Subkultur in Bergen Graffiti-Kids und SMS-Künstler

Bergen ist die Stadt, in der es an 275 Tagen im Jahr regnet. Doch wer sich davon abschrecken lässt, verpasst eine Menge. Oslos Schwester an der fernen Westküste hat sich von der braven Hansestadt zur boomenden Kulturmetropole entwickelt. Jetzt ziehen die ersten Graffitisprayer um die Blöcke.

Von Philip Wesselhöft


Tattoo: "Graffiti can't be stopped"
Philip Wesselhöft

Tattoo: "Graffiti can't be stopped"

Torgallmenningen, die größte Einkaufsstraße Bergens, schimmert wie gewischt an diesem Morgen. Vom Meer her drängt feuchte Luft in die Stadt und staut sich zwischen den Häuserzeilen. Eine mächtige Gebirgskette mit sieben großen Gipfeln umringt Bergen und macht den auf einer Halbinsel liegenden Ort zu einer der regenreichsten Städte Europas. An einem sonnigen Tag ist Bergen außerdem eine der schönsten. An diesem benebelten Morgen aber liegt ein Schleier vor dem Panoramablick.

Das Leben in der Fußgängerzone der 230.000-Einwohner-Stadt ist trotzdem alles andere als gedämpft, Geschäftsleute stehen vor ihren Läden und Büros und ziehen an ihren Zigaretten in der ersten Frühstückspause - seit vergangenem Sommer ist in Norwegen das Rauchen in öffentlichen Gebäuden, Restaurants und Bars verboten. Touristen schlendern in Richtung Bryggen, der Altstadt, die wegen ihrer Kaufmannshäuser zum Weltkulturerbe zählt. Denn Bergen gehörte, wie zum Beispiel auch Hamburg und Rostock, zur Hanse, die zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert den Handel in mehr als 200 Städten Europas kontrollierte - den Wohlstand der Seefahrerstadt sieht man heute noch an den verzierten Fassaden.

Noja ist unpünktlich, aber er ist auch höflich. Für 10 Uhr hatten wir uns vor einem Hotel in der Fußgängerzone verabredet, und kurz nach 10 Uhr piept eine SMS im Mobiltelefon: Er habe sich etwas verspätet, säße jetzt aber im Bus und sei in 15 Minuten da, sorry, alles ok? Kein Problem, ok. Noja wird an diesem Vormittag durch Bergen führen, aber nicht auf den üblichen Trampelpfaden der Touristen-Guides. Der 20-jährige Graffitikünstler kennt seine Heimatstadt von einer anderen Seite, Hinterhöfe, Hafenschuppen und Brückenunterführungen gehören zu den Orten, an denen Bergen aus Sicht von Noja sein wahres Gesicht zeigt. Hier trifft er sich nachts mit seinen Freunden, immer auf dem Sprung vor der Polizei. Und er hat sich bereit erklärt, unter Wahrung seines richtigen Namens, die verschlungenen Wege zu den schönsten Graffiti zu zeigen.

Bergen: Das Hafenviertel Bryggen mit seinen Speicherhäusern steht im Unesco-Weltkulturerbe-Liste
DPA

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Noja - das ist sein Künstlername - gehört mit seinen 20 Jahren schon zu den alten Hasen der noch jungen Szene. Vor sechs, sieben Jahren war er einer der Ersten, die mit Spraydosen loszogen, um Bergen ein bisschen Ghetto-Flair zu bringen. Denn bis dahin gab es so etwas nicht, Subkultur fand hauptsächlich in den Videos der New Yorker Rap-Gruppen auf MTV statt und auf den Dokumentarfilmen übers Skateboardfahren und Graffitisprayen, die Noja sich über das Internet bestellte. Norwegens zweitgrößte Stadt aber schlummerte in sanfter Unschuld. Zwar hat Bergens Philharmonisches Orchester, in der Grieghalle beheimatet, internationales Renommee. Eine lebendige Jugendkultur aber, gar eine Subkultur konnte man in der Geburtsstadt von Edvard Grieg lange suchen. Jetzt aber erwacht die frühere Hansestadt. Junge Popbands aus Bergen wie die Kings of Convenience, Ephemera oder Ralph Myers' Jack Herren Band erobern die Charts in Europa.

"In Bergen hat sich eine sehr lebendige Szene entwickelt, mit Künstlern, Musikern, mit DJs", sagt auch Nils Petter Molvaer, der Trompeter aus der Hauptstadt Oslo, der mit seinen Crossover-Jazzprojekten zur Avantgarde einer neuen norwegischen Musik gehört. "Bergen ist sehr jung und sehr hip." In den Vierteln rund um die Universität entstehen immer neue, schräge Kleiderläden, Bars und Restaurants. Im Atelierpark USF, einer ehemaligen Sardinenkonservenfabrik, entwickeln Künstler Ausstellungsprojekte, die bis nach Oslo und über Norwegens Grenzen hinaus für Aufsehen sorgen. Und nun hat Bergen, denn das gehört zu einer Großstadt, sogar seine eigene Graffitiszene.

Noja ist um 10.15 Uhr am Hotel, die Schultern hochgezogen in der Morgenfrische, eine Baseballkappe tief im Gesicht, darüber die Kapuze eines großen Sweatshirts. Wir starten unseren Stadtrundgang und lassen die geschäftige Torgallmenningen hinter uns. Drei Stunden lang spazieren wir durch die Seitenstraßen von Bergen, über verlassene Werftgelände, unter großen Brücken hindurch und durch kleine Parks. Der Nebel wallt noch immer im Becken von Bergen. Hie und da bleibt Noja stehen und zeigt auf eine "gute Produktion", ein "starkes Stück Arbeit" oder auf "ein schwaches Ding". Überall in der Stadt sind Graffiti seiner Gruppe "First Class Assholes" oder die der Konkurrenz von "Crew" verteilt, meist ziemlich versteckt, weil es in der Metropole am Byfjord gar nicht so viele attraktive Wände gibt.

Graffitikünstler Noja: Privates Eigentum wird meist respektiert
Philip Wesselhöft

Graffitikünstler Noja: Privates Eigentum wird meist respektiert

Viele Häuser sind aus Holz und liebevoll restauriert, und "da gehen wir nicht 'ran", sagt der Graffiti-Sprayer. Privates Eigentum wird meist respektiert, vor allem wohl auch, weil Holz in Norwegen heilig ist und den Jugendlichen sonst der geballte Volkszorn gewiss wäre. Außerdem saugt Holz, so ganz nebenbei, die dreifache Menge Farbe auf, da wird die Graffiti-Kunst richtig teuer. Immerhin kostet eine Dose 40 Kronen, etwa 5 Euro. Für einen Tischlerlehrling wie Noja viel Geld. Und es drohen ja noch die Strafen, wenn man erwischt wird. Bislang verfolgt die Bergener Polizei die etwa 30 aktiven Sprayer eher halbherzig, wohl auch, weil die hauptsächlich da ihre Marken setzen, wo es kaum einer sieht.

Im Gegensatz zu Oslo, wo nach New Yorker Vorbild eine "Zero-Tolerance"-Politik verfolgt wird und eine eigene Graffiti-Soko eingerichtet wurde. Wer erwischt wird, darf mit empfindlichen Geldstrafen rechnen. Vor kurzem wurde ein Bekannter von Noja ertappt, der in Oslo ein paar Tags - gesprayte Namenskürzel - hinterlassen wollte. 90.000 Kronen darf der jetzt abbezahlen, knapp 11.000 Euro Strafe für einen 17-Jährigen. Ob der weitermacht? "Ich versteht die Frage nicht", sagt Noja mit einem Lächeln.

Am Ende unserer Tour biegen wir in der Innenstadt in die Lars Hilles Gate. Hier überrascht eine riesige, mintgrün gestrichene Wand. Auf der großen, einladenden Fläche ist nicht das kleinste Graffito zu entdecken. "Die Wand ist tabu", sagt Noja. "Wir respektieren die Besitzer." Diese Enthaltsamkeit - die Wand sieht geradezu verlockend jungfräulich aus - hängt mit einem Aufsehen erregenden Projekt vor zwei Jahren zusammen, als die hintere Hausfassade der Kunsthalle Bergen als "Die fünfte Wand" in die Kulturgeschichte von Bergen einging. Damals gab der Kurator der Kunsthalle die oberen zwei Drittel Wand frei für ausgewählte Sprayer, das untere Drittel stand jedem Jugendlichen mit einer Spraydose offen.

Graffiti in einer Unterführung: "Gute Produktion"
Philip Wesselhöft

Graffiti in einer Unterführung: "Gute Produktion"

Es entstand das mit 300 Quadratmetern größte Graffiti Skandinaviens - und ein solider Nachbarschaftsstreit. Weder die nahe Grieghalle noch das Museum für zeitgenössische Kunst nebenan wollten das riesige Wandgemälde tolerieren - konnten aber letztlich nichts dagegen unternehmen. Außerdem war das grelle Kunstwerk aus der Dose von Anfang an als zeitlich begrenzt gedacht, im Jahr darauf wurde es wieder entfernt. Mit der Versprechung, bald ein neues Projekt zu starten. "Da warten wir jetzt seit einem Jahr drauf", sagt Noja. "Aber es rührt sich nichts."

Denn bislang sind die Graffiti-Kids von Bergen nicht wirklich als Künstler akzeptiert - so wie in allen anderen Städten der Welt auch. "Wer in Norwegen als Jugendlicher auf sich aufmerksam machen will, muss schon ein erfolgreicher Sportler sein", sagt die Dokumentarfilmerin Tone Schulstock. Sie hat für das norwegische Fernsehen einen Film über das Projekt "Die Fünfte Wand" gedreht. Dabei hat die 43-Jährige Verständnis für die Jugendlichen entwickelt, die sich mit ihren Dosen an öffentlichen Gebäuden zu schaffen machen. "Graffiti ist eine Outdoor-Kunst", meint Schulstock. Und erzählt, dass auch Norwegens größter Künstler, Edvard Munch, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses von einer Ausstellung weg in Haft genommen wurde. "Seine Kunst galt damals auch als Beleidigung, bevor man sie schließlich akzeptierte." Heute hängt in fast jedem zweiten Museum Norwegens ein Munch-Gemälde, wobei das bekannteste, der Schrei, seit vergangenem Sommer nach seinem spektakulären Diebstahl aus dem Munch-Museum in Oslo verschwunden ist.

Künstlerin Maria Udd: "Bergen ist eine Stadt, die man leicht unterschätzt
Philip Wesselhöft

Künstlerin Maria Udd: "Bergen ist eine Stadt, die man leicht unterschätzt

Mit unsicheren Museen müssen sich die Künstler im USF noch nicht herumschlagen - die Mieter der Ateliers und Übungsräume in der umgebauten United Sardines Factory versuchen, ihre Kunst erst einmal in die Galerien und auf die Bühnen Bergens zu bekommen. Eine von den etwa 300 Malern, Bildhauern und Musikern, die hier auf insgesamt 12.000 Quadratmetern am Hafen residieren, ist Maria Udd. Die 36-Jährige lebt seit 1990 in Bergen und gehört zu den erfolgreichsten Künstlern der USF. "Bergen ist eine Stadt, die man leicht unterschätzt", sagt die gebürtige Schwedin. "Auf der einen Seite ist es so überschaubar, dass man jeden zu kennen glaubt. Und dann wieder entstehen ständig neue Trends, trifft man immer wieder neue Leute - ganz wie es in einer Metropole sein soll."

Ihre Ausstellung "SMS" ließ im vergangenen Sommer das Handy-verrückte Skandinavien aufhorchen - auf meterlangen Bannern hatte die Installations-Künstlerin SMS-Nachrichten vielfach vergrößert. Sie wollte so die Banalität, aber auch die Bedeutung zwischen den Zeilen der elektronischen Handy-Nachrichten darstellen. "SMS können lustig sein, wütend und poetisch", sagt die Künstlerin. "Und eben auch total überflüssig."

Seine Kunst halten auch viele für überflüssig, deswegen ist Graffiti-Sprayer Noja weiterhin nachts unterwegs. Früher war sein Antrieb hauptsächlich der Nervenkitzel, nicht entdeckt zu werden, heute sieht er sich tatsächlich mehr als Künstler, der "Wände lebendig werden lässt", wie er sagt. Seine Lehre als Tischler ist bald vorbei, dann will er sich noch mehr seiner wahren Passion zu widmen. Denn mittlerweile hat sich sein Talent herumgesprochen, und mancher hält die bunten Graffiti für überhaupt nicht überflüssig. Gerade hat Noja den ersten offiziellen Sprayjob bekommen, von einem renommierten Auftraggeber: Die norwegischen Marine möchte, dass er ihr neues Fitnessstudio mit einem großen Wandbild versieht.



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