Stadtentwicklung in Lyon: Zuwachs im Herzen

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Flaniermeile statt Kaianlage, Park statt Industriebrache, Museum statt Silos: Der Umbau von Lyon ist im vollen Gange. Die Metropole an Rhône und Sâone will zum europäischen Zentrum für Forschung und Innovation aufsteigen - und stampft zügig hippe Stadtteile aus dem Boden.

Lyon: Hippes Stadtviertel statt Industriebrache Fotos
Jakob / MC Farlane / RSD

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Gérard Collomb steht auf der Dachterrasse des Hochhauses "Swiss Life" in 80 Meter Höhe und verbreitet Visionen: "Diesem Teil der Stadt wollen wir einen zweiten Atem einhauchen", sagt der 63-jährige Bürgermeister von Lyon und zeigt auf das Gelände zwischen dem Bahnhof Part-Dieu, einer Industriebrache und den Universitätsbauten im Süden.

Collomb redet von der Zukunft, entwirft Pläne. Nicht für das eigene Ansehen, gewiss nicht, sagt der Sozialist, dem einige seiner Parteifreunde Ambitionen auf die Präsidentschaftskandidatur 2012 zuschreiben. Nein, der Boss der Stadt und Senator der Region schwärmt von der "internationalen Dimension" seiner Metropole am Zusammenfluss der beiden mächtigen Flüsse Rhône und Saône. Er lässt begrünte Verbindungen zum Flussufer entstehen und preist die Vorzüge einer "durchlässigen Architektur".

"Da ist seinerzeit etwas gedankenlos gebaut worden", kommentiert Collomb, der 2001 seine Karriere als Bürgermeister antrat und vor zwei Jahren in seinem Amt bestätigt wurde. Der Politiker zeigt auf das zusammengewürfelte Nebeneinander von Wohnblöcken, Einkaufszentrum, städtischer Bibliothek und dem ältesten Büroturm des Stadtteils, der wegen seines spitzen Dachs "Bleistift" genannt wird und als Wahrzeichen des Geschäftsviertels gilt. Nach dem Vorbild des gerade fertig gestellten "Tour Oxygène" sollen zusätzlich Hochhäuser gebaut werden, um die Büroflächen bis 2020 auf 1,5 Millionen Quadratmeter zu verdoppeln.

Eine "ganz neue Skyline" muss her und nötig wird die Verknüpfung von öffentlichen Verkehrsmitteln, mit Straßenbahnen, erweitertem Regionalverkehr. Die Expressverbindung zum Flughafen ist bereits in Arbeit, dazu soll eine "moderne Plattform" entstehen, für das wachsende europäische Streckennetz der Hochgeschwindigkeitszüge (TGV) im Knotenpunkt zwischen Deutschland, Spanien und Zentralfrankreich.

"Wir müssen Part-Dieu ganz neu erfinden"

"Das alles existiert schon in Ansätzen, aber es lebt nicht zusammen", sagt auch der Urbanist und Architekt Djamel Klouche. Er soll mit seinen Partnern seit vier Monaten die bislang bruchstückhafte Planung zu einem übergreifenden Konzept für Büroflächen, Einkaufszentren und Wohnraum vereinen. Im Klartext: Unterführungen, Tunnel und Straßen sollen Platz machen für fußgängerfreundliche Verbindungen "auf einer Ebene".

"Wir brauchen einen effizienten Umschlagplatz und ein günstiges Angebot für internationale Firmenansiedlungen", erläutert Collomb den Hintergrund seiner Überlegungen. Er nämlich sieht seine Stadt im Zentrum eines geografischen Halbkreises, der von Großbritannien über Deutschland bis nach Italien reicht. Dieser Großraum aus Innovation, Forschung und Produktion, aus Wettbewerb und Wohlstand heißt im Jargon der europäischen Wirtschaftsstrategen (nach der EU-Flagge) "blaue Banane" - und mitten drin liegt Lyon.

Angesichts derart günstiger Zukunftsperspektiven verfällt der Bürgermeister und Präsident des Großraums schon mal ins Schwärmen: "Morgen wird Part-Dieu nicht nur ein Einkaufs- und Geschäftsviertel der Stadt Lyon sein, sondern das Herz der gesamten Region", sagt Collomb in seinem eigenen, knarzenden Tonfall, "wir müssen Part-Dieu ganz neu erfinden."

Sind das die urbanen Kopfgeburten eines überehrgeizigen Lokalpolitikers? Oder will sich der Senator mit Blick auf ein Ende seiner Karriere nur ein städtebauliches Denkmal setzen?

Der Pragmatiker und einer der einflussreichsten Strippenzieher seiner Partei verfolgt Visionen - nicht aber Phantasien. Denn die Stadt Lyon steckt bereits mitten im ambitionierten Umbau von der Industriemetropole zum Standort für Zukunftstechnologien. Denn im Stadtteil "La Confluence" (Zusammenfluss), an der Südspitze der Rhône-Halbinsel ist zu besichtigen, was der Bürgermeister mit französischer Polit-Poesie beschreibt, als Ort, der "Männer und Frauen verbindet, im gemeinsamen Glück zusammen zu wohnen".

Industriebrache als Glücksfall

Hier, nahe der Stelle, wo einst die Römer ihre Befestigungen anlegten, liegen die Ursprünge dieser Stadt am Wasser, die sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Gebiet zwischen den Flüssen auf die verfügbaren Flächen jenseits der Ufer ausdehnte. "La Confluence", im Süden des historischen Zentrums rund um den "Place Bellecour", blieb dabei lange vom Wachstum ausgespart; der Boden war für Landwirtschaft ungeeignet und immer wieder von Überschwemmungen bedroht.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Marschland trockengelegt, doch trotz grandioser Pläne für Parks oder Monumente entwickelte sich der Ortsteil "hinter den Gewölben" des Bahnhofs Perrache nur zum Umschlagplatz zwischen Gleisen und Autobahn: Silos für Zucker und Salz säumen die Kais, Eisenbahnschienen werden gelegt, der Großmarkt etabliert. Doch mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel Anfang der achtziger Jahre wanderte der Handel ab, die Produktionsstätten verkamen, das gesamte Areal von 150 Hektar geriet zur immer mehr vernachlässigten Industriebrache.

"Was aussah wie eine Hypothek, erwies sich als Glücksfall", sagt Bürgermeister Collomb, "denn damit verfügt Lyon, nur Minuten vom Rathaus entfernt, über eine riesige und erschließbare Grundstücksreserve." Als ersten Schritt, um die urbane Altlast als stadtnahe Investitionsfläche zu entwickeln, beschloss der Rat vor zehn Jahren den Umbau der Kaianlagen zu einer begrünten Uferpromenade längs der Saône. Anschließend wurden Zuckersilos der "Sucrière" zum Ausstellungszentrum umgestaltet, die seit 2003 die Kunst-Biennale beherbergt - ein Versuch, Lyon als kulturelle Metropole aufzuwerten.

Platz für 17.000 Bürger

Unter Beteiligung international renommierter Architekturbüros entstanden dazu die Planungen für die erste Ausbaustufe von "La Confluence". Büros machten den Anfang, vor allem aber Werbefirmen, Kommunikationsagenturen und Medienunternehmen fassten Fuß, so etwa Lyons Zeitung "Le Progrès". Damit der Ortsteil auch nach der Arbeitszeit nicht verödet, sorgten die Planer per Auflage für Wohnungen, Parks, Ladenflächen und Restaurants: Mittlerweile sind die Uferanlagen einladende Flaniermeilen, gesäumt von angesagten Gourmet-Adressen. Ein Pendelverkehr mit Schiffen wird für die Anbindung des neuen Viertels sorgen.

Nur wenige Schritte weiter wurde am "Place Nautique" ein künstliches Hafenbecken fertiggestellt, das den Wohnungen und den Büros daneben naturnahes Flair vermitteln soll. Eine Fußgängerbrücke schafft den Übergang zum gegenüberliegenden Einkaufs- und Vergnügungskomplex, der nächstes Jahr mit Kino, Läden und einem Vier-Sterne-Hotel seine Tore öffnet, während auf der Rhône-Seite zugleich das Verwaltungsgebäude der Region fertiggestellt wird. Insgesamt soll sich die Zahl der Anwohner und der Arbeitsplätze auf 14.000 erhöhen. Und wenn am Ende des Ausbaus auch die Viertel rund um den ehemaligen Großmarkt fertiggestellt sind, wird "La Confluence" Platz für 17.000 Bürger bieten - davon 20 Prozent in Sozialwohnungen: Lyon bekommt Zuwachs im Herzen der Stadt.

"Natürlich ist das auch meine Hinterlassenschaft", sagt Gérard Collomb, bei einem Glas Saint Joseph auf der Terrasse des franco-japanischen Restaurants DoMo, gleich neben der Uferpromenade von "La Confluence". Und er setzt sinnierend hinzu: "Ob in Part-Dieu 10, 15 oder 20 Hochhäuser bis 2020 entstehen - das werde ich in meiner Zeit als Bürgermeister nicht mehr erleben."

Damit so viel Nachdenklichkeit nicht wie ein nostalgischer Abgesang wirkt, stößt er gleich danach energisch auf die Zukunft seiner Stadt an und versichert selbstbewusst: "Stadtplanung macht Spaß."

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Lyon in den Medien
dieweltsehen 21.05.2010
Lyon ist nicht nur eine schöne Stadt, sondern auch Schauplatz vieler Romane. Auch Asterix war schon hier: http://maps.dieweltsehen.de/?dl=149&dla=o
2. Lyon, mon amour? Non !
Monsieur Rainer 21.05.2010
Das Essen ist Geschmacksache, wenn man viel Fleisch, Wurst und Innereien liebt. Brrrrrr......! Die Stadt entwickelt sich, sicher. Die Kriminalität hält Schritt. Lyon hat sicher die härtesten Gangster Frankreichs, dagegen sind die Jungs aus Paris, Nizza und Marseille die reinsten Klosterschüler!
3. Diddl?
randhesse 22.05.2010
Zitat von Monsieur RainerDas Essen ist Geschmacksache, wenn man viel Fleisch, Wurst und Innereien liebt. Brrrrrr......! Die Stadt entwickelt sich, sicher. Die Kriminalität hält Schritt. Lyon hat sicher die härtesten Gangster Frankreichs, dagegen sind die Jungs aus Paris, Nizza und Marseille die reinsten Klosterschüler!
Höh? Etwas "merkwürdige" Sicht auf die zweitgrößte Stadt des Landes... Hat die Kriminalitätsrate aus Ihrer Sicht was mit den Ernährungsvorlieben zu tun? Oder haben Sie am "Tor zum Midi" bloß die "richtigen" Restaurants nicht gefunden? Und ja, ich war lange genug da, um zu wissen, daß es Viertel gibt, wo der Erwerb von Schweinefleisch, ähm, "nicht in Mode" ist, und in denen man als "Schlips- und Kragen-" Reisender mit Laptop- Tasche die U- Bahn auch "lieber nicht" verlässt. Das hebt Lyon aber längst nicht "aus der Masse" vergleichbarer europäischer Städte heraus, das gibts auch anderswo, leider, "zu oft", und ist in erster Linie ein Armuts- Problem, und erst danach eins von "Ethnien", die aus diversen Gründen "armutsanfälliger" sein könnten. Zumal Sie auf "diese" Problematik _wohl kaum_ auf der Fluß"insel" stoßen werden, um die es im Artikel geht, und wo ich vor zehn Jahren schon nicht verstand, daß es in _der_ Lage eine "Industriebrache hinter'm Bahnhof" gibt, um die sich die Stadtplaner _nicht_ "geradezu schlugen". Aber auch das ist nix "Grundlegend Neues", siehe Docklands, Hafen- City, Bahnhofsviertel FFM, etc.pp. Und selbverständlich ist Lyon urban, modern, lebens- und sogar liebenswert, solange man es _nicht_ nur aus der Perspektive des "Plattenbau- Präkariats" erlebt. Was sich, ich wiederhole mich, für so ziemlich alle europäischen Städte ähnlich darstellt. Von daher scheint mir Ihr kurzer Rant schon _ziemlich_ Erklärungsbedürftig...
4. ****
Umberto 22.05.2010
Zitat von randhesseHöh? Etwas "merkwürdige" Sicht auf die zweitgrößte Stadt des Landes....
Monsieur Rainer ist Fan von Toulouse, eventuell noch Toulon. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass er Lon nicht mag.
5. ***
Umberto 22.05.2010
Zitat von UmbertoMonsieur Rainer ist Fan von Toulouse, eventuell noch Toulon. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass er Lyon nicht mag.
Da fehlte noch was ...
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