Steinzeitreise auf der Alb Bärenjagd mit Knochenspeer

Wie lebten unsere Vorfahren vor 35.000 Jahren? Ein Archäologe nimmt große und kleine Gäste mit auf eine Zeitreise: in Höhlen, zum Kräutersammeln, Bärenerlegen und Speerfischen auf der Schwäbischen Alb. Autor Dieter Schweiger und seine drei Kinder wagen das Abenteuer.


Im Ernstfall hätte ich jetzt die Wahl zwischen Erfrieren und Verhungern, sagte Rudi und betrachtete die Brocken, die ich ihm vor die Füße geschmissen hatte: Pyrit, Feuersteine und einen Packen Zunder. Wie oft hatte ich die Steine über den trockenen Pflanzenfasern zusammenschlagen, doch es wollte und wollte kein Funke überspringen.



Ich war also gleich an der ersten Herausforderung, die Rudi uns stellte, grandios gescheitert: Feuermachen auf Steinzeitart. Ein klassischer Fehlstart. Dabei hatte ich mir mit meinen Kindern Linda, 11, Helen, 8, und Roman, 5, eine gehörige Strecke vorgenommen: Satte 35.000 Jahre wollten wir auf unserer Reise durch die Zeit zurücklegen, bis zu den allerersten Anfängen des modernen Menschen - in die Altsteinzeit. "Aurignacien" nennen die Fachleute jene Epoche. "Damals sah es hier ähnlich aus wie in der nordamerikanischen Prärie", erklärte Rudi, "eine baumlose Grassteppe."

Im Urtal der Donau grasten Mammuts und Wollnashörner. Kaum 25.000 Menschen lebten zwischen Nord- und Bodensee, Jäger und Sammler, die als Nomaden umherzogen und einen rauen und lebensgefährlichen Alltag zu bestehen hatten. Rudis Botschaft war klar: Wer unter solch harten Umständen zu blöd zum Feuermachen ist, überlebt nicht lange. Sein Urteil klang realistisch. Kein Wunder: Rudi Walter, 38, Archäologe und Magister der Urgeschichte aus Schelklingen bei Ulm, kennt sich aus in der Steinzeit.

Seit er als Junge beim Drachensteigen auf der Alb eine Speerspitze fand, interessierte er sich für unsere frühen Ahnen und ihre Kultur. Später studierte er in Tübingen Archäologie. Danach wurde er jedoch nicht Forscher, sondern begann, mittels experimenteller Archäologie und "Archäotechnik" Waffen, Kleidung und Schmuck der Steinzeitmenschen nachzubauen.

Höhlenerkunden und Kräutersammeln

Jetzt bittet er zum Jagen, Höhlenerkunden und Kräutersammeln, so authentisch, wie es heute noch möglich ist. Zu seiner Kundschaft zählen Kindergruppen und Familien, Schulklassen und Studenten oder auch ein Trupp hartgesottener Polizisten aus Spezialeinheiten; denen verschafft Rudi dann ein sehr überzeugendes Überlebenstraining. Wie urzeitlich es bei ihm zugeht, das merkten wir schon bei der Kleiderprobe. Helens Wams hatte er aus Ziegenleder genäht, mit einer Knochennadel aus dem Skelett eines Rehbocks. Lindas Schaffelljacke war mit Tierdarm zusammengeflickt. An der Halskette, die Roman trug, baumelten echte Wildschweinzähne.

Ich bekam einen zotteligen Rentier-Mantel samt Geweih dran. Das war mein Kostüm für eine besondere Rolle: Ich sollte mich im Hohlen Fels, einer Steinzeitgrotte bei Schelklingen, verstecken, dann überraschend als "Schamane" auftauchen und bei meinen Kindern für ordentlich Gänsehaut sorgen.

Ein Ruhmesblatt wurde auch diese Aktion nicht für mich: Eine halbe Ewigkeit lang harrte ich aus, lauschte dem Echo der Wassertropfen und fror. In der Höhle konnte man schon das Fürchten lernen, immerhin tummelten wir uns an einem Originalschauplatz: Vor 35.000 Jahren war die Schwäbische Alb ein attraktiver Ort für die Familienclans der Steinzeitmenschen. Hier fanden sie genug Wild, die Höhlen im Aachtal boten Unterschlupf, darin errichteten sie auch ihre ersten Kult- und Lagerstätten.

Das weiß man etwa aus dem Hohlen Fels: Die Schnitzereien aus Mammutelfenbein, die hier gefunden wurden - etwa ein nur 4,7 Zentimeter großer Wasservogel - gehören zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit. Die letzten Bewohner sind zwar vor 10.000 Jahren ausgezogen - doch wenn Rudi erzählte, klang es, als wäre die Asche in den Feuerstellen noch warm: Von "zähen, in Leder gekleideten Männern" berichtete er, die mit ihren Speeren Mammuts jagten. Von Frauen, die mit Steinklingen das Fleisch von den Fellen kratzten und sie dann gerbten, während ein Schamane die Ahnen anrief.

Schamane in Turnschuhen

Gestaunt habe ich nur, wie schnell und mühelos sich meine Kinder in der Steinzeit zurechtfanden. Dass sie mir in der Höhle den schrecklichen Schamanen nicht abkauften, leuchtete mir ja ein: "Ah, Papa, du bist's", sagte Roman im Lichtkegel seiner Taschenlampe. Der Junge hatte sofort erkannt, dass solch ein komischer Heiliger bestimmt keine Turnschuhe mit drei Streifen getragen hätte.

Aber auch als es ernst wurde, schlugen sie sich viel wackerer als ich. Staunend sah ich zu, wie sich Helen beim Erkunden der Brillenhöhle Licht verschaffte. Nach Rudis Anleitung kratzte sie eine Vertiefung in einen Schieferstein, drückte etwas Rinderfett hinein, das sie in einem Kuhhorn bei sich trug, fügte Wacholderrinde als Docht hinzu - fertig war die Handlampe. Erstaunlich auch, wie Linda ihre Steinzeitprüfung meisterte. In der Aach hatte die 11-Jährige mit einer Harpune einen Fisch aufgespießt.

Der bestand zwar - einer von Rudis special effects - aus Styropor, doch als es ans Ausnehmen ging, hatte unser Steinzeitreiseleiter am Ufer drei echte Forellen aus einer Zucht bereitgelegt. Und Linda, die sonst ihren Teller Spaghetti nicht mehr anrührt, wenn ihn eine Fliege auch nur zu einer kurzen Zwischenlandung benutzt hat, nahm den Flintstein, schlitzte den Forellen die Bäuche auf, holte die Innereien heraus und verschnürte die Fische mit Kohlrabi-Blättern zu leckeren Lunchpaketen. Selbst Rudi war sprachlos. Zu meiner Ehrenrettung kann ich sagen, dass auch ich mich langsam eingewöhnte. Sicher, noch immer hätte ich mir elegantere Ziele für eine Zeitreise vorstellen können: ein Barockschloss an der Loire oder die luxuriöse Villa eines römischen Senators zu Cäsars Zeiten. Andererseits: Wo sonst hätte ich "eine der ältesten Fernwaffen der Menschheit" kennen lernen können - und gleich ausprobieren? So nannte Rudi die Speerschleuder, eine schlanke Waffe, die er liebevoll in seiner Hand wiegte. "Die Hebelwirkung war enorm. Bis zu 200 Meter weit lässt sich der Speer damit schleudern."

Mit solchen nach archäologischen Befunden gebauten Waffen würden wir nun "auf die Jagd gehen", verkündete unser Zeitreiseführer. Unser Wild war ein kapitaler Höhlenbär - aus Pappe. Und die Verfolgungsjagd kürzten wir ein Stück in Rudis Auto ab. Zum Showdown kam es auf einer Lichtung: Eingekreist reckte sich der Dreimeterbär empor, ehe unsere Speere ihn durchbohrten.

Mit ekstatischem Tanz und Gebrüll feierten wir die Erlegung des Pappkameraden. Den Jagderfolg feierten wir am Abend am Lagerfeuer, in dessen Asche wir Lindas Forellen garten; dazu gab es einen süffigen spanischen Rotwein, den ich in die Vergangenheit geschmuggelt hatte. Und Rudi spielte auf seiner Steinzeitflöte aus Schwanenknochen. Doch als wir uns am nächsten Morgen aus den Fellzelten schälten, mussten wir erfahren, was es heißt, kein festes Dach über dem Kopf zu haben: Ein mächtiges Tief brachte ergiebigen Landregen.

Nur gut, dass wir einen Ausweg ins Trockene kannten: den Besuch des Urgeschichtlichen Museums in Blaubeuren. Dort standen wir staunend vor den Vitrinen voller Feuersteine und Faustkeile, bewunderten die Speerschleudern und verglichen die Höhlenmodelle mit unseren frischen Eindrücken aus den echten Grotten. Die anderen Besucher jedoch hatten nur Augen für uns. Wir trugen noch die zotteligen Felle und die Köcher mit gefiederten Pfeilen, und wir stanken nach Rauch und Feuer. Man hielt uns für einen Teil der Ausstellung, mit dem Titel: "Paläolithischer Clan, nach der Jagd heimkehrend".

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