends brodelt hier eine höchst lebendige unterirdische Szene. Zahlreiche der fast 400 Lokale und Szenekneipen rund um den Rynek verbergen sich in einem Labyrinth alter gotischer Backsteingewölbe. Agata kennt die angesagtesten und führt uns abends ins "Piano Rouge".

Getrocknete Pilze und recycelte Mützen

Ein paar steile Steinstufen geht's hinunter in den Jazzclub. Das schummerige Etablissement verbreitet mit lila Plüschsofas und lauschigen Separées ein Flair zwischen Dekadenz und Bordell. Immerhin soll sich hier schon mal der Geiger Nigel Kennedy mit seiner polnischen Freundin einfinden, verrät Agata. Am nächsten Tag zeigt sie uns das Geburtshaus einer Krakauerin, die als Kosmetikqueen zu Weltruhm kam: Helena Rubinstein. Das ziemlich verfallene Gebäude ist Teil einer Häuserzeile im ehemaligen jüdischen Viertel Kazimierz, dessen Bewohner während der deutschen Besatzung deportiert wurden.

Gleich nebenan schmückt sich ein nobles Hotel mit Helena Rubinsteins Namen. Man kann dort vornehm speisen und von der Dachterrasse die verwinkelten Gassen überblicken. Seit Steven Spielberg dort seinen Oscar-gekrönten Film "Schindlers Liste" drehte, kam neues Leben in das lange dem Verfall preisgegebene Viertel. Hotels, Cafés, Antik-Shops zogen ein, Synagogen wurden restauriert. Jetzt treffen sich hier Studenten wie Touristen, ein Imagewandel vor düsterem Hintergrund. Weitab liegt inmitten von Vorort-Tristesse die Fabrik von Oskar Schindler, inzwischen ein Museum.

Bei einem Bummel durch das Quartier unterhalb des Wawel, Königspalast und Heiligtum polnischen Nationalstolzes, zeigt uns Agata manches, was selbst für Einheimische noch zu den Geheimtipps zählt: Eine Bäckerei, in der streng nach alten Rezepten "das beste Brot der Stadt" gebacken wird - geöffnet bis nachts um zwei! Unweit davon den kleinen Bauernmarkt, wo es die für die polnische Küche unverzichtbaren getrockneten Pilze gibt. Den verrückt bunten Laden einer wagemutigen Jungunternehmerin, die aus Recycling-Material schicke Mützen und Taschen herstellt.

Und schließlich schlürfen wir im winzigen Coffeeshop eines eingewanderten Sizilianers "den besten Espresso von ganz Krakau", der inzwischen schon in Gourmet-Magazinen gerühmt wird. Die Stöckelschuh-Tour war auch in bequemen, trittfesten Sneakers ein ganz besonderes Erlebnis.

Margit Boeckh, SRT

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insgesamt 5 Beiträge
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Koltschak 25.09.2011
1. Krakau auf Stöckelschuhen
Krakau auf Stöckelschuhen Leider nicht! Die Fottos entteuschen auf ganzer Linie. Da freue ich mich als geborener Mann auf schöne Fottos und bekomme keine einzige Frau in Stöckelschuhen! Was soll dann die reißerische Überschrift? Um Dösbaddel wie mich anzulocken?
anders_denker 25.09.2011
2. Die Idee ist doch gut!
Zitat von KoltschakKrakau auf Stöckelschuhen Leider nicht! Die Fottos entteuschen auf ganzer Linie. Da freue ich mich als geborener Mann auf schöne Fottos und bekomme keine einzige Frau in Stöckelschuhen! Was soll dann die reißerische Überschrift? Um Dösbaddel wie mich anzulocken?
Als geborener Mann - man könnte hier nun über das derzeitige Geschlecht spekulieren? Generell aber muss ich Ihnen Recht geben - wirklich weibliche Frauen findet man wohl noch weiter im Osten.
viadrin 25.09.2011
3. Erfahrungsbericht
Vor einigen Jahre habe ich, als Mann, an einem Sprachkurs bei Varia teilgenommen und ich freu mich hier nochmal auf Kasia und Aneta zu stossen. Sie lieben ihre Stadt und bringen sie mit einer unbeschreiblichen Herzenswärme ihren Teilnehmern näher. Nach kurzer Zeit hat man vergessen, dass man eigentlich dafür Geld bezahlt hat und hat das Gefühl bei Freunden zu Besuch zu sein. Dazu ist die Stadt wirklich unbeschreiblich schön. Für Geschichts-und Kulturbegeisterte, für Paare und für junge Szenegänger gleichermaßen. haha ich freu mich hier die Möglichkeit zu haben aus voller Überzeugung und ungeniert entwas empfehlen zu können! Fast schon eine Seltenheit...
chrome_koran 25.09.2011
4. @ viadrin
Darf ich aus purer Neugier fragen, wie erfolgreich der Sprachkursus am Ende war? Hintergrund: vielleicht nimmt eine positive Antwort ein bisschen Berührungsängste denjenigen, die die Sprache zwar gern lernen würden, sich aber vor deren Schwere fürchten. Die meisten Leute haben keine Ahnung, dass Polnisch, wie alle slawischen Sprachen, durchaus zu den indoeuropäischen (im deutschen Sprachraum immer noch fehlerhaft "indogermanisch" genannten) Sprachen gehört und somit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede mit dem Deutschen besitzt.
viadrin 26.09.2011
5. Lernerfolg + Motivation
Zitat von chrome_koranDarf ich aus purer Neugier fragen, wie erfolgreich der Sprachkursus am Ende war? Hintergrund: vielleicht nimmt eine positive Antwort ein bisschen Berührungsängste denjenigen, die die Sprache zwar gern lernen würden, sich aber vor deren Schwere fürchten. Die meisten Leute haben keine Ahnung, dass Polnisch, wie alle slawischen Sprachen, durchaus zu den indoeuropäischen (im deutschen Sprachraum immer noch fehlerhaft "indogermanisch" genannten) Sprachen gehört und somit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede mit dem Deutschen besitzt.
Die Sprache ist dennoch durchaus herausfordernd, aber das würde ich hier nicht in den Mittelpunkt stellen. Keine Sprache lässt sich innerhalb eines Intensivkurses von 0 auf 100 lernen. Das Ziel eines Intensivkurses sollte sein, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen und möglichst viele positive Eindrücke zu sammeln, um dann im Anschluss sich weitere Gelegenheiten zum Üben und Lernen zu suchen. Ganz konkret war der Sprachunterricht aber auch ziemlich gut. Es waren kleine Gruppen (3-5) und die Lehrkräfte waren alle professionell und überaus motiviert. So konnte man sich lerntechnisch gut austoben. In der angenehm organisierten Freizeit gab es dann auch viele Gelegenheiten, um das Gelernte auszuprobieren. Der Sprachkurs und das Rahmenprogramm haben sich prima ergänzt, so dass ich einen Lernerfolg hatte und danach die Motivation mitgenommen hab, weiter am Ball zu bleiben. Also ein sehr nachhaltiger Ansatz.
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