Lipno in Südböhmen: Boomtown mit Baumwipfelpfad

Von Martin Cyris

Breite Pisten für schmale Geldbeutel: In Lipno im tschechischen Südböhmen tummeln sich Familien, Skianfänger - und Investoren. Aus einem tristen Dorf machten sie einen auch bei deutschen Urlaubern beliebten Wintersportort, der weiße Abfahrten bis Ende März verspricht.

Lipno in Südböhmen: Vom tristen Dorf zur Boomtown Fotos
Lipensko

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Knödel und Schweinebraten, Bratwurst und Krautfladen - die Küche ist gerüstet. Die Preise sind niedrig, die Qualität der Speisen etwas höher, das Motto heißt: Hauptsache satt. Der Ansturm erfolgt weit vorm Zwölf-Uhr-Läuten. In der Chata Lanovka (auf Deutsch Seilbahnhütte) fallen die Horden ein. Große und kleine Skistiefel stampfen durch das Restaurant, ein Sitzplatz ist kaum noch zu bekommen.

Auf der anderen Seite des Kramolin, dem knapp tausend Meter hohen Hausberg von Lipno, das gleiche Bild: In den Skihütten Yettiho und Cerna Bouda vertilgen Wintersportler Deftiges. Mike etwa, Urlauber vom Bodensee, beißt in eine Rote Wurst. Frittierfett läuft über seine Finger. "Hier wird für 15 Euro noch meine ganze Familie satt, inklusive Getränke", sagt er, "dafür kriegst du woanders gerade mal ein Hauptgericht." Seit 2007 kommt er regelmäßig nach Lipno, dem früheren deutschen Lippen.

Die Terrassen der urigen Hütten geben den Blick ins kaum bebaute Hinterland frei, auf verschneite Wiesen und Wipfel. Die hügelige Waldlandschaft Südböhmens erinnert an das Riesengebirge, die Heimat der Sagengestalt Rübezahl. Billige Würstchen und Rübezahl - darauf sollte man die tschechischen Skigebiete freilich nicht reduzieren. Schon gar nicht Lipno.

"Die investieren das Geld, das sie einnehmen", sagt Mike, "jedes Jahr kommt etwas Neues hinzu." Vor wenigen Jahren wurden die alten Liftanlagen durch neue Sessellifte ersetzt. "Dort drüben, da war früher ein Schlepplift mit Kurve. Da konntest du zugucken, wie die Leute reihenweise rauskrachten."

(Kunst-)Schneegarantie bis Ende März

Seit den Umbauten ist Lipno in der Spur und auch dank seiner Talsperre. Das im Volksmund Tschechisches Meer oder Moldaustausee genannte Gewässer bietet vom Gipfel des Kramolin einen eisigen Anblick. Es ist das anscheinend unerschöpfliche Wasserreservoir für die rund 40 Schneekanonen im Skigebiet. Für sieben eher gemächliche Pistenkilometer ist das eine beachtliche Zahl. Bis Ende März sorgt die Beschneiungsanlage fast durchweg für gute Verhältnisse.

Der Stausee bringt Lipno nicht nur Kunstweiß ohne Ende, sondern auch einen warmen Regen. Denn der Zweiklang aus Schnee und See lockt Investoren. Das niederländische Unternehmen Landal GreenParks baute einen Ferien- und Wassersportpark direkt am Stausee. Andere zogen nach, in diesem Winter stehen bereits 4000 Gästebetten in Lipno zur Verfügung, zumeist in Apartmentanlagen. Weitere sind geplant.

Das einst triste Dorf ist kaum wiederzuerkennen: Noch vor wenigen Jahren bestand Lipno (kompletter Name: Lipno nad Vltavou) aus ein paar grauen Wohnblöcken, einfachen Ferienhäusern und Schrebergärten. Heute erspäht man bei der Talabfahrt die neuen Hotels, Apartmenthäuser und eine kleine Geschäftsmeile. Bunte Neonreklame vermittelt ein Gefühl von Glanz und Bedeutung. Allerdings noch etwas schüchtern.

Denn allzu glamourös will Lipno auch wieder nicht rüberkommen. Während in den Alpen die Nachfrage nach Komfort und Kulinarik von Jahr zu Jahr immer noch raffinierter und vehementer befriedigt wird, konzentriert man sich in Lipno auf die Grundbedürfnisse: Ski fahren, satt werden und parken. Letzteres ohne Wenn und Obolus.

Skikurs für 20 Euro, Parkplätze umsonst

Schließlich lebt der Ort - wie die anderen Wintersportorte Tschechiens - vom Image als familienfreundliche Preiswert-Alternative zu manch überteuertem Bermudadreieck in den Alpen. In Lipno jedenfalls verschwindet der Inhalt der Urlaubskasse nicht urplötzlich im Nichts. Die Nebenkosten erscheinen steuerbar. Für zwei Stunden Skikurs werden nur rund 20 Euro fällig.

Das lässt auch verstärkt deutsche Urlauber aufhorchen: "Die Deutschen entdecken uns gerade", sagt Jiri Falout, Sprecher des Liftbetreibers Lipno Servis. In diesem Winter machen deutsche Urlauber schon die zweitstärkste Kraft aus, hinter den Holländern. Einträchtig kurvt man die Pisten hinunter - auch nach 18 Uhr: Nachtskilauf wird täglich angeboten. Konsequenterweise ohne Extragebühr.

Lipno bietet alles, nur keinen Prunk und Pomp. Die Dienstleistungen sind durchweg unmondän. Manchmal jedoch auch unverständlich: Mit Verständigungsproblemen ist zu rechnen, Englisch sprechen nur wenige Servicekräfte. Verwöhnte Naturen könnten die hemdsärmelige Mentalität der Einheimischen mitunter als unbeholfen und ungeschliffen empfinden. Alles Geschmacks- und Einstellungssache.

Typisch Lipno ist auch das neue Wahrzeichen: der Baumwipfelpfad. Wie ein surreales Bauwerk überragt die Holzkonstruktion die Wipfel des Kramolin und bildet eine Attraktion im ereignisarmen Südböhmen. Im vergangenen Sommer wurde der Pfad mit Blick auf den Moldaustausee eröffnet. Seitdem gilt: Über allen Wipfeln ist keine Ruh. Nicht nur wegen des mitunter kräftigen Ostwindes.

Der Pfad sorgte für einen kräftigen Besucherschub. Die Touristiker sind verzückt: "Jetzt kommen auch Besucher außerhalb der Hochsaison", sagt Jitka Fatkova, Sprecherin eines örtlichen Tourismusbüros. In den ersten sechs Monaten nach der Eröffnung sei Lipno der meistbesuchte Ort Tschechiens gewesen - hinter Prag. Aus dem grauen Dorf ist eine kleine Boomtown geworden. "In Lipno soll die Saison nie mehr enden.", wünscht sich Fatkova.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Lipno & Cesky Krumlov
airwizard 08.03.2013
In der Nähe vom Lipno ist Cesky Krumlov. Ein Städtchen mit dem Prädikat Unesco Weltkulturerbe. Taugt sehr gut als Schlechtwetterprogramm.
2. Wer schreibt das eigentlich?
kutny 08.03.2013
Sollte man sich als Reisejournalist nicht zumindest richtig über Namen informieren? Die "Skihütte Yettiho", heisst eigentlich "U Yettiho" wie auf dem Foto zu sehen, das heisst übersetzt "Beim Yeti" oder "Zum Yeti". Auch würde ich vorsichtig sein mit Formulierungen wie "dem früheren deutschen Lippen", nur weil die Nazis das Land widerrechtlich besetzt haben bedeutet das nicht, daß Lipno deutsch war, in diesem Sinne könnte man von Chemnitz auch vom früheren Karl-Marx-Stadt reden, was nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Bei den Preisen kommt es natürlich auch auf die Herkunft an, für einen tschechischen Durchschnittsverdiener sind das nicht unbedingt Spottpreise.
3. Bin schon erstaunt lesen zu müssen, Südböhmen
zwischendominante 09.03.2013
sei ereignisarm. Als ich einen ganzen Sommerurlaub dort verbrachte, erlebte ich genau das Gegenteil: jede Menge wunderbarer und lehrreicher Wanderrouten, neben Cesky Krumlov auch andere sehr schöne Altstädte wie Prachtice, das Museumsdorf Holasovice, Schloss Kratochvile, Kloster Zlata Koruna und und und ... Hinzu kommt, dass durch die offene Grenze Böhmerwald und Bayerischer Wald (beide mit jeweils beträchtlichem Nationalpark-Anteil) durchaus als eine kompakte Kultur- und Naturlandschaft wahrnehmbar sind. "Billige Würstchen und Rübezahl - darauf sollte man die tschechischen Skigebiete freilich nicht reduzieren." - und doch tut es der Beitrag über lange Strecken ... Außerdem erschließt sich mir der Zusammenhang zum Riesengebirge nicht. Der Böhmerwald hat m.E. landschaftlich wie kulturell so viel Eigenständigkeit, dass sich der Vergleich erübrigt und Rübezahl meines Wissens gar nichts mit dem Böhmerwald zu tun hat ...
4. Deutsch geprägt.
Heitgitsche 09.03.2013
Zitat von kutnySollte man sich als Reisejournalist nicht zumindest richtig über Namen informieren? Die "Skihütte Yettiho", heisst eigentlich "U Yettiho" wie auf dem Foto zu sehen, das heisst übersetzt "Beim Yeti" oder "Zum Yeti". Auch würde ich vorsichtig sein mit Formulierungen wie "dem früheren deutschen Lippen", nur weil die Nazis das Land widerrechtlich besetzt haben bedeutet das nicht, daß Lipno deutsch war, in diesem Sinne könnte man von Chemnitz auch vom früheren Karl-Marx-Stadt reden, was nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Bei den Preisen kommt es natürlich auch auf die Herkunft an, für einen tschechischen Durchschnittsverdiener sind das nicht unbedingt Spottpreise.
Deutschböhmen war 800 Jahre von Deutschen besiedelt, die Kultur und Geschichte sind deutsch geprägt. Dies gehört zum Allgemeinwissen in Deutschland und Europa. Karl Marx Stadt war ein kommunistischer Kunstbegriff, der gottseidank der Vergangenheit angehort. Es ist selbstverständlicher Usus in (West)Europa, Ortsnamen in beiden Sprachen zu verwenden, siehe Elsass und Südtirol
5.
owen breon 09.03.2013
Zitat von sysopBreite Pisten für schmale Geldbeutel: In Lipno im tschechischen Südböhmen tummeln sich Familien, Skianfänger - und Investoren. Aus einem tristen Dorf machten sie einen auch bei deutschen Urlaubern beliebten Wintersportort, der weiße Abfahrten bis Ende März verspricht. Südböhmen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/suedboehmen-a-887386.html)
"das frühere deutsche Lippen". Pardon? Lipno war nie deutsch. Was Soll diese komische deutschnationale Rhetorik hier? Lipno war maximal südböhmisch und damit Teil der Habsburgermonarchie. Aber nicht "deutsch".
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