Straße der Brauereien Echt fränkisches Bi(er)otop

In den Strömen frisch gezapften Wiesn-Biers geht ein Fakt fast unter: Deutschlands Bierregion Nummer eins ist nicht Oberbayern mit dem Oktoberfest, sondern Oberfranken. An der Fränkischen Bierstraße gibt es kleine Brauereien zu entdecken und tausend Biere zu probieren.

Von Martin Cyris


Das Mekka für Bierliebhaber liegt in Nordbayern: Oberfranken hat nicht nur mit Abstand die höchste Pro-Kopf-Brauereidichte der Welt. Mit rund 200 Brauereien übertrifft die nordbayerische Region auch jede europäische Nation. Wenn man tagtäglich eine oberfränkische Brauspezialität kosten würde, bräuchte man ungefähr zwei Jahre und neun Monate, um sich durch die Vielfalt zu trinken.

Denn hier werden rund tausend verschiedene Biere gebraut. Die exakte Zahl ist nicht bekannt, zu unabhängig sind die einzelnen Brauereien. Und mitunter auch sehr erfinderisch - zum Wohl der Geschmacksvielfalt. So ist Oberfranken ein Schlaraffenland für Biertrinker, deren Geschmacksknospen noch nicht vom Bier-Einerlei der Großabfüller eingelullt wurden.

So eigenwillig wie die Gerstensäfte Oberfrankens ist auch die Fränkische Bierstraße. Ihren genauen Verlauf kennt nämlich heute niemand mehr. Der Verband, der sie einst ins Leben gerufen hatte, lässt seine Aktivitäten ruhen. Deshalb fehlen an der Fränkischen Bierstraße auch die für Touristenstraßen so typischen kleinen braunen Schilder.

Immerhin: In der Autokarte "Deutschland Blatt 10" des ADAC ist sie eingezeichnet. Der südlichste Eintrag "Fränkische Bierstraße" befindet sich an einer Landstraße zwischen den Ortschaften Poxdorf und Effeltrich, führt vorbei am sehenswerten Forchheim, einer alten Königsstadt, und trifft nördlich von dort auf den Fluss Regnitz. In einem Dorf namens Pautzfeld fahren wir Schlangenlinien - obwohl wir noch nicht ein einziges fränkisches Bierchen intus haben. Drei waghalsige Haarnadelkurven mitten in der engen Ortschaft sind schuld.

"Beim Brauen kann man viel falsch machen"

Die Landschaft zwischen dem Naturpark Steigerwald und der Fränkischen Schweiz ist hübsch, aber unspektakulär. Kirchtürme sind das höchste der Gefühle. Die eigentliche Attraktion sind die vielen kleinen Privatbrauereien, zumeist Gasthausbrauereien. Sie sind schon auf den ersten Kilometern der Fränkischen Bierstraße - beziehungsweise das, was wir laut Karte als solche vermuten - unübersehbar. Deshalb ist es eigentlich auch egal, ob man der exakten Route der Fränkischen Bierstraße folgt, denn ein Sudkessel für leckeres Bier findet sich offenbar auch noch im kleinsten Nest.

Außerdem fallen die vielen Bäckereien und Metzgereien ins Auge, zumeist Familienbetriebe. Lebensmittelketten scheinen hier kein Bein auf den Boden zu bekommen. Franken scheint der Übermacht der Lebensmittelkonzerne nicht nur in Sachen Bier Paroli zu bieten. Lokale Erzeugnisse werden hier von den Verbrauchern traditionell bevorzugt, ohne dass eine bestimmte Ideologie dahinter stünde.

Der Tipp eines Einheimischen führt uns westlich von Bamberg nach Trabelsdorf. Für Andreas Gänstaller ist Bier nicht nur flüssiges Brot. Die fünf Biersorten des Beck Bräu sind für ihn auch seine täglichen Brötchen. Er hat die Brauerei angepachtet. Jeden Tag ist er von drei Uhr morgens bis neun Uhr abends auf den Beinen. Kellerbier, Zwickel-Pils oder Weißbier brauchen viel Aufmerksamkeit. Sowohl während der Herstellung als auch während der Lagerung. "Brauen ist ein sensibler Prozess", sagt Gänstaller, "da kann man viel falsch machen."

Doch Gänstaller steht bei weitem nicht nur vor Sudkesseln oder Bottichen. Brauereiführungen gehören ebenso zu seinem Alltag. Nachdem die Besuchergruppen im historischen Felsenkeller alte Holzfässer und den großen Kupferkessel bewundern durften, tischen Gänstaller und seine Frau fränkische Spezialitäten auf. Die bestehen zumeist aus Fleisch- und Wurstwaren. Höhepunkt ist ein knuspriger Braten aus dem historischen Oma-Herd. Den ließ Gänstaller eigens restaurieren.

Lieferungen bis in die Grappa-Hochburg

Brauen im Ein-Mann-Betrieb macht eben erfinderisch. "Als kleine Brauerei hat man nur eine Chance, wenn man flexibel reagiert und seine Nische findet." Man müsse auf die speziellen Wünsche der Kunden eingehen und kleine Chargen sowie Spezialbiere produzieren. Sondersude nennt das der Brauer. Gänstaller bedient dann zum Beispiel das Feuerwehrfest vom Nachbardorf mit 20 Hektolitern Festbier genauso wie ausländische Kunden: "Eines Tages", so erzählt Gänstaller, "standen drei Italiener vor der Türe und wollten die Brauerei sehen und meine Biere durchprobieren."

Es muss den Herren geschmeckt haben, denn seit ihrer Visite lassen sie sich einmal pro Woche ein speziell eingebrautes, frisches Fass dunkelbraunes Bock-Bier nach Rom liefern. In ein Fußball-Pub zwischen Vatikan und Tiber. Das Bier läuft gut. Und zwar so gut, dass Gänstaller den Bock mittlerweile auch mitten hinein in die Grappa-Hochburg liefert: in eine Bar in Bassano del Grappa. Auch Pubs in Stockholm und Amsterdam schenken das kräftige Bier aus. Doch nirgendwo schmeckt es wohl besser als frisch gezapft in Gänstallers kühlem Keller, direkt aus dem Krug. Beim Bier ist es genau wie beim Wein: Im Anbaugebiet schmeckt es am besten.

Deshalb bleiben die fränkischen Biere in der Regel auch daheim. Viele sind nur in ihrer unmittelbaren Umgebung erhältlich. Es gebe einen Ehrenkodex, erklärt Gänstaller, wonach die Brauer in Oberfranken nicht in fremden Revieren wildern. Die Absatzpolitik der kleinen Privatbrauereien sei eher defensiv.

"Meine Absatzstruktur ist ganz klar", sagt Brauerkollege Hans-Ludwig Straub, "es ist mein eigener Gasthof, und sonst nix." Als er den Brauereigasthof Drei Kronen in Memmelsdorf östlich von Bamberg übernahm, hatte Straub ein erklärtes Ziel: "Ich wollte der beste Brauereigasthof werden." Mittlerweile ist der rührige Wirt der Vorsitzende der Privaten Braugasthöfe und sein eigener Gasthof ein echtes fränkisches
Bi(er)otop. Sein Unternehmen ist eine gelungene Mischung aus familiärer Dorfschänke und fortschrittlichem Unternehmertum unter Beachtung lokaler Traditionen.

Den Weg ins kleine Memmelsdorf, das übrigens noch zwei weitere Privatbrauereien verkraftet, finden deshalb auch viele Touristen. Das Drei Kronen ist gleichzeitig eines der ältesten Brauorte im bierüberfluteten Bamberger Land. Das Gebäude diente einst als Sitz des Landvogts. An ihn hatten die Bauern der Umgebung ihre Zehnt, die Steuer, zu entrichten. Meist in Form von Getreide. Weil ihm die Bauern oftmals schlechtes oder feuchtes Zeug andrehten, drehte der Landvogt den Spieß um und machte Malz daraus. Malz ist bekanntermaßen eines der drei Grundstoffe aller Biere, die nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut werden.

"Feinstaub" im Gebräu

Dass die Biere kleiner Brauereien oftmals optisch weniger rein wirken als die von großen Getränkeabfüllern, liegt an ihrer Natürlichkeit: Sie sind in der Regel unfiltriert. Doch der "Feinstaub" im Gebräu - zumeist Reste von Hopfenharzen und Hefezellen - tragen zur "Vollmundigkeit" bei, wie Hans-Ludwig Straub betont. Etwa bei seinem Stöffla-Bier, einer Spezialität des Hauses. Es wird im Drei Kronen natürlich auch aus dem "Seidla" getrunken, dem fränkischen Dialektwort für den Halbliterbierkrug.

Was vielen kleinen fränkischen Brauereien in der Vergangenheit bereits den Garaus macht, ist bei Straubs gesichert: Die Nachfolgerfrage. Tochter Isabella, 22, besucht derzeit die Braumeisterschule. Junge Frauen am Braukessel sind eher ungewöhnlich, ebenso das Trinkverhalten von Isabella Straub für eine Brauerin: "Ich trinke nur wenig Bier und wenn, dann aus einem Weinglas." So könne sie die Aromen besser schmecken.

Wie ihrem Vater käme ihr niemals in den Sinn, ein x-beliebiges Bier an der Tankstelle zu kaufen. Stattdessen tüftelt sie lieber in der heimischen Braustube an neuen Gerstensäften. "Bier ist ein äußerst sensibles Produkt", sagt Isabella Straub, "aber sehr interessant." Denn es sei äußerst vielseitig.

Die Vielfalt der Fränkischen Biere könnte nun noch weiter etwas weiter nördlich ausgetestet werden. Die Fränkische Bierstraße führt laut Straßenkarte weiter Richtung Scheßlitz und Lichtenfels, am nördlichsten Zipfel der Fränkischen Schweiz. Aber wir entschließen uns dazu, den Tag in Bamberg ausklingen zu lassen. Immer nur an fassfrischem Bier nippen zu können, ist auf Dauer die reinste Folter.

Statt Bamberg hätte es auch Kulmbach, Bayreuth oder eine weitere Bierhauptstadt sein können. Doch Bamberg ist von Memmelsdorf nur ein Katzensprung. Und in der romantischen Kaiserstadt warten auf die Besucher schließlich nicht weniger als zehn Brauereien. Und zum Wohl für den Führerschein auch zahlreiche Wirtshäuser mit Übernachtungsmöglichkeiten.



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