Strände von Ses Salines auf Mallorca Ganz schön einsam

Bucht an Bucht, kein Hotel und nur wenig los - das sind die Strände von Ses Salines auf Mallorca. Warum hier das Klischee von der überfüllten Insel so gar nicht stimmt? Das hat einen simplen Grund.

Helge Sobik

Von Helge Sobik


Vier kleine Jungs turnen diesen Vormittag mit Kuchenformen und gelben Plastikschaufeln über den Strand der Platja d'es Carbó. Ihre Väter helfen ihnen beim Burgenbauen - und wirklich gestresst ist nur einer: weil der aufblasbare Plastikdelfin für die kleine Tochter nicht so will wie er und ihm einiges an Lungenleistung abverlangt. Und weil die Kleine bereits mit dem Fuß aufgestampft und energisch "Papa!" gerufen hat.

Drumherum ist wenig los - wie immer: kaum jemand da an diesem herrlichen Sommervormittag. Dabei sind die Strände hier kilometerlang. Eine Bucht reiht sich an die nächste, selten felsig, meist von breitem, hellen Sandstrand gesäumt. Dazu schimmert das Wasser im schönsten Duschgel-Grünblau. Weiter draußen ankern gerade zwei Jachten, am Horizont scheppert ein Jet-Ski durchs Bild. Nur die angespülten Algen ganz vorne am Saum des Wassers hat keiner weggeräumt, sie trocknen in der Sonne.

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Ses Salines: Mallorcas vergessenen Strände

An den Stränden von Ses Salines östlich von Colònia de Sant Jordi auf Mallorca ist nie viel los - und sie sind nicht bewirtschaftet, werden nicht täglich neu hergerichtet. Alles in allem erstreckt sich die Buchtenkette über fast zehn Kilometer. Und auf der ganzen Strecke ist die Küste unbebaut - von ein paar zerfallenden Bootsschuppen aus Beton abgesehen.

Wer zu den Buchten will, muss laufen

Die wenigsten Urlauber wissen davon - und wer es weiß, steuert trotzdem meistens einen anderen Strand an. Warum das so ist? Warum sich so viele all das hier entgehen lassen? Und warum hier nicht längst groß investiert wurde?

Die Antwort ist so simpel wie überraschend: weil das über all die vielen Kilometer angrenzende riesige Privatgrundstück der mallorquinischen Bankiersfamilie March gehört, die dort weit weg vom Meer eine Zweit- oder Drittvilla und am Strand ein kleines Badehaus besitzt.

Durchzogen ist das Grundstück von Sandpisten, von denen diejenigen Richtung Meer durch Dünen und Pinienwald nur mit Geländewagen zu befahren sind. Mit denen der Familie March. Denn Fremde haben keinen Zutritt zum angeblich zweitgrößten Grundstück der Insel. Wer an die angrenzenden Strände will, muss seinen Leihwagen deshalb irgendwo in Colònia de Sant Jordi parken und zu Fuß kommen - und an der Meerseite diesseits des Zaunes am Grundstück entlanglaufen.

Denn Strände sind auf Mallorca grundsätzlich öffentlich - aber einen Zwang, Zufahrten zu bauen und Parkplätze anzulegen, gibt es nicht. Zum Glück. Und das Grundstück zu parzellieren, zum Kauf anzubieten, mit der zuständigen Gemeinde um Bebauungspläne zu pokern - daran hat die Familie offenbar kein Interesse.

Eine Holzhütte mit Tresen und ein paar Tischen

Einer aber hat eine Ausnahmegenehmigung, für ihn öffnen sich die Schranken zur Grundstückszufahrt der March-Finca: Francisco Pizá Bordoy darf passieren, weil er anders keine Vorräte, keine Sandwiches, keine Weinflaschen, keine Bierkisten zu seiner kleinen Strandbar transportieren könnte. Und weil die Wachleute ihn kennen.

Er hat die Konzession für die einzige Beachbar an diesem Strandabschnitt unmittelbar außerhalb des Geländes - ganz vorne an, nur ein paar hundert Meter vom Hafen von Colònia de Sant Jordi gleich an der Platja d'es Dolç: eine Holzhütte mit Tresen, ein paar Tischen, drei Dutzend Liegestühlen, Sonnenschirmen, Bademeisterhäuschen und Toilette.

Es gibt Strandbars auf Mallorca, bei denen mehr los ist. Dabei sind die Bocadillos mit Serrano-Schinken bei ihm richtig gut: "Hier hast du Spaß, machst auch deinen Umsatz", sagt Pizá Bordoy, der die Bar nur im Nebenberuf betreibt, und das nur während der Saison.

"Aber das große Rad drehst du mit einem Strandkiosk drüben in Es Trenc an der anderen Seite von Colònia. Da wollen sie alle hin. Da gibt es Straßen, Parkplätze. Das hier entdecken die meisten erst später - oder gar nicht." Dabei ist er so stolz auf seine weiße Sangria: "Die beste weit und breit!" Serviert wird sie in Ein-Liter-Karaffen - mit Weintrauben, Orange, Zitrone. Und mit Eis.

Zwei-, dreimal die Woche bringt er mit seinem Geländeauto Nachschub, hat sogar den Schlüssel für die Tür im Zaun, um vom Privatland, wo er den Landrover zum Entladen abstellt, wieder auf öffentlichen Grund und Boden zu gelangen, wo seine Bar ist.

Ganz wunderbar einsam

Ob Mick Jagger auch schon mal hier war, der ganz unverhofft mit dem Beiboot seiner Jacht drüben in Es Trenc anlandete und durch den Sand zu einem der dortigen Strandkioske stapfte? Francisco zuckt mit den Schultern: "Falls ja, habe ich ihn nicht gesehen. Aber eigentlich sind hier für solche Leute zu wenige Zuschauer."

Dafür kommen andere mit dem Boot: "Ganz normale, die dafür Geld zusammengelegt und für einen halben Tag eines gemietet haben. Oder Mittelreiche, denen eines gehört. Aber die ganz Reichen und die Stars, die eher nicht."

An der Carbó-Bucht ist das Sandburgenbauprojekt in vollem Gang. Mittlerweile engagieren sich die Väter mehr als die Söhne, die nur noch im Stehen zusehen. Die kleine Tochter hockt auf ihrem PVC-Flipper, ihr Vater zieht sie durchs seichte türkisblaue Wasser. Ungestört und mit ganz viel Platz.

Das Mallorca aus den Reisekatalogen, das aus den Klischees, das mit den vollen Stränden und den vielen Menschen ist hier eine Ewigkeit entfernt. Und einen Moment lang zweifelt man sogar, ob all das hier sein kann: ob es diese stillen Strände wirklich gibt.

Wo Francisco Pizá Bordoy im Urlaub hinfährt? Er grinst. "Hierher natürlich. Wenn die Bar längst wieder abgebaut und alles bis zur nächsten Saison eingelagert ist. Dann ist es noch ruhiger hier. Ganz wunderbar einsam sogar."

Und manchmal ist dann sogar die Tür des Badehauses der Familie March geöffnet, und sie kommt durchs Tor im Zaun, startet zum Strandspaziergang - dort, wo sie ganz allein ist.

Helge Sobik schreibt als freier Autor für SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt vom Hotel Bonsol.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Andreas1979 22.06.2017
1. Man kann jetzt gegen die Familie hetzen, oder wie ich es finde, dass es toll ist.
Endlich eine Familie, denen die Ruhe lieber ist als der ganze Kommerz und Geldmacherei, Klar auch weil sie eh genug davon haben, doch es gibt auch Menschen die nie genug haben, aus dieser Betrachtungsweise sehe ich es. Danke für den Hinweis.
mymana1 22.06.2017
2. Na dann war's das ja jetzt...
...finde ich immer super: Reisejournalisten, die die Einsamkeit eines Ortes bejubeln und den Massen den Weg dorthin weisen. Extrem dumm oder extrem skrupellos?!
fatherted98 22.06.2017
3. Den meisten...
....Malle Strand Touris wäre das viel zu einsam und zu langweilig. Ein Blick an die Hausstrände von Playa, Cala Millor usw. zeigt was die Leute wollen....Eimer, Strohhalme, Strandverkäufer, Disco um die Ecke, Hotel in Laufnähe....ins Meer gehen die wenigsten....höchstens mal um den Sonnenbrand zu kühlen. Deshalb werden diese Strände auch nicht überlaufen werden....es sei denn die Infrastruktur gleicht sich an.
MatthiasPetersbach 22.06.2017
4.
Zitat von mymana1...finde ich immer super: Reisejournalisten, die die Einsamkeit eines Ortes bejubeln und den Massen den Weg dorthin weisen. Extrem dumm oder extrem skrupellos?!
Wo man hinLAUFEN muß, ist keiner. Das ist bei uns nicht anders. Und das wird sich durch den Bericht auch nicht groß ändern.
guentherzaruba 22.06.2017
5. durch die Berge und
am Ende waren einsame Strände, natürlich schreib ich NICHT wo es war auf Mallorca. Sonst ist es vorbei und Karawanen schieben da hin.
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